Rudel-Euphorie für «Journalismus ohne Bullshit»

8000 Kleinverleger sponsern das Medienprojekt «R» mit zwei Millionen Franken – ein Weltrekord.

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Das links-alternativ-liberale Zürich schwebt auf Wolke sieben. Alle sind happy, dass der Journalismus neu erfunden wird. Und erst recht gönnen alle den beiden Edelfedern Constantin Seibt und Christof Moser den furiosen Erfolg beim Crowdfunding. Der Liveticker für ihr digitales Magazin «Republik» hüpft fast im Sekundentakt nach oben, auch anderthalb Tage nach dem Start. Kurz nach Mitternacht waren es zwei Millionen Franken und fast 8000 Abonnenten, die sich nun Verlegerinnen und Verleger nennen dürfen. Die Bedingung, wonach die noch geheim gehaltenen Investoren ihre zugesicherten 3,5 Millionen ausschütten, ist somit längst erfüllt: Diese lag bei 750'000 Franken und 3000 Abonnenten.

«Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding», meldete Kampagnenleiterin Andrea Arezina gestern um 16 Uhr. Der holländische «De Correspondent» hatte es auf 1,7 Millionen Euro in einer «Mengen-Sammelaktion» gebracht. Die Zürcher Aktion dauert noch 34 Tage, in denen Abonnenten ab 2018 die digitale «Republik» für 240 Franken ein Jahr lang lesen dürfen mit versprochenen drei Artikeln pro Tag.

Auf der Website haben Moser und Seibt schon mal in die Vollen gegriffen. Eine kleine Rebellion bahne sich an gegen die Medienkonzerne, die sich in «Internet-Handelshäuser» umwandelten. «Unabhängige Schreibe» statt «pervertierter Journalismus», der nicht mehr in der Form sei, um seinen Job als «Wachhund der Demokratie wahrzunehmen». «Republik» sei ein neues Modell im Medienmarkt, ohne Werbung und finanziert von der Leserschaft. Kurz und knackig: «Journalismus ohne Bullshit.» Die Redaktion verspricht: «Wir arbeiten uns durch den Staub der Welt.»

Die Jünger der «Republik»

In den sozialen Medien likte jeder halbwegs aufgeweckte Zeitgenosse das stylische «R» der «Republik». Vor allem die Politiker der SP und der Grünen schäumten über vor Begeisterung. Endlich die Erlösung, endlich ein unabhängiges Medium, das den Gang der Welt kritisch – und natürlich aus linker Optik – begleitet, ohne gewinnorientierte Verlage und drohende Inserenten im Hintergrund.

Als die erste runde Summe beisammen war und der Hype dem Höhepunkt entgegenfieberte, erst da kam leise Kritik auf – und zwar aus den gut geheizten Redaktionsstuben der Grossverlage und Agenturen. «Gruslig, diese Rudel-Euphorie zur ‹Republik›. Man kann das ja gut finden und spenden, ohne gleich zum Jünger zu werden», schrieb eine Journalistin auf Facebook. Eine andere: «Ich will Taten, nicht Pathos.» Ein Journalist fügte an: «Schon fast sektenartig.» Und ein weiterer: «Die ‹Republik› hat das Wort Journalismus gepachtet, so wie die SVP einst das Wort Politik gepachtet hat.»

Die Diskussion ging dann so weiter: Die Wochenzeitung WOZ existiere bereits, das sei «die einzige Zeitung, die es sich zu lesen lohnt», meinten mehrere. Worauf einer fragte: «Warum ist dann Constantin Seibt nicht bei der WOZ eingestiegen?» Die Antwort: «Seibt war bei der WOZ ausgestiegen.» Und dann meldete sich auch noch Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli: «Wagt sich die ‹Republik› an Mario Fehr (wie die WOZ)? Und: Ist die ‹Republik› für den Journalismus so etwas wie die Grünliberalen?»

Die Frage, die sich kaum einer unter den Neo-Republikanern stellt: Was ist mit dem «P.S.»? Da gibts nämlich neben der WOZ, die gut und stabil aufgestellt ist und ihre Abonnentenzahl seit 2007 um fast zwanzig Prozent steigern konnte, auch noch das «P.S.», Pflichtblatt der Zürcher Linken, gut geschrieben, mit viel Politik und Kultur. Keine drei Jahre ist es her, seit der damalige Verleger und Kultautor Koni Loepfe in monatelanger Arbeit wieder mal knapp 200'000 Franken zusammenkratzen konnte, um das Überleben zu sichern. Wie er das alle zwei oder drei Jahre tun musste. Für den Preis eines ­Kaffee crème hatte er sein Blatt Anfang 2015 an die heutige SP-Nationalrätin Min Li Marti verkauft. Sowohl Marti als auch Loepfe arbeiten heute fast zum Nulltarif. Loepfe hat eine Frau, die Ärztin ist. Marti hat das Nationalratsmandat.

Marti gönnt der «Republik «ihren Sammelerfolg. «Ich bin auch schon Abonnentin.» Und doch sagt sie: «Das Brot für links-liberale Medien ist hart.» Nur 2000 zahlende Abonnenten hat das «P.S.». Die Mitglieder von SP und Grünen erhalten es – noch – gratis. Pikant: Arezina, die erfolgreiche Kampagnenleiterin für Seibt und gegen die USR III, ist Co-Präsidentin der SP Zürich. Nun haben Arezina und Marti für ein Treffen bei Schnitzel und Pommes frites abgemacht. Und da gehts nicht um die Zitrone, sondern um ein mögliches Crowd­funding für das «P.S.».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2017, 22:43 Uhr

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