Exklusiver Einblick in Zürichs höchstes Sitzungszimmer

Zuoberst im Swissmill Tower liegt ein Raum in schwindliger Höhe. Um diesen rankt sich seit Jahren ein hartnäckiges Gerücht.

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Kaum ein anderer Ort in der Stadt verströmt eine vergleichbare Magie. Der Lage wegen, aber auch wegen eines alten Gerüchts. Von aussen besehen, besteht der Ort aus sechs grossen Fenstern und einigen schlitzartigen Öffnungen. Sie befinden sich zuoberst im Swissmill-Silo, diesem nüchternen Betonturm am Zürcher Sihlquai. Mit 118 Metern ist er das zweithöchste Gebäude der Stadt. Die grosse Frage lautet: Was verbirgt sich hinter den Fenstern? Das Gerücht besagt: Es ist das heimliche Sitzungszimmer des Stadtrats.

Ausgerechnet zuoberst in jenem Gebäude, das die Bevölkerung der Stadt spaltet wie kein zweites, sollen die Stadtoberen gelegentlich zusammenkommen? Vor sechs Jahren sagten die Zürcherinnen und Zürcher Ja zum Bau. Heute loben nur wenige das mausgraue Monument der Müllerszunft für seine Ästhetik und die gelungenen Proportionen, angelehnt an den Goldenen Schnitt. Die Mehrheit kann dem Klotz nichts abgewinnen, spricht von «roher Stalinorgel», «archaischer Brutalität», «erhabener Hässlichkeit». Kommt dazu, dass das Hochhaus das Flussbad Unterer Letten abends verschattet. Dass der Stadtrat da verkehrt: ein Affront.

Was also hat es mit dem Penthouse-artigen Raum auf sich? Die Veranstaltung Open House, welche am vergangenen Wochenende die Türen zu sonst geschlossenen Räumen öffnete, bot Gelegenheit zur Aufklärung.

Höher als das Vorbild

Der Lift bringt einen innert einer Minute auf Stock 21. Die Zeit geben die Brandschutzvorschriften vor. Theoretisch könnte der Lift alle zwanzig Meter anhalten, tatsächlich aussteigen liesse sich aber nur im 10. Stock, auf dem Dach des alten Siloturms auf 40 Metern Höhe. Ein Mitarbeiter, der Marathon läuft, nutzt die 644 Treppenstufen fürs Training.

Vom 21. Stock führt eine Treppe aufs Dach. Raimund Eigenmann verschafft den exklusiven Zutritt. Er arbeitet seit 32 Jahren bei der Swissmill, die zu Coop gehört. Er ist Betriebsleiter der hier domizilierten Mühle und so etwas wie der geistige Vater des Turms. Eigenmann suchte nach Lösungen, um nach der Schliessung des Basler Silos die Kapazität in Zürich zu vergrössern. Da brachte ihn die Freundschaft mit den Betreibern der Ulmer Schapfenmühle auf die Idee. 2005 war da mit 116 Metern das weltweit höchste Getreidesilo entstanden. Zürichs Müller, allen voran Eigenmann, wollten höher hinaus. Mit 200 000 Tonnen Getreide vermahlen sie jährlich einen Drittel des Schweizer Bedarfs. Doch das Wort Turm nimmt Eigenmann nicht in den Mund. «Es ist noch immer ein Kornhaus.» Seit 1957 steht dort der Altbau, seit 1843 gibt es die Mühle.

Ein vertikales Getreidelager also. Mit 44 neuen Silozellen, in denen Korn getrennt nach Sorten gelagert wird. Laufend fliesst das Getreide in die benachbarte Mühle ab, wo es nach Kundenwunsch gemischt und gemahlen wird. Für die Architekten vom Büro Harder Haas war die Aufgabe klar: Form follows function – Fenster braucht ein Getreidelager nicht. Gestaltungsspielraum boten sich ihnen in den Proportionen und Fassadendetails. Dass der 30-Millionen-Bau dennoch polarisiert, freut die Planer mehr, als dass es sie ärgert. Robert Haas sagt: «Es zeigt, dass wir mit dem Turm ein Zeichen gesetzt haben.»

Eames in Hellgrün und Türkis

Der U-förmige Dachbereich indes ist, abgesehen vom Blick über die Stadt, ins Limmattal und in die Glarneralpen, unspektakulär. Blitzableiter, rote Lampen als Zeichen für ein Luftfahrthindernis, leidliche Begrünung. Auch die Falken scheinen mit dem Bau noch Mühe zu haben. Der Nistkasten ist bis auf ein paar Federn leer. Er sollte für jene Tiere vom Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse zur neuen Heimat werden, wenn der Kamin dereinst abgerissen wird.

