Uetlibergromantik in Ikea-Häuschen

Mit einem Coup löst Hotelier Giusep Fry der Stadt ein Problem: Er übernimmt die für Flüchtlinge gekauften Hütten für Übernachtungen auf dem Zürcher Hausberg.

So stellt sich Giusep Fry sein romantisches Bergdörfchen auf dem Uetliberg vor. Die Hütten sind bequem eingerichtet und im Nu auf- und abgebaut. Visualisierung: Uto Kulm AG

So stellt sich Giusep Fry sein romantisches Bergdörfchen auf dem Uetliberg vor. Die Hütten sind bequem eingerichtet und im Nu auf- und abgebaut. Visualisierung: Uto Kulm AG

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Er ist und bleibt ein Provokateur – ein kreativer immerhin. Nach Open-Air-Kino, illegalem Wintergarten und Kiosk, nach Eisbahn und Christusstatue folgt bereits die nächste Aktion: das «Hüttendörfchen für Romantiker und Frischverliebte», wie die Uto Kulm AG gestern bekannt gab. Giusep Fry macht sich einerseits die Rechtsprechung des Bundesgerichts zunutze und andererseits einen Flop der Stadt Zürich.

Die Asylorganisation hatte bekanntlich vor Weihnachten für 100 000 Franken 62 Ikea-Hüttchen gekauft, um in der Messehalle 9 in Oerlikon 250 Flüchtlinge unterzubringen. Die Selbstbauhütten – von Ikea und der UNO entwickelt – fielen beim Brandtest durch und lagern nun in einem Keller der Messe Zürich. Die neuen Hütten mussten zum doppelten Preis aus Holz gezimmert werden.

Um die Hütten und die 100 000 Franken schwelt seither ein Streit. Ikea-Sprecherin Wilma Nilsson sagt: «Überall auf der Welt gelten Better-Shelter-Hütten als sicher, nur in Zürich nicht.» Ikea will die Lieferung deshalb nicht zurücknehmen.

Zoff unter den Genossen

Auch zwischen dem städtischen und dem kantonalen Sozialminister, beides befreundete SP-Genossen, ist die Luft dick. Stadtrat Raphael Golta wirft Regierungsrat Mario Fehr vor, vor den Fest­tagen «auf Panik gemacht» und die Gemeinden «in fast erpresserischer Eile» gezwungen zu haben, bis Neujahr Raum für zusätzliche Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Das kantonale Sozialamt lehnt jedoch eine Übernahme der Kosten ab, wie Sprecher Urs Grob sagt, weil sonst auch andere Gemeinden Ansprüche geltend machen würden.

Uetliberg-Zampano Giusep Fry profitiert nun – nicht zum ersten Mal in den letzten 33 Jahren – von der Uneinigkeit der Behörden. Er übernimmt von der Stadt gut die Hälfte der noch in Kartonschachteln verpackten Ikea-Hütten. Zum (Schleuder-)Preis will sich Fry-Sprecher Benjamin Styger nicht äussern. «Wir kommen zumindest für den Transport auf den Uetliberg auf.» Dem Zürcher Sozialdepartement jedenfalls kanns recht sein, dass Fry diese Altlast übernimmt.

Baudirektion muss nachgeben

Bauchschmerzen verursacht das Hüttendörfchen dagegen der Baudirektion. Eben erst konnte man Fry dank unzähliger Gerichtsurteile in den Senkel stellen. Doch nun beruft sich Fry seinerseits auf das Bundesgericht, das am 20.Juni 2014 den Abbruch der wintertauglichen Ausbauten als «zumutbar und verhältnismässig» taxiert und der Hotel Uto Kulm AG untersagt hatte, «festinstallierte Bauten und Einrichtungen» auf der Terrasse von Zürichs Hausberg aufzustellen.

Fry weiss wie jeder Kunde des schwedischen Möbelhauses: Ikea-Möbel sind auch ohne Werkzeuge rasch zusammengesetzt. «Grundsätzlich gelten solche Kunststoffhütten als mobil, wenn sie nur tage- oder wochenweise aufgebaut werden», muss Dominik Bonderer, Sprecher von Baudirektor Markus Kägi (SVP), einräumen. Weder der Kanton noch die Gemeinde Stallikon dürften also eine Handhabe gegen Frys mobiles Hüttendörfchen haben.

