Jetzt erhalten die Stadtzürcher Sanitäter stichsichere Westen

300 heikle Situationen in einem Jahr: Zürcher Notärzte rüsten sich gegen Messerangriffe.

Rettungssanitäter – hier im Einsatz am Zürcher Bellevue – müssen in Menschenmengen den Überblick behalten. Foto: Alessandro Della Bella

Rettungssanitäter – hier im Einsatz am Zürcher Bellevue – müssen in Menschenmengen den Überblick behalten. Foto: Alessandro Della Bella

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Sie rücken aus, um anderen das Leben zu retten. Wenn Sanitäter gerufen werden, ist meist jemand verletzt und benötigt dringend Hilfe. Immer wieder sind sie aber auch im Einsatz, wenn gewalt­tätige Menschen aufeinander losgehen und begeben sich so selbst in Gefahr – zum Beispiel im Sommer 2018.

Damals rückten Rettungs­sanitäter aus, weil an der See­promenade ein Mann niedergestochen worden war. Kaum angekommen, gerieten sie in eine Strassenschlacht. Dutzende Jugendliche hatten Polizisten angegriffen, die den Einsatz begleiteten. Deshalb mussten sich auch die Rettungssanitäter in Sicherheit bringen, statt ihrer Aufgabe nachgehen zu können und dem verletzten Mann zu helfen.

Bisweilen sind die Sanitäter selbst Zielscheibe von Gewalt – teilweise gar von Verletzten, denen sie helfen wollen. Wenn diese beispielsweise unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol stehen. Gefährlich sind beispielsweise auch Szenen, wenn etwa im Ausgang Aussenstehende die Rettungskräfte angreifen.

Schutzweste in Griffnähe

Im vergangenen Jahr waren die städtischen Sanitäterinnen und Sanitäter gut 38'000-Mal im gesamten Einsatzgebiet unterwegs. Bei rund 300 davon kam es zu heiklen Situationen. Zumeist waren die Einsatzkräfte mit verbaler Gewalt konfrontiert, in einigen Fällen wurden sie aber auch körperlich angegriffen. Genaue Zahlen kann Schutz und Rettung nicht nennen. Erfasst werde nur, was die Mitarbeitenden rapportierten. Dabei sei das Empfinden der Gewalt subjektiv, sagt SRZ-Sprecher Ivo Bähni. «Doch die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren auch mit Blick auf die Vorkommnisse im nahen Ausland wesentlich verändert.»

«Die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren auch mit Blick auf die Vorkommnisse im nahen Ausland wesentlich verändert.»

Deshalb hat Schutz und ­Rettung entschieden, für alle 370 Sanitäter, Piketoffiziere und Notärztinnen schuss- und stich­sichere Westen anzuschaffen. In einer öffentlichen Ausschreibung sucht Schutz und Rettung zurzeit Überziehwesten, die über der Einsatzkleidung getragen werden können. «Die Sicherheit für unsere Mitarbeitenden steht an oberster Stelle», begründet Bähni den Entscheid.

Bei den meisten Einsätzen dürfte die Weste im Rettungs­wagen bleiben. Doch die Wahrscheinlichkeit von sogenannt dynamischen Risiko-Einsätzen ist gemäss SRZ gestiegen. Es kann sich dabei um scheinbar sichere Situationen handeln, in denen die Rettungskräfte unvorhergesehen in eine gefährliche Lage geraten. Bei solchen Einsätzen liegt die Schutzweste künftig griffbereit im Rettungswagen und kann unkompliziert angezogen werden. Es werde aber auch Einsätze geben, bei denen das Tragen der Weste Pflicht sei. Etwa wenn das Stichwort «Schiesserei» fällt, sagt Bähni.

Mit Pfeffersprays unterwegs

Bisher konnten Sanitäterinnen und Sanitäter eine Schutzweste beantragen. Diese war aber sechs Kilogramm schwer und konnte nur unter der Einsatzkleidung getragen werden. Deshalb machten nur wenige von dieser Möglichkeit Gebrauch. Auch die neuen Westen würden die Rettungskräfte «ein Stück weit einengen», etwa bei Reanimationen, sagt Bähni. Doch nur wenn die Rettungskräfte selbst sicher seien, könnten sie anderen helfen. «Mit den neuen Westen können wir rascher auf eine Gefahrenlage ­reagieren.»

Die Schutzwesten sind aber nicht das Einzige, was Schutz und Rettung für die Mitarbeiter unternimmt, um sie besser vor Gewalt zu schützen. Sie erhalten auch regelmässige Schulungen, und bei der Einsatztaktik spielt die Prävention eine wichtige Rolle.

Seit längerem können sich die Sanitäter mit Pfeffersprays ausrüsten. Etwa drei Viertel von ihnen machen davon Gebrauch. Wer einen Pfefferspray mit sich führen will, erhält zuvor von der Stadtpolizei Zürich eine professionelle Schulung.

Erstellt: 17.09.2019, 22:00 Uhr

Auch Zürcher Polizei mit neuen Schutzwesten

Auch die Stadtpolizei Zürich hat kürzlich 1000 neue schuss- und stichsichere Schutzwesten beschafft. Dafür bezahlte sie über 2,3 Millionen Franken, wie der Ausschreibungsplattform Simap zu entnehmen ist. Bei den neuen Schutzwesten handelt es sich um eine Ersatzbeschaffung. Das heisst, die Stadtpolizei Zürich setzt weiterhin auf die bewährte Kleidung.

Auf Anfrage hält ein Polizeisprecher fest, dass es sich dabei um andere Schutzwesten handelt, als sie nun etwa Schutz & Rettung für die Sanitäter im Fronteinsatz anschafft. Eine gemeinsame Anschaffung hätte deshalb keinen Sinn ergeben.

Überzieher für Kapo

Auf eine neue Art von Schutzwesten setzt seit dem vergangenen Jahr das Korps des Kantons Zürich. Seine Polizistinnen und Polizisten können die Westen künftig über der restlichen Kleidung tragen. Die neuen Gilets schaffte die Kantonspolizei im Dezember an. Sie ersetzen gestaffelt die bisherigen Unterziehschutzwesten, die ohnehin hätten ersetzt werden müssen. Bis 2022 sollen alle Polizistinnen und Polizisten über die neuen Westen verfügen, welche die ballistischen Einschubschutzelemente auf der Vorder- und der Rückseite aufnehmen können.

Damit sei das ständige Tragen der Schutzausrüstung nicht mehr notwendig, teilte die Kantonspolizei mit. Für die rund 1700 Schutzwesten bezahlte die Sicherheitsdirektion insgesamt 960'000 Franken.

Spezialkräfte in neuem Look

Zudem hat die Kantonspolizei Zürich jüngst 290'000 Franken in neue Ganzkörperschutzausrüstung investiert. Damit kleidet sie die Spezialeinsatzkräfte am Flughafen Zürich ein, wie die ­Sicherheitsdirektion vergangene Woche mitteilte. Das neue Modell werde von anderen Sondereinheiten im In- und Ausland erfolgreich eingesetzt.
(zac)

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