Schwamendingen einfach

Weil ich mir die Miete in Zürich nicht mehr leisten kann, ziehe ich an den Rand der Stadt – vorerst theoretisch.

Man hat das Gefühl, dass hier etwas passiert: Schwamendingen bietet mehr als günstige Wohnungen. Bilder: Sabina Bobst

Man hat das Gefühl, dass hier etwas passiert: Schwamendingen bietet mehr als günstige Wohnungen. Bilder: Sabina Bobst

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Wenn das so weitergeht, muss ich weg. Vielleicht nicht ganz weg, vielleicht nur an den Rand der Stadt Zürich, in die ich vor bald sechs Jahren gezogen bin als Studentin vom Land. Ein Freund von mir wohnte damals am Stadtrand, im Quartier namens Schwamendingen im Kreis 12, von dem ich kaum etwas wusste ausser ein paar Vorurteilen, geronnen aus unzähligen Schlagzeilen. Gefährlich, heruntergekommen, billig. Agglo zwischen Autobahn und Wald. Viele Ausländer, viele Studenten. Harry Hasler.

Ich wusste nichts von der grossen Dichte an genossenschaftlichen Wohnungen, die vor allem in den 50er-Jahren entstanden sind, weil die Stadt günstigen Wohnraum brauchte. Ich wusste nicht, dass Schwamendingen zuallererst darum bemüht war, «den Bewohnern eine freundliche und menschenwürdige Atmosphäre zu schaffen», wie es Albert Heinrich Steiner, bis 1957 Stadtbaumeister von Zürich, einst sagte. Ihm war es wichtig, dass es viele Grünflächen gab und keine bauliche Eintönigkeit; dass sich hohe und niedrige Gebäude in den Siedlungen abwechselten. Er nannte sein Konzept Gartenstadt.

Vor sechs Jahren interessierte mich nur, endlich das Ländliche hinter mir zu lassen. Unterzutauchen in der Grösse und Anonymität der Stadt Zürich. Was kümmerten mich ihre Ränder, an denen es so aussah, wie ich es von daheim schon kannte? Ich wollte das andere.

Ich muss raus

Jetzt braucht die Stadt Zürich wieder günstigen Wohnraum, sie braucht ihn noch immer – sie braucht einfach immer noch mehr. Es geht also weiter mit dieser Entwicklung: Billige Wohnungen wie meine im Kreis 3 werden saniert und teurer. Wenn ich eine Wohnung suchen muss, zwei bis zweieinhalb Zimmer gross für eine Monatsmiete von maximal 1500 Franken, dann werde ich sie nicht in Wiedikon finden. Nicht im Zentrum.

Ich müsste raus nach Schwamendingen. Über 80 Prozent der Wohnungen dort könnte ich mir gemäss TA-Mietpreiskarte leisten, 347 von 431 Wohnungen in dieser Grösse lägen in meinem Budget. Im Kreis 3 wären es knapp 30 Prozent, im Kreis 4 etwas mehr als 17 Prozent. Im Kreis 5 noch 10 Prozent.

In Schwamendingen dürfte ich wählerisch sein und könnte mir die schönste Wohnung aussuchen. Zwischen Bahnhof Stettbach und Schwamendingerplatz sind viele neue entstanden, und es werden laufend weitere gebaut. Schwamendingen wächst, inzwischen leben hier rund 35'000 Menschen. Es sind nun vermehrt Familien mit kleinen Kindern, die hierherziehen. Aber würde ich das auch wollen – in Schwamendingen wohnen?

Besuch auf dem Land: Kein Hotel, dafür viel Grün.

Ich hätte einen Gartensitzplatz oder eine Terrasse, eine Abwaschmaschine und eine Waschmaschine in der Wohnung. Bodenheizung, einen geräumigen Keller, einen überdachten Veloabstellplatz. Und ich wäre nicht weit vom Zentrum entfernt, in knapp zwanzig Minuten würde ich es mit dem 7er- oder 9er-Tram erreichen. Mit der S-Bahn innert acht Minuten. Das betonen alle, die in Schwamendingen leben. Sogar mit dem E-Bike ginge es, hin und zurück seien es je nur fünfzehn Minuten.

Eigentlich keine Distanz, soll das bedeuten. Eigentlich ist es in Schwamendingen nicht anders, als würde man weiterhin «unten in der Stadt» leben, wie sie sagen.

Ich probiere es aus

Also steige ich an einem Abend nach der Arbeit bei der Schmiede Wiedikon ins Tram und fahre eine halbe Stunde in den Kreis 12. Am Paradeplatz vorbei, dem Bellevue und durch den Milchbuck, die Haltestellen heissen jetzt Schörlistrasse, Waldgarten, Tierspital. Ich probiere es aus, das Heimfahren nach Schwamendingen.

