«Schaut uns ruhig an»

Kinder und Jugendliche mit Narben werden angestarrt und oft ausgegrenzt. Jetzt hat das Kinderspital Zürich eine Fotoausstellung lanciert.

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Täglich behandeln die Spezialisten im Zentrum Kinderhaut des Universitäts-Kinderspitals Zürich junge Patienten mit Hautveränderungen wie übergrosse Muttermale, Flecken und Narben sowie Verbrennungen. Deren Ursachen sind vielfältig: Oft sind sie angeboren oder wurden durch eine Erkrankung oder einen Unfall verursacht.

Die Ärzte stellen fest, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nebst den körperlichen Beschwerden zusätzlich mit psychosozialen Herausforderungen kämpfen. Häufig werden Kinder mit Narben oder Hautveränderungen von ihren Mitmenschen angestarrt oder sogar auch ausgegrenzt – schliesslich ist in unserer Gesellschaft das äussere Erscheinungsbild einer Norm unterworfen. Wer aus dieser fällt, fällt auf.

«Mir ist egal, wenn Leute mich anschauen. Machen eh alle.» Helena

Genau auf dieses sensible Thema will das Kinderspital Zürich mit der Ausstellung «Schaut uns ruhig an» die Aufmerksamkeit lenken. Die Besucher erblicken auf grossformatigen Fotografien Kinder und Jugendliche mit diversen Hautbesonderheiten.

«Die Ausstellung ist uns eine Herzensangelegenheit», sagt Clemens Schiestl, Leiter des Zentrums für brandverletzte Kinder, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie. Solange man einen Menschen mit einem auffälligen Merkmal nicht näher kenne, stehe das Merkmal im Vordergrund, sagt Schiestl. «Unwissen und Anstarren gehen oft miteinander einher. Fällt das Unwissen weg, verschwindet auch das Bedürfnis, jemanden anzustarren.»

Mit der Ausstellung provozieren

Die auffälligen Hautmerkmale stehen denn auch im Fokus der Fotografien – zum Beispiel eine grosse Narbe, ein Muttermal und so weiter. Die Besucher lernen die Porträtierten aber auch von einer anderen Seite kennen. Fotostrecken zeigen sie in ihrem alltäglichen Umfeld, dazwischen sind Zitate zu hören, in denen sie die Reaktionen der Öffentlichkeit schildern.

Die Ausstellung wird ergänzt durch Führungen und Podiumsgespräche, welche Ethik und Grenzen der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie zum Thema haben. «Die Besucher werden merken, wie das Merkmal in den Hintergrund rückt, bis es keine wichtige Rolle mehr spielt. Diese Erfahrung wollen wir mit unserer Ausstellung provozieren», sagt Clemens Schiestl.

Elf Patienten im Fokus

Drei Fotografinnen – Gabi Vogt, Gabriela Acklin und Valérie Jaquet – haben elf Patienten zu Hause besucht, sie zum Taekwondo oder auf eine Shoppingtour mit Freunden begleitet. Für Gabi Vogt war es eine spannende Aufgabe. «Oft habe ich mich dabei gefragt, wie ich selbst Menschen begegne, deren äusseres Erscheinungsbild nicht der Norm entspricht und die deshalb stigmatisiert werden», sagt Vogt.

Die Zusammenarbeit mit den «Fotomodellen» sei locker gewesen. Die mehrfach ausgezeichnete Fotografin fand schnell einen Draht zu dem zehnjährigen Till, der mit einem grossen Muttermal geboren wurde. Er selber sagt von sich: «Ich bin ein ganz normaler, cooler Junge.»

Careum Auditorium, Pestalozzistrasse 11, 8032 Zürich. 8. bis 23. September. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 14 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag, 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

Erstellt: 05.09.2018, 07:32 Uhr

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