Jede dritte Ecstasy-Pille ist riskant dosiert

Die Drogentests an der Street Parade haben ein erschreckendes Resultat ergeben. Hintergrund sind laut Polizei «knallharte marktwirtschaftliche Überlegungen».

An der Street Parade waren viele hoch dosierte und verunreinigte Substanzen im Umlauf. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

An der Street Parade waren viele hoch dosierte und verunreinigte Substanzen im Umlauf. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

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Die Jugendberatung Streetwork hat an der Street Parade insgesamt 62 Substanzen getestet. Bei 19 davon handelte es sich um Ecstasy-Tabletten (Wirkstoff MDMA), dazu kamen 12 MDMA-Proben in kristalliner Form und 18 Kokainproben. Daneben wurden auch Amphetamin und LSD getestet.

Das Resultat: Rund ein Drittel der Substanzen sind als riskant eingestuft worden, sieben Substanzen sogar als hoch riskant. Bei der gefährlichsten Substanz handelte es sich um eine Ecstasy-Pille mit 270 mg Wirkstoffgehalt und einem Pulver, das neben MDMA auch den Viagra-Wirkstoff Sidenafil enthielt. «Normal» dosiert sind laut den Drogenprüfern nur noch ein Viertel aller Pillen. Auch bei den Kokain- und Amphetaminproben wurden schädigende Streckmittel und/oder Verunreinigungen festgestellt.

Verteil- und Marktkampf der Händler

Warum sind die Pillen immer höher dosiert? Christian Kobel, Leiter Jugendberatung Streetwork, nimmt an, dass es sich dabei um einen Verteil- oder Marktkampf zwischen den verschiedenen Händlern und Herstellern handelt. Die Händler hätten neue Herstellungswege gefunden, die eine Produktion von sehr hoch dosierten Pillen mit sehr aufwendigen Prägungen ermöglichen würden.

Dies bestätigt auch die Stadtpolizei Zürich: «Es geht um knallharte marktwirtschaftliche Überlegungen», sagt Marc Surber von der Medienstelle. Die regelmässigen Ecstasy-Konsumenten, welche die Tabletten wegen der Prägungen kennen würden, wüssten, dass sie nur eine halbe oder gar nur eine Vierteltablette für eine Konsumation brauchen, was sich auf den Kaufpreis niederschlagen würde. Gefährlich wird es vor allem für unwissende Drogenkonsumenten, die beim Konsum einer ganzen Tablette eine zu hohe Dosis einnehmen.

Mehr High pro Franken

Der Preis für eine Ecstasy-Pille variiert stark nach gekaufter Menge und Beschaffungsort. Wer direkt an einer Party eine einzelne Pille kauft, bezahlt in der Regel circa 15 Franken. Ein Preis, der sich in den letzten paar Jahren kaum verändert hat. Für diesen Preis erhält man jedoch im Moment eine höhere Dosis MDMA. Christian Kobel von Streetwork: «Sofern die Konsumenten davon wissen, können sie sich darauf einstellen und brauchen weniger für den Konsum. Somit ist der Grammpreis von MDMA wohl etwas tiefer geworden.»

Ein Parallele sieht Marc Surber von der Stadtpolizei beim Hanf und Kokain. Auch hier würde der rauschwirkende THC-Gehalt beim Hanf und die Reinheit beim Kokain immer mehr erhöht. Dies würde unter dem Strich für den Konsumenten einen immer tieferen Kaufpreis ausmachen, aber auch die gesundheitliche Gefährdung erhöhen.

«Vor acht bis zehn Jahren war MDMA schwer erhältlich. Das zeigt, dass sich der Markt relativ rasch verändern kann.» Christian Kobel, Leiter Streetwork

Wie Kobel weiter sagt, war MDMA noch vor acht bis zehn Jahren auf dem Schwarzmarkt nur schwer erhältlich, rund zwei Drittel der Ecstasy-Pillen hatten damals kein MDMA als Wirkstoff, sondern andere unbekannte Stoffe. «Das zeigt, dass sich der Markt relativ rasch verändern kann.»

Nicht mehr Sanitätseinsätze

Insgesamt haben rund 350 Personen am Nachmittag den Stand am Bürkliplatz und am Abend denjenigen in der Roten Fabrik aufgesucht und sich beraten und die Drogen testen lassen. Die grosse Nachfrage nach Drogentests hat sich auch in der Zahl der medizinischen Behandlung niedergeschlagen. Denn Schutz und Rettung musste wegen übermässigen Alkohol- und/oder Drogenkonsums mit 277 Personen fast gleich viele Leute behandeln wie im Vorjahr (273), obwohl der diesjährige Anlass mit über einer Million Besucher deutlich mehr aufwies als die letztjährige Street Parade mit rund 900’000 Besuchern.

«Wir schätzen die Arbeit, welche Streetwork leistet, sehr», sagt Urs Eberle, Pressesprecher von Schutz und Rettung. Er betont auch, dass die Warnungen im Vorfeld des Anlasses über extrem hoch dosierte Ecstasy- und LSD-Pillen auch dazu beigetragen haben, dass die Konsumenten vorsichtiger geworden sind.

Detektive und Betäubungsmittelfahnder stellten an der Street Parade knapp 20 Gramm Kokain, rund 150 Gramm Cannabis, geringe Mengen von MDMA und Amphetaminen sowie über 100 Ecstasytabletten sicher. Ebenso wurden je rund 3500 Schweizerfranken und Euro konfisziert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2018, 12:29 Uhr

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