Schluss mit Showtime

Die Zürcher Parteien verzichten für ihren Stadtratswahlkampf auf Prominente – gleich zwei haben eine Abfuhr erhalten. Politprofis prophezeien nun ein Duell um den letzten Sitz.

Karin Rykart wird von den Grünen ins Rennen geschickt, der deutlich bekanntere Bastien Girod hat das Nachsehen. Foto: Urs Jaudas

Karin Rykart wird von den Grünen ins Rennen geschickt, der deutlich bekanntere Bastien Girod hat das Nachsehen. Foto: Urs Jaudas

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Sie werden sich voller Elan in den Wahlkampf stürzen, versprechen alle – und diesmal muss es mehr als eine Floskel sein: Markus Hungerbühler (CVP), Karin Rykart (Grüne), Michael Baumer (FDP) sowie das SVP-Duo Susanne Brunner und Roger Bartholdi haben den Einsatz nötig. Die fünf Stadtratskandidaten müssen ihre Namen in den nächsten Monaten ausserhalb der Stadtzürcher Politszene bekannt machen. Sie alle wollen für ihre Parteien am 4. März 2018 einen Sitz in Zürichs Regierung erobern.

Zwei Parteien hätten sich den Wahlkampf einfacher gestalten können: Die FDP hätte mit Doris Fiala eine bereits bekannte Frau, die Grünen mit Bastien Girod einen bekannten Mann portieren können. Doch an ihren Versammlungen entschieden sich die Parteien gegen ihre nationalen Politgrössen mit medialer Strahlkraft – und für die unbekannten Gesichter aus der Lokalpolitik.

Für die ehemalige grüne Stadträtin Monika Stocker ist das ein Zeichen: «Die Leute wollen Leistungen sehen, nicht nur Show.» Stocker hofft, dass im Wahlkampf auf diese Weise Themen statt Personalien dominieren werden. Sie sagt: «Gerade das Beispiel Amerika mit seinem Präsidenten zeigt uns, dass Showtime allein vieles kaputt machen kann.» Nun wolle man deshalb vielleicht lieber wieder genau wissen, wie ernst es jemand meine. Sie persönlich hörte von den Kandidatinnen und Kandidaten gerne Wahlversprechen, zum Beispiel wie sie die Armut in der Stadt bekämpfen, und was sie im Amt für die älteren Menschen tun wollen.

Wackliger CVP-Sitz

Die Ausgangslage ist für Monika Stocker klar: «Der Sitz der CVP wackelt.» Sie ist nicht überzeugt, dass Markus Hungerbühler diesen verteidigen kann, und denkt, er werde sich am Schluss mit Rykart ein Rennen liefern. Diese Meinung teilt Koni Loepfe, langjähriger Parteipräsident der Stadtzürcher SP und Politjournalist. Er sagt: «Es wird ein spannender Wahlkampf um den letzten Sitz.» Das ist jener, den der bisherige CVP-Schulvorsteher Gerold Lauber freigibt. Die CVP habe eine Chance verpasst, eine wählbare Familien- und Berufsfrau zu portieren, sagt Loepfe. Er meint damit Nicole Barandun, die die Ausmarchung am Dienstagabend verpasst hat. Loepfe geht davon aus, dass die FDP den Sitz des abtretenden Andres Türler verteidigen kann. Der SVP hingegen attestiert er wenig Wahlchancen. Noch etwas härter ist sein Fazit zu den Kandidaturen von GLP und EVP: Diese seien am Wahltag wohl nur eine Randnotiz wert.

Auch Min Li Marti, SP-Nationalrätin und Verlegerin der linken Zeitschrift «P.S.» hält die Wahlchancen von FDP-Kandidat Michael Baumer für die besten. Sie denkt, Bastien Girod hätte es im Wahlkampf einfacher gehabt als Karin Rykart. Seine Bekanntheit könne aber auch ein Nachteil sein, da er mit seinen Auftritten auch schon angeeckt sei. Für Marti zeigt die Wahl der Parteien, dass sich Bundespolitiker häufig ziemlich weit von der Stadt entfernen. «Sie verlagern ihren Fokus nach Bern und verlieren Zürich etwas aus den Augen.»

Wer fordert Mauch heraus?

Politgeograf Michael Hermann bezweifelt, dass die FDP den zweiten Sitz bereits auf sicher hat. Er sagt: «Das Rennen ist offen, keiner der Neuen drängt sich auf.» Auch er gibt der SVP die geringsten Chancen. Girod oder Fiala wären für ihn aber ebenfalls nicht automatisch gesetzt gewesen. «Ein Promistatus macht den Wahlkampf einfacher, aber er ist kein Garant für einen Sieg.» Allerdings habe Girod bewiesen, dass er ein sehr guter Wahlkämpfer sei – und einen Promistatus erhalte man ja auch nicht umsonst. «Spannender und innovativer» wären die nächsten Monate mit Girod geworden. Und: Er wäre in der Lage gewesen, den Sitz eines Bisherigen zu gefährden.

Eine der wichtigsten Fragen bleibt für die Stadtratswahlen offen: Wer aus dem bürgerlichen Fünferticket will Stadtpräsident werden? Bisher haben FDP, SVP und CVP stets betont, dass sie der Sozialdemokratin Corine Mauch das oberste Amt der Stadt streitig machen wollen. SVP-Präsident Mauro Tuena sagte gestern, der Entscheid solle Anfang nächster Woche kommuniziert werden. «Wir sind auf guten Wegen.» Zuerst wollen sich die bürgerlichen Vertreter allerdings mit dem Gewerbe und den Wirtschaftsverbänden absprechen. Klarer Favorit für die Stadtpräsidiumskandidatur ist Filippo Leutenegger (FDP). Dieser hat sich bisher aber zurückhaltend zu einem möglichen Angriff auf das Amt seiner Stadtratskollegin geäussert.

Erstellt: 05.07.2017, 22:06 Uhr

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