Rolltreppen und fliegende Dächer

Wie die öffentlichen Plätze im neuen Zürcher Hochschulquartier aussehen werden.

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Bisher musste der Zürcher Stadtrat mit dem Vorwurf leben, bei zentralen städtebaulichen Themen die zweite Geige zu spielen. Da war die Europaallee, wo die SBB den Ton angaben. Da ist das Kasernenareal, wo der Kanton dominierte. Und da ist als jüngstes Beispiel der Totalumbau des Hochschulquartiers.

Während Kanton, ETH, Universität und Unispital den Diskurs über die immensen Neubauten bestimmten, die dort entstehen, durfte Stadtrat André Odermatt jeweils über das sogenannte Stadtraumkonzept referieren: Leitlinien für Plätze, Strassen und Bäume. Kritiker monierten, Zürich überlasse den Städtebau anderen und gestalte bloss die Zwischenräume.

Als Odermatt gestern jedoch an einer grossen Medienkonferenz zum Hochschulquartier die Ergebnisse dieser Arbeit präsentierte, wurde offensichtlich, warum die Stadt ihren Schwerpunkt auf das Stadtraumkonzept legte. Und woher die Zuversicht rührte, auf diesem Weg den neuen Stadtteil beleben zu können. Denn aus dem Konzept jenes interdisziplinären Projektteams, das sich im Wettbewerb gegen andere durchgesetzt hat, stechen zwei Elemente heraus, die das Potenzial haben, für Zürich ein Gewinn zu werden. Das wird anhand der Visualisierungen ersichtlich – auch wenn Odermatt klarstellte, dass es sich erst um Ideen handelt und nicht um konkrete Projekte.

Der Park wird geöffnet

Das erste Element ist die Transformation des heute in sich gekehrten Spitalparks in den offenen «Gloria-Park». Uni-Rektor Michael Hengartner hat auch schon von einem «Zürcher Central Park» geschwärmt. Kritiker des Hochschul­gebiets zweifeln, dass so etwas möglich ist, weil die eine Hälfte des Park vollständig von den alten Spitalbauten aus den Fünfzigerjahren umklammert ist. Im von Odermatt präsentierten Stadtraumkonzept wird dieses Defizit kompensiert, indem die andere Hälfte mit einer umso grosszügigeren Geste zur Strasse hin geöffnet wird. Die Planer haben dafür die «Parkschale» erfunden: einen Ring von Treppen und Aufenthaltsbereichen, der dem Park vorgelagert ist und an der Ecke Rämi-/Gloriastrasse von einem architektonisch originellen Blickfang geprägt ist. Die Planer werfen als Idee ein «nahezu fliegendes Dach» auf, optisch ähnlich unverwechselbar wie etwa das Wartehaus am Bellevue.

Anstehende Grossprojekte im Hochschulquartier
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Heute befindet sich an dieser Ecke, wo die Trams Richtung Zoo abzweigen, nur eine unauffällige Kreuzung. Den Blick in den Park versperren Mauern, Hecken und Parkplätze. Mit dem Umbau des Quartiers wird diese Kreuzung aber zur zentralen Tramhaltestelle umgebaut. Wer künftig dort aussteigt, dürfte optisch via Parkschale in den Park gezogen werden.

Bis diese Vision Realität ist, wird es laut Odermatt allerdings noch lange dauern. Denn die Umbauten des Hochschulquartiers werden sich voraussichtlich bis in die 2030er-Jahre hinziehen – bis dahin wird also ein grosser Teil des Parks mit den Ersatzprovisorien des Unispitals verstellt sein.

Die neue Zugangsachse

Das zweite auffällige Element des Stadtraumkonzepts ist die «Sternwartkaskade»: eine neue Zugangsachse zum Hochschulquartier für Fussgänger, die sich vom Central in gerader Linie hinaufzieht zu einem neuen Park rund um die historische Sternwarte. Der untere Zugang soll markant gestaltet sein, mit Infozentrum, Kiosk und Veloparking, ­sodass auf einen Blick klar wird, wohin der Weg führt. Dann geht es mit Rolltreppen unter dem Hirschengraben hindurch und entlang der Polybahn – ähnlich, wie das Stadtrat Filippo Leutenegger schon vorgeschlagen hat.

Man darf allerdings nicht mit einer Sogwirkung rechnen, wie sie etwa die Treppe zur Sacré-Cœur-Kirche im Pariser Montmartrequartier entwickelt. Zwar hätte das schmucke Zürcher Sternwartengebäude durchaus zeichenhaften Charakter, aber es fehlt eine direkte Sichtverbindung hinauf. Zudem ist es hinter einem geschützten ETH-Altbau versteckt, der den Weg verstellt. Dieses Gebäude soll zwar zu einem Forum umfunktioniert und geöffnet werden, aber grosse bauliche Eingriffe sind kaum möglich. Schliesslich scheint im unteren Bereich der Achse zu wenig Platz vorhanden für einen grosszügigeren Aufgang.

