Rentner erkämpft sich Haltestelle

Die VBZ wollten die Station Wetlistrasse bis im Advent aufheben. Dagegen wehrten sich ein emeritierter ETH-Professor und andere Anwohner – mit Erfolg.

«Wenn man will, dann geht das»: Robert Fechtig vor der provisorischen Haltestelle. Foto: Dominique Meienberg

«Wenn man will, dann geht das»: Robert Fechtig vor der provisorischen Haltestelle. Foto: Dominique Meienberg

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Es wäre beispiellos in der Geschichte der VBZ: Vier Monate, von August bis Anfang Dezember, sollte die Linie 11 an der Tramstation Wetlistrasse zwischen Hegibachplatz und Balgrist vorbeifahren, ohne zu halten. Stadteinwärts und stadtauswärts. Für die Bäckerin und für den Metzgermeister, die bei der Haltestelle ihren Laden führen, ein «Horrorszenario». Für die ältere Menschen «mühsam», sagt ein langjähriger Anwohner.

Schon seit vergangenem ­Februar hält dort das Tram in Fahrtrichtung Rehalp nicht mehr. Grund dafür sind grössere Sanierungsarbeiten an den über 100-jährigen Infrastrukturleitungen an der Forchstrasse sowie die vollständige Erneuerung der Haltestelle.

Das Hirslandenquartier ist überaltert, viele Menschen sind schlecht zu Fuss und auf Geh­hilfen angewiesen. Zu ihnen gehört Robert Fechtig. Seit Geburt lebt er in diesem Stadtviertel im Kreis 7, ist mittlerweile fast 88 Jahre alt und geht am Stock. Einfach die nächstgelegene Haltestelle benutzen, so wie das die Projektleitung in diesem speziellen Fall als beste Lösung erachtet, «das ist nicht allein für mich zu beschwerlich», sagt er. Das behördliche Verdikt wollte er darum nicht kampflos hinnehmen.

Er ist vom Fach

Fechtig ist emeritierter ETH-Professor für Bauverfahrenstechnik und Baubetrieb. Er hat über den Bau der S-Bahn publiziert sowie Wanderausstellungen über historische Alpendurchstiche in der Schweiz und über die Neat mitgestaltet. Er konnte und wollte nicht verstehen, dass die Stadt Zürich für die Sanierung der Forchstrasse keine Lösung fürs Tram gefunden hat. «Das müsste doch technisch machbar sein, dass Fahrgäste im Minimum immer auf einer Seite ein- oder aussteigen können», war sich Fechtig sicher. Und so legte er sich, frei nach dem Leitspruch «wenn man will, dann geht das», mit den Behörden an. Dabei half ihm die reiche berufliche Erfahrung und obendrein jene als langjähriger Hirslander Quartiervereinspräsident.

Im Frühsommer nahm Fechtig mit der Bauleitung Verbindung auf; im ersten Anlauf blitzte er ab. In einem nächsten Schritt schlug er den VBZ grad selber den Standort einer provisorischen Haltestelle als machbare Lösung vor. Ohne Erfolg. Dennoch liess sich der Hirslander nicht entmutigen und insistierte. Nach einem Treffen vor Ort mit den Projektleitenden habe er schliesslich «im gemeinsamen Dialog» erreicht, dass seine Idee umgesetzt wird, erklärt Fechtig.

Zumindest «versuchsweise», wie Sabina Mächler, Sprecherin im Tiefbauamt, nachträglich festhält. Das Tiefbauamt ist zusammen mit den VBZ für die Baustelle zuständig. Fechtigs Vorschlag gründet auf einer leicht verschobenen, sogenannten Kaphaltestelle auf der Baustellenfahrbahn stadteinwärts; Autos, Forchbahn und Trams verkehren dabei auf demselben Trassee. Nun hält der 11er seit letzten Dienstag wieder einseitig an der Wetlistrasse.

Nur 300 Meter gehen

Weshalb aber war dort nie ein solches Provisorium geplant, vielmehr die totale Aufhebung vier Monate lang? Sprecherin Mächler sagt, man habe sehr wohl Alternativen geprüft. «Wir sind dabei zum Schluss gekommen, dass wir mit massiven Verkehrsbehinderungen rechnen müssen.» Da die benachbarten Haltestellen Hedwigsteig und Burgwies eine geringe Ent­fernung zur nicht bedienten Tramstation aufweisen, sei das Wohnquartier noch immer gut erschlossen. Die maximale Gehdistanz bis zur nächsten Haltestelle betrage lediglich 300 Meter. «Aus diesem Grund halten wir den etwas längeren Weg für zumutbar.» Auch für jene Fahrgäste, die mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen unterwegs sind, sei dort eine provisorische Haltestelle keine Lösung. Für diese Passagiere sei es besser, die stufenfrei ausgebauten Nachbarhaltestellen zu benützen, sagt Sabina Mächler.

Metzgerei Gasser schliesst

Und wie kommt die Kritik des lokalen Gewerbes bei der Stadt an, weil es erhebliche Umsatzeinbussen in Kauf nehmen muss? Nachteile für angrenzende Läden während der Sanierungszeiten seien «nicht vermeidbar», lautet da die Antwort. Die Geschäfte würden stets weit im voraus darüber ins Bild gesetzt.

So oder so – die Quartiermetzgerei Gasser, ehemals Hänni, stellt ihren Betrieb Ende November ein. Nicht nur, aber auch wegen der ständigen Bauarbeiten in der Forchstrasse. Derweil freut sich Rentner Robert Fechtig zusammen mit seinen Alters­genossen und den Ladenbesitzern im Quartier, dass die Welt in Hirslanden mit der provisorischen Haltestelle zur Zeit einigermassen in Ordnung ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 21:58 Uhr

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