Ein Stock weiter unten eben der sagenumwobene Raum, in den sich die Besucher drängen. Darunter viele junge Architekten mit Kamera, Quartierbewohner mit Kindern und ältere Stadtwanderer. Das vom Dach ausgesparte und verglaste Atrium macht den Raum hell. Darin eine riesige Aluminiumskulptur in netzartiger Nierenform. Sie bildet die innere Struktur eines Weizenkorns 100 000-fach vergrössert ab. Gegen Süden öffnet sich der Raum mit Parkettboden zur Fassade hin, zu besagten sechs Fenstern. Auf der einen Seite gruppieren sich Sitzgelegenheiten um tief gehängte Lampen, vor den Fenstern steht ein langer Tisch mit gut dreissig Stühlen, Marke Eames in Hellgrün und Türkis. An der Wand hängen zwei riesige Flachbildschirme. Mehr nicht.

Der Traum von Höherem

Eigenmann trinkt manchmal in einem der Sessel seinen Espresso und freut sich darüber, zu was er es gebracht hat. Aber es seien vor allem die Chefs aus Basel, die sich hier träfen, sagt er. «Und ja, einige Stadträte waren auch schon da, aber ihr Sitzungszimmer ist es nicht.» Das Gerücht in die Welt gesetzt hatte ausgerechnet Eigenmanns Vorgesetzter Romeo Sciaranetti, 2011 in einem Interview mit dem TA. Tags darauf nahm er seine Aussage wieder zurück.

Trotzdem: Die Stadträte André Odermatt (SP) und Richard Wolff (AL) waren beide schon im Sitzungszimmer. Der Hochbauvorsteher des Amtes wegen. Wolff, weil er sich als einstiger Gegner ein Bild vom Turm machen wollte. Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) hat sich angeblich schon zu einer Veranstaltung in die hohen Gefilde gewagt.

Eigenmann wäre nicht Eigenmann, träumte er nicht auch bezüglich des Raumes von Höherem. Er möchte ihn zugänglicher machen und gelegentlich vermieten. «Alle, die das Kornhaus schon einmal von innen gesehen haben, haben auch Verständnis für sein Äusseres.»


Gestaltungsideen für das Swissmill-Silo
Beton weckt die Fantasie

«Ein Betonklotz mit dem Charme eines Denkmals für einen Diktator» – so schmähte Richard Wolff das Swissmill-Silo, als er noch nicht Stadtrat war, sondern Gemeinderat der Alternativen Liste. Es war vor der Abstimmung über den Gestaltungsplan für den Turm geradezu ein Volkssport, den 118 Meter hohen Bau mit üblen Worten zu traktieren. Es nützte nichts: Ausser dem Kreis 10 hiess die Stadt das Vorhaben gut.

Bilder: Kunst am Silo

Seit Frühling 2016 steht der Turm in seiner ganzen unerschütterlichen Grösse da. Entgegen den Schmähungen ist er kein grober Klotz, sondern zeigt Strukturen: Solarzellen auf der Südseite, rotbraun gefärbte Rippen am Sockel, feine Rillen am Turm, Fenster zuoberst, und wer genau hinsieht, erkennt auch unterschiedliche Grautöne im Beton – Folge der Wetterverhältnisse beim Bau.

Klettern oder gärtnern

Dennoch genügt der Turm vielen Leuten immer noch nicht. Wenn er sich schon nicht verhindern liess, dann soll er wenigstens schöner werden oder nützlich für die Bevölkerung. Eine Kletterwand ist eine Idee, die immer wieder auftaucht. Oder Lichtprojektionen. Die gab es auch schon, zuerst vom Frauenhaus, die den Stopp der häuslichen Gewalt forderte, oder eine Guerilla-Projektion mit Dschungelbildern. Die Grünliberalen reichten im Gemeinderat gar ein Postulat ein mit dem Ziel, der Stadtrat solle sich bei der Besitzerin für Lichtkunst starkmachen oder für eine vertikale Begrünung. Doch weder Coop noch Stadtrat haben daran ein Interesse. Für sie ist der Turm ein industrieller Zweckbau, der auch so aussehen soll. Gegen Lichtkunst spricht die nächtliche Lichtverschmutzung und gegen Vertikalbegrünung die fehlenden baulichen Voraussetzungen.

Der Gemeinderat lehnte das Postulat der GLP ab – auch mit dem Argument, dass hinter dem Betonlook des Turms der Volkswille steht, denn die Stimmberechtigten wussten im Februar 2011, als sie mit 58 Prozent Ja zum Gestaltungsplan sagten, wie das Silo aussehen wird. (Jürg Rohrer)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2017, 07:05 Uhr

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