Schwule Heilige und andere Tabus

Alt-Abt Martin Werlen legt sich beherzt für Homosexuelle ins Zeug und kritisiert die Haltung der Schweizer Bischöfe. Auf Kosten der eigenen Karrierechancen.

Keine Angst vor kontroversen Positionen: Martin Werlen bei einem Interview vor zwei Jahren, damals noch in seiner Funktion als Abt von Einsiedeln.

Keine Angst vor kontroversen Positionen: Martin Werlen bei einem Interview vor zwei Jahren, damals noch in seiner Funktion als Abt von Einsiedeln.

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Lebensweisheit aus dem Kloster steht hoch im Kurs. Der Herder-Verlag lebt davon. Seit Jahrzehnten lässt er die Benediktinermönche Anselm Grün und Notker Wolf Buch um Buch schreiben. Da steht der Einsiedler Alt-Abt Martin Werlen noch ganz am Anfang seiner Ratgeberkarriere. Unterstützt vom Comedian Fabian Unteregger, stellte er vorgestern im Zürcher Hauptbahnhof sein drittes Buch vor: «Wo kämen wir hin?».

Früher als Bauernsohn mit den Kühen unterwegs, empfiehlt er sich heute als Weggefährte der Beladenen und Entrechteten. Und nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. Er legt die Gleichnisse Jesu aus, zitiert geistliche Grössen wie Silja Walter oder Johannes Paul II., erklärt Menschen wie Hans Vontobel oder Rafael Nadal zu Vorbildern. Stets predigt er Umkehr. Zwischen den Zeilen erkennt man seine eigene Umkehr von «Abt Martin» zu «Mensch Martin».

Kritik an Huonder

Werlen moralisiert heftig. Seine Moral aber schlägt den Vorgaben der römischen Kirche bisweilen gehörig ins Gesicht. So beherzt hat sich noch kein (ehemaliges) Mitglied einer Bischofskonferenz für Homosexuelle ins Zeug gelegt. Um den Preis, dass seine Chancen auf das Bischofsamt schwinden. Für viele wäre er der Wunschkandidat als Nachfolger des Churer Bischofs Vitus Huonder.

Gerade mit ihm geht er ins Gericht. Dessen Äusserungen zur im Alten Testament geforderten Todesstrafe für Homosexuelle seien nicht katholisch, sondern zutiefst verletzend. Werlen widerspricht auch der Schweizer Bischofskonferenz, die den Pfarrer von Bürglen nach einer Segnungsfeier für ein Lesbenpaar in die Schranken wies. Segensfeiern für Homosexuelle seien in der Kirche nicht möglich, deklarierten die Bischöfe. Natürlich seien sie möglich, kontert Mönch Martin: Alle Liebenden dürfe und und solle man segnen.

Eine Frage der Liebe

«Immer noch schliessen Getaufte selbstverständlich aus, dass Homosexuelle Liebe leben», ärgert sich Werlen: «Ein solches Urteil ist tötend.» Ein homosexueller Mensch sei wie jeder andere zur Liebe berufen. Man sei sich in der Kirche nicht bewusst, dass sie unter den Heiligen auch Homosexuelle verehre.

Werlen selbst ist sich offenbar nicht bewusst, dass auch Papst Franziskus, den er ständig zitiert, die Liebe aus homosexuellen Lebensgemeinschaften ausschliesst. Besteht doch für den Papst zwischen solchen und der Ehe zwischen Mann und Frau keinerlei Analogie. So jedenfalls sieht er es mit Blick auf die Homo-Ehe im Lehrschreiben «Die Freude der Liebe».

Auch Frauen als Priester?

Auch als Frauenförderer übertrifft der Mönch den Papst. Werlen plädiert für Gleichberechtigung in der Kirche. Statt explizit die Priesterweihe der Frau zu fordern, rettet er sich in die Frageform: «Gehört die Bindung der Weihe an eines der Geschlechter zum unveränderbaren Glaubensgut, oder ist die in diesem Fall heraufbeschworene Tradition nicht vielmehr ein Relikt des Zeitgeistes über Jahrhunderte?» Indem er die Christusnachfolge über das Geschlecht stellt, sagt er indirekt Ja zur Frauenordination. Diese sei auch ein Machtproblem, doppelte er in Zürich nach.

Erstellt: 28.09.2016, 10:14 Uhr

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