Zürich kriegt schon wieder eine Riesenbaustelle

Um die Altstadt vor Hochwassern zu schützen, wird die Rathausbrücke abgebrochen und neu gebaut. Auch das Rathaus soll ab 2023 saniert werden.

Mit der Idylle dürfte es ab 2023 vorbei sein: Die zu ersetzende Rathausbrücke. Foto: Sabina Bobst

Mit der Idylle dürfte es ab 2023 vorbei sein: Die zu ersetzende Rathausbrücke. Foto: Sabina Bobst

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Seit ein paar Jahren herrscht am Limmatquai Ruhe: keine Presslufthämmer, kein Autolärm, keine Abschrankungen und Umleitungen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, da die Verwaltung die nächste Grossbaustelle in der Innenstadt plant. Diesmal geht es um die Rathausbrücke. Sie ist nicht nur hässlich, sondern auch sanierungsbedürftig und zudem gefährlich: Bei einem extremen Hochwasser hätte die Limmat unter der Brücke zu wenig Platz, das Wasser würde über die Ufer treten und die Innenstadt fluten.

Das ist der Hauptgrund, weshalb die 1972 erstellte Ratshausbrücke nach 50 Jahren bereits wieder abgebrochen und neu gebaut wird. Wie Mike Sgier, Sprecher des Tiefbaudepartements, mitteilt, ist soeben das Nutzungskonzept für die neue Brücke abgeschlossen worden. Demnach sollen sämtliche heute auf der Brücke durchgeführten Aktivitäten wieder möglich sein – auch der samstägliche Gemüsemarkt.

Anfang Juni startet ein Vorqualifikationsverfahren, bei dem zwischen fünf und acht Teams ausgewählt werden, die Projektstudien erarbeiten. Die eigentliche Projektierung beginnt ein Jahr später, das Bewilligungsverfahren 2021. Abgebrochen und und neu gebaut wird die Rathausbrücke nicht vor 2023.


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Obwohl also noch Zeit bleibt, informieren die Verantwortlichen schon kommenden Donnerstag über den Planungsstand. Sowohl der Präsident des Quartiervereins Zürich 1, Peter Rothenhäusler, wie auch Christian Brugger, Präsident der Geschäftsvereinigung Limmatquai-Dörfli, haben sich in den Medien erfreut gezeigt, dass die alte Rathausbrücke ersetzt wird. Sie erhoffen sich eine Verschönerung der Innenstadt.

Kosten: 30 bis 40 Millionen

Zum Knackpunkt könnten die Kosten werden. Vor 16 Jahren wurde die Sanierung der Brücke aus Kostengründen zurückgestellt. Damals rechnete die Stadt mit 6,5 Millionen Franken. Vergangenen Herbst war von Baukosten in der Höhe von 20 Millionen die Rede. Laut neuen Schätzungen geht das Tiefbau­departe­ment von 30 bis 40 Millionen Franken aus. Derzeit feilschen Stadt und Kanton Zürich um die Kostenanteile. Die Brücke gehört zwar dem Kanton, ist aber ein Teil der städtischen Infrastruktur und wird deshalb von der Stadt quasi im Baurecht auch bewirtschaftet.

Hauptziel des Brückenneubaus wird es sein, den maximalen Durchfluss der Limmat zu erhöhen, da zwischen Langnau am Albis und Thalwil 2023 ein Stollen gebaut wird, durch den bei einem Extremereignis Wasser aus der Sihl in den Zürichsee geleitet werden könnte. Damit dies die Hochwassergefahr in der Stadt mindert, müsste aber durch die Limmat mehr Wasser abfliessen können, was mit der jetzigen Rathausbrücke nicht möglich ist.

Die städtischen Brückenpläne haben auch auf der kantonalen Baudirektion Aktivität ausgelöst; sie wartet schon lange auf eine günstige Gelegenheit, das Rathaus total zu sanieren. Im Parlamentsgebäude sind nicht nur die Wasserleitungen und die Heizung zu erneuern, sondern auch die Elektronik. Im denkmalgeschützten Haus aus dem Jahr 1698 sind sämtliche alten Kamine mit Kabeln vollgestopft. Zudem hat das Rathaus keinen zweiten Ausgang. Im Falle eines Feuers wären die Parlamentarier in ihrem engen Saal gefangen. Notfalls käme lediglich ein Sprung in die Limmat infrage, was ebenso lebensgefährlich wäre, wie im brennenden Rathaus zu bleiben: Meist ist die Limmat zu kalt zum Schwimmen und auch zu wenig tief für einen Sprung aus 10 Meter Höhe.

Wie Thomas Maag sagt, Sprecher der Baudirektion, erarbeitet der Kanton derzeit ein Nutzungskonzept. Anfang 2019 soll ein Projektwettbewerb folgen. Ziel ist es, die Sanierung des Rathauses zeitgleich mit dem Neubau der Brücke durchzuführen. Die Bauerei dürfte auch Auswirkungen auf den Betrieb im Rathaus haben, weil es kaum möglich sein wird, auf dieser Baustelle Parlaments­debatten abzuhalten. So ist es wahrscheinlich, dass der Kantonsrat, der Gemeinderat und auch die Kirchensynode länger auswärts tagen müssen. Einen Probelauf hat der Kantonsrat bereits hinter sich, als er vergangenen Sommer zum 100-Jahr-Jubiläum des Proporzwahlrechts in einer Sulzer-Industriehalle in Winterthur getagt hat.

Information des Tiefbaudepartements zum Neubau der Rathausbrücke: Donnerstag, 17. Mai, 17.30 Uhr im Zürcher Rathaus.

Erstellt: 15.05.2018, 06:09 Uhr

Es drohen Schäden in Milliardenhöhe

Keine Stadt in der Schweiz ist durch Hochwasser stärker gefährdet als Zürich.

Am 22. August 2005 ist Zürich mit dem Schrecken davongekommen. An diesem Tag regnete es – wie schon die Tage zuvor – wie aus Kübeln. Die Sihl führte Wasser wie selten zuvor, das Gebiet wurde auf die Evakuierung vorbereitet. Zum Glück für Zürich lag das Zentrum der Unwetter im Berner Oberland; wäre die Sihl an jenem Tag über die Ufer getreten, hätte das in der Stadt Schäden in der Höhe von rund 6,7 Milliarden Franken angerichtet – die immensen Folgekosten nicht einberechnet.

Etwa fünf Quadratkilometer Stadt­gebiet wären bis zu einem halben Meter unter Wasser gestanden, Keller, Parkhäuser und das Shop-Ville wären geflutet gewesen. Gemäss einer Risikoeinschätzung des Bundes gibt es kein Gebiet im Land, in dem die Schäden nach einem Extremhochwasser höher wären als in der Stadt Zürich.

Um eine solche Katastrophe zu verhindern, hat der Kanton den Hochwasserschutz inzwischen verbessert. Unter dem Zürcher Hauptbahnhof wurde die Sihl ausgebaggert, im Sihltal ist unterdessen ein Schwemmholzrechen in Betrieb. Zudem hat man die Hochwasserprognosen verbessert.

Wenn Gefahr droht, kann der Sihlsee schon Tage vorher entleert werden, damit er mehr Wasser aufnehmen kann, wenn der Regen einsetzt. Mit dem geplanten Entlastungsstollen vom Sihltal in den Zürichsee für 130 Millionen Franken soll auch ein sogenanntes Extremhochwasser ohne grosse Schäden bewältigt werden können. Daniel Schneebeli

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