Verbindliche Vorgaben

Das Stadtraumkonzept gibt darüber hinaus öffentliche Nutzungen vor und zeichnet ein differenziertes Wegnetz durchs Quartier: unter anderem mit neuen Fussverbindungen durch die Gärten hinab zur Altstadt oder der neuen Sternwartstrasse entlang der Höhenlinie. Ob ETH, Uni oder Spital: Wer immer im Hochschulquartier baut, wird sich an diesen Vorgaben orientieren müssen und sie umsetzen. Denn alle werden in ein Weissbuch aufgenommen, das verbindliche Vorgaben zusammenfasst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2017, 09:23 Uhr

Nachbarn wehren sich – ein jahrelanger Rechtsstreit droht

Bald wird es konkret: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Hochschulquartier.

Wann stehen die ersten neuen Gebäude? Welche sind es?
Der Regierungsrat hat gerade Gestaltungspläne für drei Grundstücke beschlossen. Diese setzen unter anderem Höhe und Grösse der geplanten Häuser fest. Auf der Wässerwies gegenüber dem Gloriapark baut die Universität das Forum UZH, wo sie verschiedene Fächer bündelt. Der Architekturwettbewerb startet im nächsten März, fertig werden soll der 35'000 Quadratmeter grosse Bau spätestens 2025. Hinter dem Gloriapark entsteht in einer ersten Bauetappe das neue Unispital. Sieben Teams entwickeln derzeit Vorschläge für das komplexe Projekt. Drei weitere Gestaltungspläne – Gloriarank, USZ-Kernareal Mitte und West – will der Regierungsrat möglichst bald festsetzen.

Ist das dann alles?
Bei weitem nicht. Viele der Neubauten, die zu Berthold (so der offizielle Projektname) gehören, werden erst ab 2025 geplant – etwa jenes von weit her sichtbare Gebäude, welches das Deutsche Seminar der Universität ersetzen soll.

Wie hoch werden die neuen Häuser?
Die Maximalhöhe beträgt 512 Meter über Meer. Vom Boden aus macht das 57 Meter. Zum Vergleich: Genauso weit ragen die Altstetter Westlink-Türme in den Himmel. Erst war der Regierungsrat von 521 Meter Höhe ausgegangen. Gestern hiess es, dass man selbst die 512 Meter nicht zwingend ausnutzen werde. Ob dies geschehe, liege in der gestalterischen Freiheit der Architekten. Diese könnten auch stärker in die Breite bauen.

Und wie viel Platz brauchen sie?
Das Universitätsspital hat seinen Raumbedarf um fast 30 Prozent verkleinert. Dazu verlegt es die Kantonsapotheke nach Schlieren, lagert einen Teil der ambulanten Behandlungen nach Kloten aus (in den Circle) und verringert die Anzahl Betten. Auch ETH und Universität haben ihre anfänglichen Platzansprüche gesenkt. Um wie viel genau, können sie noch nicht sagen. 30 Prozent weniger erreichen die Hochschulen aber nicht.

Wie stark ist der Widerstand gegen das für Zürich immense Projekt?
Keine politische Partei lehnt Berthold grundsätzlich ab. Auch Verbände wie der VCS oder der Heimatschutz haben bisher auf Einsprachen verzichtet – obwohl der Regierungsrat schon Dutzende Gebäude aus dem Denkmalschutz entlassen und zum Abriss freigegeben hat. Laut Projektleiter Peter E. Bodmer habe man oft mit den Kritikern gesprochen und deren Einwände berücksichtigt.

Dann wehrt sich gar niemand?
Doch. Zu den Gegnern zählen vor allem Anwohner vom Zürichberg, aber auch Städtebauexperten. Sie haben sich im Verein «Zukunft Hochschulgebiet Zürich» gesammelt. Die Gegner halten Höhe und Grösse weiterhin für überzogen. Als Maximum wollen sie 480 Meter dulden. Aus ihrer Sicht müsste man den bisherigen Zentralbau des Unispitals abreissen. Dies würde den nötigen Platz schaffen. Der Regierungsrat hält hingegen an der Erhaltung des denkmalgeschützten 40er-Jahre-Baus der Architekten Haefeli Moser Steiger fest. Ein Abriss würde zu ewigen Konflikten führen.

Was können die Gegner tun?
Da es keine Volksabstimmung zu Berthold gibt, müssen sie vor den Gerichten kämpfen. Gegen die drei Gestaltungspläne haben Nachbarn je einen Rekurs eingelegt. Laut eigenen Angaben verfügen die Gegner über den Willen und auch das Geld, ihre Einsprachen bis ans Bundesgericht weiterzuziehen. Wie lange die Rechtsstreitigkeiten das Projekt blockieren werden, weiss derzeit niemand. Es könnten Jahre sein.

(Tages-Anzeiger)

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