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Schweizer «Ausbrecherkönig» als Kinostar

Das Leben des Berufskriminellen Walter Stürm wird verfilmt. Die Hauptrolle übernimmt einer der bekanntesten Zürcher Schauspieler.

Walter Stürm im Februar 1995 vor dem jurassischen Kantonsgericht in Pruntrut.
Walter Stürm im Februar 1995 vor dem jurassischen Kantonsgericht in Pruntrut.
Keystone
Walter Stürm sitzt lesend auf seiner Zellenpritsche im Untersuchungsgefängnis in Brig, aufgenommen am 27. März 1993.
Walter Stürm sitzt lesend auf seiner Zellenpritsche im Untersuchungsgefängnis in Brig, aufgenommen am 27. März 1993.
Keystone
Barbara Hug, Rechtsanwältin, aufgenommen in Zürich im Juni 1987. Sie war die langjährige Verteidigerin von Stürm.
Barbara Hug, Rechtsanwältin, aufgenommen in Zürich im Juni 1987. Sie war die langjährige Verteidigerin von Stürm.
Keystone
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Er war Bankräuber, Einbrecher und wurde in den Achtzigerjahren zum Held der Linken und der Jugendbewegung: der Berufskriminelle Walter Stürm, der 1942 als Sohn eines reichen Industriellen in Goldach im Kanton St. Gallen zur Welt kam und seine «Karriere» als 20-Jähriger mit dem Verkauf von gestohlenen Autos startete. Es folgten Raubüberfälle, Einbrüche, Geiselnahmen und insgesamt acht Ausbrüche aus Gefängnissen.

Der bekannteste Ausbruch war wohl jener an Ostern 1981 aus der Strafanstalt in Regensdorf, als er einen Zettel mit den Worten «Bin beim Ostereiersuchen, Stürm» hinterliess.

Zum Robin Hood stilisiert

Stürm verschaffte sich in den Achtzigerjahren in der Jugendbewegung und in linken Kreisen grosses Ansehen, weil er gegen die Isolationshaft kämpfte und deshalb in den Hungerstreik trat. Mit seinem Widerstand gegen die Obrigkeit und den «Knastkampf» wurde er gar zu einem Robin Hood emporstilisiert.

Solidaritätskundgebung für den in der Strafanstalt Regensdorf inhaftierten Walter Stürm im Mai 1987 in Zürich. Bild: Keystone
Solidaritätskundgebung für den in der Strafanstalt Regensdorf inhaftierten Walter Stürm im Mai 1987 in Zürich. Bild: Keystone

Nun wird sein Leben verfilmt, wie der «Blick» berichtete: «Stürm: Bis wir tot sind oder frei» heisst der Film. Regie führt Oliver Rihs, der mit dem Spielfilm «Achtung, fertig, WK!» bereits 2013 einen Kinohit gelandet hat. Der 29-jährige Schweizer Joel Basman spielt im Film Walter Stürm. Der Film soll Mitte 2020 in die Kinos kommen – genau 40 Jahre nach den Jugendunruhen.

Im Vordergrund des Films stehe die Beziehung zwischen Walter Stürm und seiner Anwältin Barbara Hug, sagt Produzent Ivan Madeo dem «Tages-Anzeiger». Die beiden verband eine Hassliebe, sie waren fast zwanzig Jahre einen gemeinsamen Weg gegangen. Beide waren einsame Menschen, die sich letzten Endes gegenseitig brauchten, sagt Madeo. Während Stürm ein grosser Egoist war und nur auf sich schaute, kämpfte die 2005 verstorbene Strafverteidigerin gegen die Reichen und Mächtigen. Der Film wolle Stürm nicht verherrlichen oder verteufeln, sondern eine spannende, aber doch gebrochene und gespaltene Persönlichkeit zeigen.

