Die Probleme im Privilegierten-Quartier Seefeld

Lärmklagen gegen Beizen, Ausgrenzung von Randständigen: Wo das Einkommen hoch und die Mieten teuer sind, sinkt die Toleranz.

Die soziale Durchmischung im Quartier hat abgenommen: Zwinglifigur vor dem Freien Gymnasium. Foto: Urs Jaudas

Die soziale Durchmischung im Quartier hat abgenommen: Zwinglifigur vor dem Freien Gymnasium. Foto: Urs Jaudas

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Sie zögern, sie zaudern, sie zieren sich – die Bewohnerinnen und Bewohner im Seefeld schwärmen lieber über ihr Quartier, als Probleme zu benennen. Das Einkaufen im Reformhaus macht Spass, das Essen in einem der vielen Restaurants schmeckt. Kann man sich das Leben im Kreis 8 leisten, scheint es gut zu funktionieren.

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Dauern die Gespräche an, wissen viele Seefelder trotzdem, wann es ihnen den Hut lupft. «Zuerst musste ich überlegen», sagt Urs Frey, Präsident des Quartiervereins Riesbach, «aber dann ist mir das hier in den Sinn gekommen.» Bei der Tramstation Fröhlichstrasse hat eine Miteigentümerin auf einer Privatstrasse kürzlich Fussgängerverbote aufpinseln lassen. Dabei handle es sich um einen Schulweg, sagt Frey. Das Unverständnis dafür sei im Quartier gross. So gross, dass Unbekannte inzwischen den roten Kreis des Verbots blau gestrichen haben.

Unbekannte haben reagiert: Das Fussgängerverbot hat einen neuen Anstrich erhalten. Bild: ZVG

Die Aktion mit dem Fussgängerverbot sei zwar nicht per se symptomatisch fürs Seefeld, aber ja, mit den Mieten seien auch die Ansprüche im Quartier gestiegen, die Toleranz gesunken, die Kleingeistigkeit eingezogen.

Ein weiteres Beispiel dafür liegt nur wenige Meter entfernt an der Wildbachstrasse 42. Dort betreibt die Stadt seit rund eineinhalb Jahren den Treffpunkt City, wo sich ältere Randständige, die psychische oder Suchtprobleme haben, aufhalten, duschen oder verpflegen. Als die Stadt ihre Pläne für den Treff bekannt gegeben habe, hätten Eltern aus der Umgebung protestiert, sagt Frey. Randständige in ihrem Quartier? «Warum solche Leute jetzt in unser Wohnviertel holen?», sagte damals ein Bewohner der «NZZ am Sonntag». Im Seefeld wolle er diese nicht.

«Ist es erstrebenswert, wenn Leute in ein Quartier kommen, die sich die Restaurants und Quartierläden nicht leisten können?»Zoran Bozanic, Chefredaktor des Onlinemagazins «Zürich Kreis 8»

Wenn Urs Frey, der schon als letzter Linker im Seefeld bezeichnet wurde, solche Reaktionen hört, ärgert ihn das. «So ein Treff muss doch gerade in einem ansonsten privilegierten Quartier wie dem Seefeld möglich sein.»

Beschwerden vor 21 Uhr

Zoran Bozanic betreibt das Onlinemagazin «Zürich Kreis 8». Er lobt das Quartier. Seefeld-spezifische Probleme? Fehlanzeige. Zu wenig Parkplätze habe es ja in der ganzen Stadt. «Ou, doch, jetzt fällt mir etwas ein», sagt er plötzlich, «die Beizer haben mittlerweile Mühe, eine Gartenwirtschaft zu betreiben.» Schon vor 21 Uhr gingen Beschwerden ein, wenn im Sommer draussen ein paar Gäste plauderten. «Es prallen zwei Einstellungen aufeinander», sagt Bozanic. Jene, die sagen: Wer in der Stadt lebt, muss einen gewissen Lärmpegel dulden. Und die anderen, die sagen: Wenn ich schon so viel für meine Wohnung bezahle, will ich auch meine Ruhe.

«Wir leben in einem privilegierten Quartier, die Bevölkerung ist aber bodenständig geblieben», sagt eine 45-jährige Quartierbewohnerin. Sie schätzt die Nähe der Natur, den See, die Ruhe im Quartier und besonders: «Dass es enorm viele Menschen hat, die in der gleichen Situation sind wie ich.» Also Teilzeit arbeitende Mütter, die mit den gleichen Sorgen kämpfen, um den Alltag zu meistern.