«Unter dem funkelnden Himmelszelt neben  der luxuriösesten Berghütte der Schweiz Romantik pur geniessen.» Uetliberg-Prospekt

Was Fry in den schmucklosen Plastikhütten plant, teilte er gestern in einem Pressetext mit, der in jeden Prospekt für esoterische Partnerschaftsseminare passen würde. Da dürfen «junge und jung gebliebene Paare» unter dem «funkelnden Himmelszelt» direkt neben der «luxuriösesten Berghütte der Schweiz» mit «atemberaubender Aussicht auf Zürichsee und sich rötenden Alpenfirn» eine «Nacht der Nächte» verbringen. Nicht einmal der abgelutschte Slogan «Romantik pur» fehlt.

Das Hauptproblem löst der gewiefte Hotelier elegant. Die für Flüchtlinge designten Ikea-Billigpritschen sollen entfernt werden. Für Natur- und Bauernhoffeeling sorgen kuschelige Strohmatten, die mit traditionellem Rot-weiss-Karo berghüttenmässig bezogen sind. Als Vorbild dienen ihm die «Übernachtungen in der Jurte» auf der bündnerischen Alp Flix. Und am Morgen stehen den Hüttengästen die Sauna-Oase des Hotels und der üppige «All-you-can-eat-Brunch» offen. Geplanter Preis: 140 Franken pro Paar. Vier Sterne für Geniesser statt Schutz für Flüchtlinge.

Aufgebaut wird das Hüttendorf auf der Terrasse, wo die Eisbahn geplant war. Hüttensaison ist vor allem in der Übergangszeit, wenn am Morgen keine Open-Air-Frühstücksbuffets möglich sind. Eine Heizung in den leicht brennbaren Hütten kommt nicht infrage, weil Fry nicht auch noch die kantonale Gebäudeversicherung am Hals haben will. Beim Aufbau übrigens helfen ehemalige Ikea-Monteure. Denn auch Fry weiss: Das Zusammensetzen von Ikea-Möbeln ist einer der häufigsten Gründe für Ehe- und Partnerschaftskrisen.

Heute morgen: Gutschein und Suppe für Besucher

Die ersten Hütten werden heute Freitagmorgen direkt unter der Kopie der Christusstatue von Rio montiert. Aus Uto de Janeiro (NZZ) wird Sils Ikea. Fry will sein Bergdörfchen um 11Uhr mit Gerstensuppe, Nusstorte, Röteli und dem Bündner Frühlingsbrauch Chalan­damarz einweihen. Mit Schellenläuten und Peitschenknallen will Fry die Winterdämonen – und andere böse Geister – verjagen. Die ersten Besucher auf dem Berg erhalten eine Gratis-Hütten-Nacht.

Getrübt werden könnte das Event allerdings durch Frys grösste Gegnerin: Margrith Gysel vom Verein Pro Uetliberg, die sich bereits erfolgreich gegen Kino, Kiosk und nächtliche Beleuchtung des Turms gewehrt hatte. Sie berief sich am Abend auf den letzten Entscheid des Baurekursgerichts, das «zugunsten einer tiergerechten Nachtruhe für Waldvögel» und einer «wildbiologisch adä­quaten Rücksichtnahme gegenüber Fuchs und Reh» dem Hotelier ab 22 Uhr den Stecker gezogen hatte.

Grüne nennen Fry «Asylant»

Frys Communiqué löste sofort heftige Reaktionen aus. «Da will sich einer auf Kosten der Flüchtlinge bereichern, der als Rätoromane selber Asylant in Zürich ist», sagte die grüne Fraktionschefin Esther Guyer. Die SP hielt sich aus Rücksicht auf ihren Stadtrat Golta vornehm zurück. Ausgerechnet SVP-Präsident Roger Liebi, ein bekennender Freund von Hüttenromantik, lobte den rot-grünen Stadtrat: «Endlich tun die mal etwas für das Gastgewerbe, statt nur immer für ihre Klientel in der Sozialindustrie.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2016, 22:19 Uhr

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Giusep Fry

Uetliberg-Hotelier.

Raphael Golta

Sozialvorstand Zürich.

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