Bei den Recherchen zum Drehbuch hat auch Reto Kohler mitgearbeitet, der 2004 eine 300-seitige Biografie über Walter Stürm geschrieben hat. In einem Interview im «Tagblatt der Stadt Zürich» sagte Kohler damals, dass Walter Stürm ein Held der Jugendbewegung war. Das Thema Gefängnis sei ein grosses Politikum gewesen. Mit seinem Widerstand gegen die Obrigkeit und dem «Knastkampf» habe Walter Stürm ein wichtiges linkes Argument aufgenommen. Später missbrauchte er aber die entsprechende Rhetorik, denn eigentlich interessierten ihn die Anliegen der Linken nicht. Stürm habe seinen grossen aber falschen Charme gezielt eingesetzt und habe gewusst, wie man die Leute für sich instrumentalisiert.

«Stürm widersprüchlich erlebt»

Einer, der Walter Stürm persönlich kannte, ist Hugo Portmann. Der 61-Jährige, der heute bei Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) arbeitet, sass wegen Banküberfällen und weiterer Delikte fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis. Er hatte 1998 zusammen mit Walter Stürm im Kanton Thurgau eine Bank überfallen, dabei wurden beide Männer verhaftet. Portmann hatte Stürm widersprüchlich erlebt, im Strafvollzug sei er hilfsbereit gewesen, in der Freiheit habe er die Leute als Mittel zum Zweck gebraucht. Er sei ein guter Verkäufer seiner eigenen Person gewesen.

Gefragt, ob er sich den Film über Stürm anschauen werde, ist Portmann noch unschlüssig. Er ist skeptisch, sei die Gefahr doch gross, dass Stürm im Film verherrlicht werde, was den Opfern nicht zu wünschen wäre. Stürm sei aus wohlhabenden Verhältnissen gekommen und habe es gar nicht nötig gehabt, ein Berufsverbrecher zu werden, sagt Portmann.

Genau diese Verherrlichung finde im Film aber nicht statt, sagt Produzent Ivan Madeo. Einseitig heroische Figuren seien filmisch wenig interessant. Stürm eigne sich für die grosse Leinwand, gerade weil er ambivalent ist.

Stürm verübte am 13. September 1999 im Frauenfelder Untersuchungsgefängnis Suizid. Der 57-Jährige sass dort wegen des gescheiterten Banküberfalls im Kanton Thurgau. Der «Ausbrecherkönig» verbrachte rund die Hälfte seines Lebens im Gefängnis oder auf der Flucht.

Film über Fluchthelfer Lenzlinger

Neben dem Film über Stürm befasst sich ein weiteres Filmprojekt mit einem weiteren Mann, der in der Vergangenheit hohe Wellen geworfen hatte: der Zürcher Fluchthelfer Hans Ulrich Lenzlinger. Auch er endete tragisch. Lenzlinger wurde in seinem Haus in Zürich-Höngg im Februar 1979 von einem oder mehreren Unbekannten erschossen. Lenzlinger war in den Siebzigerjahren einer der bekanntesten Fluchthelfer. Er organisierte gegen Bezahlung die Ausschleusung von fluchtwilligen DDR-Bürgern nach Westdeutschland. Er war eine schillernde Figur und hielt in seinem Haus verschiedene Raubtiere. Mit seinem zahmen Geparden posierte er gern vor den Medien.

Wer den 50-Jährigen in seinem Haus erschossen hat, ist nicht bekannt. War es die Stasi, die Staatssicherheit und Geheimpolizei der DDR, oder war es sein Mitarbeiter, wie der damalige Staatsanwalt vermutete? Laut «Blick» soll nun das Leben dieses Abenteurers vom schweizerisch-österreichischen Schauspieler Max Simonischek dargestellt werden. Die Dreharbeiten für «Der Leopard», so der Titel des Films in Anlehnung an die Stasi-Akte mit dem gleichen Namen, sind auf Frühjahr 2020 geplant. Das Budget beträgt 4,5 Millionen Franken. Regie führt der Berner Cihan Inan.

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