Neues Schulhaus für 90 Millionen ist zu klein

Nicht nur Eltern sind enttäuscht: Bevor eines der teuersten Schulhäuser Zürichs bezogen wird, ist der Platz bereits zu knapp. Dutzende Kinder werden in alten Räumen untergebracht.

Im Schulhaus Blumenfeld werden ab 2019 alle Klassen dreifach geführt.

Im Schulhaus Blumenfeld werden ab 2019 alle Klassen dreifach geführt. Bild: Reinhard Zimmermann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit einem Fest samt Kuhglockengeläut wird der Umzug von der provisorischen Container-Schule Ruggächer in den Neubau Blumenfeld demnächst gefeiert. Schulkinder und Eltern freuen sich bereits lange auf diesen Moment. Das Schulhaus bietet genug Platz für alle Kindergartenkinder und Primarschüler aus dem Einzugsgebiet, so die Planung. In den offenen Räumen kann nach neusten Methoden unterrichtet werden, die Tagesschulstruktur eröffnet den Eltern neue Möglichkeiten.

Doch nun wird die Freude für einige von ihnen jäh getrübt. Im Neubau fehlt für zwei Kindergartenklassen der Platz. Sie werden ab dem neuen Schuljahr extern im alten Zehntenhaus geführt. Die Eltern sind über den Entscheid noch nicht informiert.

Thomas Antolini, Elternrat und betroffener Vater, hat davon trotzdem schon Wind bekommen. Er sagt: «Da wurden uns falsche Versprechungen gemacht. Für alle Kinder, die nicht ins neue Schulhaus ziehen können, wird es eine Enttäuschung sein.» Er fürchtet, die Kinder fühlten sich von der Tagesschulstruktur ausgeschlossen. Zudem müssen sie die verkehrsreiche Zehntenhausstrasse überqueren. Für Antolini ist klar: Die Stadt hat zu wenig Schulraum geplant.

Platz für Primarklassen

Tatsache ist, dass im Quartier Ruggächern am Nordrand von Affoltern in den letzten Jahren zahlreiche grosse Wohnsiedlungen entstanden sind. Über 4000 Personen, vorwiegend Familien mit Kindern, sind in den letzten neun Jahren in das Gebiet gezogen. Seither platzt die Schuleinheit Ruggächer mit Züri Modular-Containern aus allen Nähten.

2007 ist als Ersatz der 90-Millionen-Neubau Blumenfeld konzipiert worden. Nach dreijähriger Bauzeit wird die Anlage der Zürcher Oester Pfenninger Architekten auf das neue Schuljahr hin betriebsbereit sein. Das Schulhaus bietet Platz für 440 Schülerinnen und Schüler im Alter von 4 bis 13 Jahren. Dazu kommen Betreuungsplätze, ein Mehrzwecksaal und eine Dreifachturnhalle.

«Zuzüge antizipiert»

Hanspeter Zwyssig, bei der Schulpflege Glatttal zuständig für Bau und Raum, lässt den Vorwurf der Fehlplanung nicht gelten. «Wir haben den Bauboom und die Zuzüge von Familien sehr wohl antizipiert.» Mit der Auslagerung der beiden Kindergartenklassen schaffe die Schule im Schulhaus den nötigen Platz für drei weitere Primarklassen. Da im über 100-jährigen Schulhäuschen Zehntenhaus bereits jetzt ein Kindergarten einquartiert ist, schien es der Schulpflege die beste Lösung für das Platzproblem, den Ort auch weiterhin für den Kindergartenunterricht zu nutzen.»

In Zahlen heisst das: Auf das Schuljahr 2016/2017 hin werden im Blumenfeld 15 Primar- und vier Kindergartenklassen geführt. Dazu kommen die zwei externen Kindergartengruppen im Zehntenhausgebäude. Bis aufs Schuljahr 2019/2020 hin will die Schulpflege drei weitere Primarklassen eröffnen, so dass alle Jahrgänge dreifach geführt werden können. «Dann ist das Schulhaus voll ausgenutzt, und die Einheit hat die ideale Grösse erreicht», sagt Zwyssig.

