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Revolutionär dumm

Die Frauen wollen am kommenden Samstag trotz Corona-Angst und Versammlungsverbot in Zürich demonstrieren. Das ist zutiefst unsolidarisch.

Revolutionär dumm: Anonyme Frauen-Aktivistinnen mit Rykart-Karikatur. Foto: PD
Revolutionär dumm: Anonyme Frauen-Aktivistinnen mit Rykart-Karikatur. Foto: PD

Wir befinden uns im Jahr 2020 nach Christus. Ganz Europa ist von der Corona-Angst besetzt. Ganz Europa? Nein! Ein kleines Gremium von unbeugsamen Zürcher Frauen hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Widerstand gegen alles Mögliche: das Patriarchat, die Doppelmoral des Bundes und Versammlungsverbote. Am meisten aber gegen jegliche Vernunft.

Es geht um den Frauentag am 8. März und den traditionellen Umzug, der in den letzten zwanzig Jahren immer unbewilligt stattgefunden hat und auch am kommenden Samstag so geplant ist. Und zwar gleich im doppelten Sinn, da seit einer Woche in der ganzen Schweiz Menschenansammlungen ab 1000 Personen verboten sind, weshalb reihenweise Fasnacht, Messen und Konzerte abgesagt wurden.

Mehr Anreiz als Hemmung

Das aber ist den Frauen egal, einer Revolutionären sind Verbote ohnehin mehr Anreiz denn Hemmung. So jedenfalls muss man die Kampfaussagen der Organisatoren in den vergangenen Tagen auffassen. Nachdem die Polizeivorsteherin Karin Rykart anregte, die Veranstaltung doch bewilligen zu lassen, wurde dies als «lächerlicher Versuch, die traditionell unbewilligte Frauendemo bewilligen zu lassen» zurückgewiesen – ohne dass klar wird, was genau gegen eine solche Legalisierung eigentlich spricht.

In einer offiziellen Mitteilung zeigen sich das «Frauen*bündnis Zürich und Feministisches Streikkollektiv/Frauen*streikkollektiv» frei jeden Zweifels, wie man mit der Corona-Bedrohung umgehen soll: «Unsere feministische Antwort auf diese ‹Krise› lautet, auf zur Frauen*demo und auf zum feministischen Streik am 7. und 8. März 2020!»

Darauf folgt eine lange Abhandlung über die Doppelmoral der Behörden mit ihren Versammlungsverboten, die nur die Wirtschaft, nicht aber die Bevölkerung schützen wollten. Gerade das Personal in klassischen Frauenberufen wie im Verkauf oder in der Pflege sei dem Risiko am meisten ausgesetzt. «Solange Supermärkte, Bahnhöfe und Pendlerzüge nicht reorganisiert werden müssen, sehen wir keinen Grund, warum Veranstaltungen, die draussen und dazu noch in Bewegung sind, an denen man den Abstand zu anderen Menschen selbst regulieren kann, nicht stattfinden sollen.» Das Ganze schliesst mit dem Aufruf: «Kommt und seid laut! Solidarität ist der beste Gesundheitsschutz!»

Man gefährdet auch jene, mit denen man sich solidarisiert

Ach ja, ist er das? Angesichts der ernst zu nehmenden Corona-Bedrohung sieht es doch so aus: Ein Aufruf zur Demonstration in der gegenwärtigen Situation, da man mit immensem Aufwand immer noch versucht, das Virus einzudämmen, ist unsolidarisch und dumm. Auch die Argumentation, das Ganze finde ja im Freien statt und man könne den Abstand zu den Menschen selber wählen, ist zu kurz gedacht.

Dem Virus ist es natürlich egal, warum Menschen sich versammeln oder wer beim Versuch, eine Armlänge Abstand zu halten wie erfolgreich ist. Jede Ansammlung birgt das Risiko einer exponentiellen Verbreitung. Und wie solidarisch ist es eigentlich, wenn alle Konzertveranstalter sich an die für sie schmerzhaften Versammlungs-Vorschriften halten müssen, die Frauen aber trotzig auf ihrer Demo bestehen, weil man das schon immer so gemacht hat?

In dieser trotzigen Art auf die Demo zu bestehen, ist irrational. Das sollten auch die Revolutionärinnen einsehen.

Unsolidarisch ist es auch, weil es bei einer solchen Krankheit nicht bloss darum geht, ob man bereit ist, das Risiko einer Ansteckung sich selber oder seinen Kindern zuzumuten. Denn jede Ansteckung, selbst wenn sie wie bei Frauen und Kindern vermehrt einen milden Verlauf nimmt, gefährdet auch Menschen, die ein grösseres Risiko tragen: die männlichen, älteren und schwächeren in erster Linie. Aber auch die besonders exponierten Bevölkerungsgruppen, mit denen sich zu solidarisieren die Frauengruppen vorgeben.

So sehr man als Frau Sympathien hegen mag für den revolutionären Gestus, der einst angebracht war, um verkrustete Geschlechterverhältnisse aufzubrechen, und so sehr man diesen revolutionären Gestus vor allem jüngeren Aktivistinnen zugestehen mag, weil sie vermutlich einfach noch zu wenig über Revolutionen wissen, um zu begreifen: In dieser trotzigen Art auf die Demo zu bestehen, ist irrational. Das sollten auch die Revolutionärinnen einsehen.

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