SBB-Personal flüchtet vor GC-Fans aus Extrazug

Auf der Rückreise vom Auswärtsspiel in Lausanne eskaliert die Gewalt gegen Zugbegleiter. Diese ziehen die Notbremse.

Notbremse gezogen: Angestellte der SBB flohen aus Angst vor den GC-Fans auf dem Weg von Lausanne nach Zürich aus dem Zug.(Symbolbild) Bild: Keystone

Notbremse gezogen: Angestellte der SBB flohen aus Angst vor den GC-Fans auf dem Weg von Lausanne nach Zürich aus dem Zug.(Symbolbild) Bild: Keystone

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Am Samstag sind GC-Anhänger mit dem Extrazug nach Lausanne gereist. Ihre Mannschaft hat das Spiel gewonnen. Die Grasshoppers sicherten sich im Abstiegskampf wichtige Punkte gegen einen Konkurrenten. Für die GC-Fans eigentlich ein erfreulicher Ausflug, der um Mitternacht im Zürcher HB hätte ­enden können – hätte.

Im GC-Forum schreibt ein Fan: «Selten sah man einen Sonnenaufgang aus dem Extrazug.» Fragt man bei den SBB nach, was die Rückfahrt derart verzögert hat, dass die Fans erst nach Sonnenaufgang wieder in Zürich angekommen sind, ist nichts von einem erfreulichen Ausflug zu hören, sondern von «bisher noch nie da gewesener Gewaltbereitschaft gegen Personal der SBB».

«Es kam zu erheblichen Ausschreitungen einer kleinen Gruppe von Fussballfans», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Auf der Rückfahrt hätten GC-Anhänger wiederholt, «rund ein Dutzend Mal», die Notbremse gezogen. Zugpersonal und Transportpolizei hätten sich aufgrund der Gewaltbereitschaft einzelner Fans in den hintersten Wagen zurückziehen müssen, sagt Ginsig.

«Die Fussballfans versuchten, die Zwischentür einzuschlagen und Mitarbeitende der SBB anzugreifen.»Christian Ginsig, SBB-Sprecher

Damit nicht genug: Sie wurden dabei von rund zehn gewaltbereiten Fans verfolgt. Das Personal zog sich weiter zurück, verriegelte die Durchgangstür. «Die Fussballfans versuchten, die Zwischentür einzuschlagen und Mitarbeitende der SBB anzugreifen», sagt Ginsig. Es habe diverse Sachbeschädigungen am Zug gegeben, auch ein Feuerlöscher sei versprüht worden.

Die Mitarbeiter mussten durch ein Careteam betreut werden, physisch seien sie unverletzt geblieben. Aufgrund der Gewaltbereitschaft entschied sich die Zugbegleiter selbst zu einer radikalen Massnahme: Sie zogen die Notbremse, stoppten damit den Zug und flüchteten, um sich in Sicherheit zu bringen. Selbst der Lokomotivführer verliess den Zug. Das alles habe sich zwischen Chavornay und Essert-Pittet im Kanton Waadt abgespielt, sagt der Sprecher, der sich im Gespräch schockiert zeigt über die Berichte seiner Mitarbeiter. «Die SBB akzeptieren keine Gewalt gegen ihr Personal und bringen diese Vorfälle zur Anzeige.»

Zwangspause in Biel

Aufgrund der Ausschreitungen verkehrte der Extrazug nur noch bis Biel. Dort musste er bis 4.30 Uhr abgestellt werden. Zwischenzeitlich mussten die SBB Personal und Lokomotivführer finden, die bereit waren, die Fans noch bis Zürich zu begleiten. Das sei gelungen, zwischen Biel und Zürich verzeichneten die SBB keine Ausschreitungen mehr. Die Kantonspolizei Waadt bestätigt den Vorfall. Rund 30 Polizisten der Kantons- und 10 der Bahnpolizei begleiteten den Zug zurück nach Zürich.


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Extrazüge sind in der Schweiz ein erprobtes Mittel. Die SBB stellen grösseren Fangruppen von Clubs Extrazüge mit ­älterem Wagenmaterial zur Verfügung, in welchen gemeinsam zu einem Match gefahren werden kann. Ginsig stellt klar: Grundsätzlich machten sie gute Erfahrungen mit der Trennung von Fantransporten in Extrazügen und der Fahrt von anderen Kunden in regulären Zügen. «Der Vorteil für die SBB liegt darin, dass Fussballfans und übrige Reisende getrennt werden können.»

«Vorfälle nicht isoliert betrachten»

Die SBB haben nach dem Zwischenfall Kontakt mit Partnern im Fussball aufgenommen und diese informiert – namentlich Liga und Club. Über die Gründe der Gewalt will Ginsig nicht spekulieren. Man müsse in einem grösseren gesellschaftlichen Kontext hinterfragen, was bei einzelnen Männern in einer Gruppe zu einer solchen Gewaltbereitschaft gegen unbeteiligtes Bahnpersonal führe.

Fans und Club von GC verurteilen die Vorkommnisse in aller Deutlichkeit. Vorfälle wie dieser seien nicht tolerierbar, dürften aber nicht isoliert betrachtet werden.

SBB-Mitarbeiter sollen Fans beklaut haben

Auslöser für die Aggressionen waren Ereignisse bei der letzten Auswärtsfahrt nach Basel. Dort seien während des Spiels Gegenstände aus dem Extrazug entwendet worden. Die Fans fühlten sich hintergangen und beschuldigten die SBB-Mitarbeiter, sie beklaut zu haben. Das habe die Stimmung aufgeheizt.

Der Grund für das Verschwinden der Gegenstände aus dem Zug wurde erst am Montag, also zwei Tage nach der Fahrt zurück aus Lausanne bekannt: Während dem Spiel in Basel hat die Transportpolizei und die Kantonspolizei im abgestellten Zug verschiedene verbotene Gegenstände festgestellt. Daraufhin verständigten sie die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt. Diese hat gegen Unbekannt ein Verfahren eingeleitet: wegen Verstoss gegen das Eidgenössische Waffengesetz und wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittel- sowie gegen das Sprengstoffgesetz, wie die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt schreibt. Wäre das zuvor bekannt gewesen, wäre die Situation nicht derart eskaliert, heisst es aus GC-Kreisen. Die Zürcher Fans verzichten nun auf die nächsten zwei Extrazüge und wollen die Geschichte mit den SBB klären. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2018, 22:09 Uhr

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