Nicht mit Unsicherheit gerechnet

Die Schulpflege sah vor, im Juni, wenn die Kinder die Schulzuteilung erhalten, über den externen Standort der zwei Kindergärten zu informieren. «Es war uns nicht bewusst, dass alle Eltern automatisch davon ausgegangen sind, dass ihre Kinder im neuen Schulhaus unterrichtet werden und nun durch die Änderung eine Unsicherheit entstanden ist», sagt Zwyssig.

Die Befürchtung, dass die betroffenen Kindergartenkinder durch den externen Standort zu wenig Teil der Tagesschulstruktur seien, teilt er nicht. «Die Erstkindergärtler haben ohnehin keine automatische Mittagsbetreuung, da sie am Nachmittag keinen Unterricht haben.» Sind sie trotzdem im Hort im Schulhaus angemeldet, werden sie hin und zurück begleitet. Und die Strasse überquerten die Kindergärtler schon heute, teilweise mit Begleitung, ohne Probleme.

Zwyssig räumt aber gleichzeitig ein, dass bei der ursprünglichen Planung des Schulhauses vorgesehen war, dass alle Klassen im Blumenfeld untergebracht werden, jedoch wurde die Rechnung damals mit Grundstufenklassen gemacht. Da das Volk die Einführung von gemischten Kindergarten- und 1. Primarklassen Ende 2012 abgelehnt hatte, musste die Nutzung neu organisiert werden. Dazu kam, dass die Schule als eine von fünf Schulen an der ersten Phase des Tagesschulprojekts mitmacht, was wieder eine andere Raumorganisation erforderte.

Antolini kontert: «Als uns die Tagesschule vorgestellt wurde, hiess es immer, alle Kinder gingen im Neubau zur Schule. Man hat uns folglich angelogen.» Wie dem auch sei: Der Druck, im Gebiet genügend Schulraum bereitzustellen, bleibt nach wie vor hoch. Das verhehlt auch Hanspeter Zwyssig nicht. «Es bleibt eine Herausforderung», sagt er.

Keine Mammutschule

Thomas Antolini lässt sich mit diesen Argumenten nicht abspeisen. «Wenn der Bedarf schon antizipiert wurde, warum hat man nicht von Anfang die Reservefläche neben den bebauten Parzelle ins Projekt einbezogen?», fragt er. Er glaubt an einen politischen Poker, weil eine grössere, sprich teurere Schule beim Volk keine Chance gehabt hätte.

Die Schulpflege bestätigt, dass die Parzelle als Baureserve vorgesehen war. Einen Bau für sechs weitere Klassen, Räumen für Betreuung und Kindergarten sowie Fachzimmer hätte man darauf erstellen können. Doch das behagte der Schulpflege aus anderen Gründen nicht. «Wir wollten keine Mammutschule erstellen, denn eine Schule mit 31 Klassen inklusive Kindergarten ist schwierig zu führen», sagt Zwyssig.

Neben einer idealen Raumaufteilung sei für eine Schule eben auch die organisatorische Grösse entscheidend. Zudem wird die Parzelle derzeit als Aussenraum mit Spielplatz genutzt. Dieser müsste im Falle eines Zusatzbaus weichen.

Für Thomas Antolini ist das letzte Wort in der Sache noch nicht gesprochen. Und er ist überzeugt, dass am Elternabend am Mittwoch noch das eine oder andere zotige Votum fallen wird.

Erstellt: 04.04.2016, 10:59 Uhr

Artikel zum Thema

Das Ende der Luxus-Schulhäuser

Zürich muss und will billiger bauen. Heute hat die Stadt das erste Projekt nach den neuen Vorgaben präsentiert, die Schulanlage Schauenberg. Kostenpunkt: 51 Millionen Franken. Mehr...

Das teuerste Schulhaus von Zürich

Es gibt Streit um die Anlage Blumenfeld in Zürich-Affoltern, die zum teuersten Schulhaus der Stadt wird. Politiker führen dies auf übertriebene Standards für Neubauten zurück: «Jede Schublade wird normiert.» Mehr...

Stadt spart bei Schulhausbau

Die Stadt Zürich hat beim geplanten Schulhaus Blumenfeld in Affoltern die Notbremse gezogen: Das Projekt mit dem Namen «Fuchur» wäre viel zu teuer geworden. Nun gibt es weniger Zimmer und billigere Fassaden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...