Strassenstrich vor der Tür

Das Seefeld hat 30 turbulente Jahre hinter sich: Arbeiterquartier, Drogenstrich, Ausgehviertel, Umbau zum trendigen Wohnquartier, steigende Mieten. So schnell und einschneidend geschah die Veränderung, dass man heute von «Seefeldisierung» spricht, wenn andernorts in der Stadt Ähnliches passiert. War es davor besser? «Nein», sagt eine 41-Jährige, die im Quartier aufgewachsen ist. Sie habe früher wegen herumliegender Spritzen am See nicht barfuss herumlaufen können. Und wenn sie abends mit dem Pudel der Nachbarin spazieren ging, hiess es: «Bist du nicht zu jung dafür?» Der Strassenstrich war direkt vor der Tür.

Sie geniesst heute das aufgeräumte Seefeld, findet es toll, wie sich die Expats im Quartier einbringen. Klar gebe es Leute, die Probleme sehen: «Der Dreck am See im Sommer, die vielen Leute, der Verkehr … Aber insgesamt ist es heute sehr lebenswert im Seefeld.» Alles steht jedoch unter dem Vorbehalt, dass man sich eine Wohnung leisten kann. Sie selber lebt in einer Dreizimmerwohnung mit ihrem Mann und zwei Kindern. Noch teilen sich Tochter und Sohn das Zimmer. Irgendwann will die Familie aber ein Zimmer mehr. Ihr Mann sagt: «Es ist verdammt schön hier», fügt aber an: «Ich geniesse es noch, solange wir hier noch eine Wohnung haben können.»

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Derzeit baut die Stadt 125 Wohnungen auf dem Hornbach-Areal, die sie ab 2021 günstig vermietet. Onlinemagazin-Betreiber Bozanic ist skeptisch. Er sei kein Fan der «künstlichen Manipulation», es gebe eine «natürliche Evolution in einer Stadt». Und: «Ist es erstrebenswert, wenn Leute in ein Quartier kommen, die sich die Restaurants und Quartierläden nicht leisten können und ihr Geld nur im Grossverteiler ausgeben?» Hohe Mietpreise setzten aber auch dem Gewerbe zu. Restaurants, die in jüngster Zeit aufgegeben hätten, hätten nicht zu wenig Gäste gehabt, aber nach Renovationen seien die Mietzinse zu stark angestiegen.

Hier entstehen günstige Wohnungen: Die städtische Siedlung auf dem Hornbach-Areal.

Quartiervereinspräsident Frey freut sich über die städtische Siedlung. Ein Quartier brauche Durchmischung, diese Überbauung könne einen Beitrag dazu leisten. Er hätte es aber begrüsst, wenn die Stadt bei der Erstvermietung als eines der Kriterien den Quartierbezug der Bewerber mitberücksichtigt hätte. Die Stadt lehnte das ab.

Kritik an der Seilbahn

Uneinig sind sich die Stadt und Frey noch bei einem anderen Projekt. Unweit der Hornbachsiedlung soll auf der Blatterwiese eine Station der ZKB-Seilbahn gebaut werden. Frey bekämpft das Projekt vehement. Eine Firma dürfe sich in einem bereits übernutzten Park für fünf Jahre breitmachen. «Was, wenn die nächste Firma ein 150-Jahr-Jubiläum feiert und eine lustige Idee hat?» Frey treibt die Grundsatzfrage um: Sollen frei zugängliche Wiesen für kommerzielle Interessen geopfert werden?

Die ZKB-Seilbahn elektrisiert Frey und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Und das Quartier? An einer Informationsveranstaltung vor etwas mehr als einem Jahr seien nur negative Voten zum Projekt gefallen, sagt Frey. Es stimme aber auch, dass manche im Seefeld eine Seilbahn gut fänden oder keinen Aufstand dagegen machen wollten.

Erstellt: 18.09.2019, 21:33 Uhr

Serie zum Zwingli-Jahr (Teil 3)

In diesem Herbst befindet sich Zwingli in Form von Polyesterfiguren auf einer Tour durch Zürichs Stadtkreise. Er will erfahren, weswegen es den Bewohnerinnen und Bewohnern dort den Hut lupft. Wir begleiten ihn dabei. Bis am 4. Oktober ist Zwingli zu Gast am Freien Gymnasium Zürich.

Infos: www.zwinglistadt.ch

Zwingli-Gsprööch

Am Freitag, 20.09.19 findet um 10.20 Uhr in der Aula des Freien Gymnasiums Zürich (Arbenzstrasse 19) das dritte «Zwingli-Gsprööch» statt. Diskutiert wird über Humanismus. Im Anschluss wird um 12 Uhr der Humanismus-Zwingli eingeweiht.

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