Weil es kein Hotel gibt, komme ich für die Nacht bei einer Bekannten unter, die mit ihrer Familie seit zehn Jahren auf einem ehemaligen Bauernhof lebt. Sie besitzt zwei Wohnwagen auf ihrem Land, die sie vermietet. Dahinter weiden Schafe. Es gebe Familien aus der Stadt, sagt sie, die kämen regelmässig für ein Wochenende nach Schwamendingen. Aufs Land.

Am Schwamendingerplatz ist der Coop bis 21 Uhr geöffnet. Es gibt das Restaurant Hirschen, den Thai-Take-away, das Restaurant Schwamendingen. Ich habe auch hier die Wahl, ob ich einkaufen oder spontan einkehren möchte. Es gibt aber auch diese Entwicklung, die man von Dörfern kennt: Die ZVV-Ticketeria in der angrenzenden Poststelle soll aufgelöst werden, die Stadt wird das Kreisbüro 12 schliessen. Es lohne sich nicht, die Verwaltung gemessen am Bedarf sei zu aufwendig. Maya Burri, seit bald vierzig Jahren in Schwamendingen und seit elf Jahren Präsidentin des Quartiervereins, wehrt sich im Namen des Quartiers gegen diesen Abbau. «Wir sind hier eine Stadt in der Stadt, und dazu gehört der Service public.»

Video: Tagi im Quartier

Was treibt die Bewohnerinnen und Bewohner von Schwamendingen um? Video: Lea Blum (Sommer 2017)

Ein ZVV-Ticket kann ich mit dem Handy lösen, das Kreisbüro bräuchte ich nicht, würde ich meinen Wohnsitz hierherwechseln – ich würde mich online anmelden. Trotzdem: Eine Stadt macht aus, dass gewisse Dinge einfach da sind. Dass man Möglichkeiten hat. Ich will wählen können, ob ich daheim lese oder in einem schönen Café, und ich will spontan entscheiden können, in welches schöne Café ich gehen möchte. Gibt es das in Schwamendingen? Gibt es eine Bäckerei, die auch am Wochenende geöffnet ist? Gibt es Räume, in denen Kunst stattfindet, in denen sich etwas bewegt, verschiebt – die bei mir etwas auslösen?

Maya Burri fährt mich mit dem Auto durch Schwamendingen, sie zeigt mir das älteste Bauernhaus, die Schulhäuser, die in den vergangenen Jahren gebaut wurden und bereits wieder zu wenig Platz haben. Eine ehemalige Garage der Amag, in der Künstler und Start-ups eingemietet sind. Sie zeigt mir, wo die Autobahn eingehaust wird, die den Kreis 12 bisher zerschneidet, und fährt an einer Galerie vorbei. Sie zeigt mir die Anschlagtafeln auf dem Schwamendingerplatz, auf denen man von der nächsten Lesung erfährt oder dem Start der Weihnachtsbeleuchtung. Der Schwamendingerplatz, sagt Burri, sei das Zentrum von Schwamendingen. Der Dorfkern.

Ich gehe in die Confiserie Karrer, einen Familienbetrieb an der Winterthurerstrasse, den es seit sechzig Jahren gibt. Die Bäckerei wird für ihre Patisserie gerühmt, und im Tearoom gibt es eine Auswahl an Zeitungen und guten Kaffee. Aber das Café hat kein WLAN und ist sonntags geschlossen.

Ich gehe hoch zur Ziegelhütte, die der Gastronom Stefan Tamò seit bald sieben Jahren führt. Tamò, selbst hier aufgewachsen, hat es mit der Ziegelhütte geschafft, Städter nach Schwamendingen zu bringen. Sie mögen das gute Essen, die urchige Beiz, den Spaziergang in den Wald. Schwamendingen ist jetzt nicht mehr nur dort draussen, am Rand der Stadt. Es ist jetzt zu einem Ausflugsziel geworden.

Die Ziegelhütte sei ein urbaner Ort, sagt ein Bewohner, der seit diesem Sommer mit seiner Familie in Schwamendingen lebt. Sie sind von der Langstrasse hierhergezogen, weil sie mehr Platz brauchten und genug hatten vom Lärm in der Stadt.

Was sie an Schwamendingen schätzten, das sagen alle, der Bewohner, die Bekannte, der Gastronom Tamò und die Quartiervereinspräsidentin Burri: «Man hat das Gefühl, dass hier etwas passiert.» Dass vieles möglich ist. Mit den Leuten, die neu nach Schwamendingen ziehen, findet allmählich eine Durchmischung statt. Es gibt viel Platz, auf dem junge Menschen etwas versuchen könnten. Neue Läden könnten entstehen, Cafés, Restaurants. Irgendwas.

Der Raum, in dem sich etwas verschiebt und aufbricht, dieser Raum, den ich suche – es ist Schwamendingen selbst. Wahrscheinlich ist mir das zu gross. Noch.

Erstellt: 05.12.2017, 19:15 Uhr

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