Testfahrt im künftigen Zürcher Tram

Das Flexity-Tram kommt in drei Jahren an die Limmat, in Basel fährt es schon. Dort offenbart es nebst Stärken auch eine Schwäche.

Wie fährt es sich im Flexity? Antworten von Baslern zu ihrem Tram.
Video: Lea Koch

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Das neue Zürcher Tram ist einem fast schon verleidet. Eine gefühlte Ewigkeit war es nichts anderes als ein 43 Meter langer Streitpunkt – und das ist wie dieses schiefe Sprachbild: kaum auszuhalten. Jetzt ist dieses Kapitel abgeschlossen. Vor zehn Tagen haben die Zürcher Verkehrsbetriebe bei Hersteller Bombardier 70 Trams des Typs Flexity bestellt. Statt diskutiert wird konsumiert, und Konsum verheisst Glück. Es ist Zeit, zu vergitzeln wie Kinder angesichts der Geschenke unter dem Christbaum.

Bilder – das neue Zürcher Tram:

Nur sind wir keine Kinder mehr. Wir mögen uns nicht bis Ende 2019 gedulden. Also auf nach Basel, dort fährt das Flexity schon. Das genau gleiche Tram ab Stange. Wir lassen uns nicht täuschen dadurch, dass man es dort Drämmli nennt, mit jenem «stimmhaften uvularen Frikativ», den in Zürich nur Vreni Spoerry in Perfektion beherrscht: dem Zäpfchen-R. Die Türen gleiten also zur Seite und... Erinnern Sie sich an das Gefühl, wenn man euphorisiert das Geschenkpapier zerfetzt und darunter die falsche Lego-Schachtel auftaucht? So ist das mit dem Flexity. Auch wenn man sich daran gewöhnen wird: Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick. Über das eher freudlose Innendesign mögen die schicken Holzsitze hinweg trösten. Aber das Tram wirkt verstellt und unruhig.

Das Problem mit den Radkasten

Das liegt an den vier klobigen Radkasten, die sich von unten her in den Passagierraum drängen. So dominant, wie man das in Zürich nur aus Bussen kennt. Als hätte jemand Familienpedalos aus Plastik ins Fahrzeug geschleppt, mit grauem Lack besprüht und Tramsitze draufgeschraubt. Wer diese ungelenke Lösung sieht, begreift plötzlich, was für ein elegantes Tram die Zürcher Cobra ist. Dort ist die Fahrzeugtechnik so raffiniert versteckt, dass sie nicht auffällt. Die Sitzverteilung im Innenraum wirkt dadurch wie aus einem Guss. Im Flexity hingegen ist der Rhythmus durch die Radkasten gestört. Zudem ergeben sich Engpässe: Auf der linken Seite hat es eine doppelte Sitzreihe, aber weil dafür nicht genug Platz ist, ragt sie ein gutes Stück in den Gang hinaus.

In Zentimeter gemessen, ist dieser hier nicht schmaler als jener im Cobra-Tram (wo es allerdings beidseits Zweiersitze hat). Optisch wirkt er aufgrund der sperrigen Einbauten dennoch enger. Verstärkt wird der Eindruck durch die Decke, die im Flexity gut 20 Zentimeter tiefer hängt. Wer 1,90 Meter gross ist und in einem der Radkastenabteile aufsteht, stösst sich sogar den Kopf. Das war auch das Ergebnis einer Umfrage nach Flexity-Probefahrten in Zürich: zu schmal, mangelhafte Sitzanordnung.

Gewagt wirkt auch ein Detail an den Enden des Trams. Ganz hinten und ganz vorn hat es nur eine schmale Tür, die direkt in einen Engpass führt. Man denke ans Passagierverhalten an Zürcher Doppelhaltestellen: Geschätzte 100 Prozent steuern dort beim Umsteigen in Torschlusspanik genau auf diese Öffnung zu. Zwar gäbe es andere Flexity-Varianten, aber auf einer ersten Zürcher Designstudie sind diese Zugänge genauso schmal wie in Basel. Man hört schon die angesäuerte Lautsprecherduchsage: «Es hätte im Fall noch andere Türen.»

Ein anderer Sound

Wo wir schon ganz hinten sind: Dort fehlt im Basler Flexity etwas, was allen Zürcher Kindern ihren Lieblingsplatz nehmen würde. Statt einer Sitzfläche gibt es nur einen Stehbereich. Botschaft: Wer rausschauen will, soll erst mal wachsen. Auch am vorderen Ende ist die Sicht beschränkt. Es gibt wenig Einblick in die Fahrerkabine, und selbst die Fahrer in ihrem Cockpit klagen in Basel über zu viel Gestänge und zu wenig Glas. Ein «Blindflug» sei das bisweilen.

Allerdings bekomme das Zürcher Tram eine bessere Front, wie man sie aus Berlin kenne. Die sieht zwar weniger schnittig aus, aber wenn man dafür seltener überfahren wird, ist so eine Berliner Schnauze eine gute Sache. (Solange sie nicht auf die Tramdurchsagen durchschlägt.) Nach zweistündiger Testfahrt ist auch die grosse Stärke des Flexity klar: Es gleitet mit Zug und doch angenehm ruhig durch die Stadt. Der Sound ist nicht der von Metall auf Metall, sondern ein gedämpftes Surren. Anders als bei der Cobra, die mit den Schienen kämpft und jede Erschütterung nach innen leitet wie in einem Resonanzkörper.

Die Basler scheinen auf pragmatische Art zufrieden mit dem Flexity. Erstens klebe man im Sommer dank der Holzsitze nicht in fremdem Schweiss. Zweitens biete es viel Platz für Kinderwagen. Drittens fahre es. Alle Zürcher, die gerne auch ein ansprechendes Interieur hätten, dürfen hoffen. Die Gestaltung ist laut den Verkehrsbetrieben noch nicht beschlossen. Und sollten sich die Makel des Flexity nicht kaschieren lassen, öffnet es wenigstens die Augen dafür, was man puncto Design an der Cobra hat.

Erstellt: 13.03.2017, 07:43 Uhr

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