Sechs Jahre Gefängnis für ungarischen Zuhälter

Die Zürcher Bezirksrichter folgen fast allen Anträgen der Staatsanwaltschaft. Vom spektakulärsten aber sehen sie ab: der Prangerstrafe.

Er sei unschuldig, sagt ein Zuhälter. Alle hätten sich gegen ihn verschworen. Die Richter am Bezirksgericht Zürich schenken ihm keinen Glauben und verurteilen den 46-jährigen Ungarn.

Er sei unschuldig, sagt ein Zuhälter. Alle hätten sich gegen ihn verschworen. Die Richter am Bezirksgericht Zürich schenken ihm keinen Glauben und verurteilen den 46-jährigen Ungarn. Bild: Patrick Gutenberg

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Ein ungarischer Zuhälter muss eine sechsjährige Freiheitsstrafe absitzen, dies hat das Bezirksgericht Zürich am heutigen Freitagmorgen bekannt gegeben. Der Mann hatte 2014 mehrere Frauen nach Zürich gebracht und dazu gezwungen, sich an der Langstrasse zu prostituieren. Das Geld der Freier hat er den Frauen abgenommen.

Die Förderung der Prostitution erachtete das Gericht aber nicht als schwerstes Delikt. Hauptsächlich wurde der 46-Jährige dafür bestraft, dass er eine der Frauen, die er in die Schweiz brachte, vergewaltigte und mehrere weitere Frauen nötigte. Mit dem Vergewaltigungsopfer, einer heute 26-jährigen Ungarin, erpresste der Zuhälter zudem einen älteren Schweizer, der sich in die Ungarin verliebt hatte.

Zuhälter sollten erfahren, was ihnen hier blüht

Dennoch lehnte das Bezirksgericht jenen Antrag des Staatsanwalts Andreas Popow ab, der im Vorfeld am meisten Aufsehen erregt hatte. Popow hatte verlangt, dass das Urteil in einer auflagenstarken Boulevard- oder Gratiszeitung in Budapest in Form eines Inserats publiziert wird – mit vollem Namen des Beschuldigten. Damit wollte er erreichen, dass weitere potenzielle Opfer vor dem Zuhälter geschützt werden, und zudem eine abschreckende Wirkung erzielen: «Zuhälter erfahren so, dass es mehrjährige Freiheitsstrafen gibt, wenn sie im Kanton Zürich ihr Unwesen treiben.»

Diesen Antrag stützte Popow auf Artikel 68 im Strafgesetzbuch. Dort ist die Publikation eines Urteils als Massnahme vorgesehen, wenn dies im öffentlichen Interesse ist – der Artikel wird aber seit Jahrzehnten kaum mehr angewendet. Eine Publikation sei nicht im Interesse der Opfer, sagte denn auch das Bezirksgericht. Damit folgte es dem Argument der Anwältin einer Prostituierten, die sich Sorgen machte, welche Folgen so was für die Opfer haben könnte.

Ihre Befürchtung: Auch wenn der Namen der betroffenen Frauen nicht genannt würde, könnten sie mit der Geschichte konfrontiert werden. Involvierte Kreise würden sie erkennen, und ihre Familie geriete eventuell sogar in Gefahr. Das Gericht sah darüber hinaus die Gefahr, dass der Täter den Zeitungsartikel für sich verwenden könnte – denn schon in der Vergangenheit schüchterte er seine Opfer mit einem Zeitungsartikel ein. Der Mann war vor Jahren wegen Drogen verurteilt worden, worüber eine ungarische Zeitung berichtet hatte.

Gericht glaubt nicht an Geschichte vom Komplott

Der Zuhälter und sein Verteidiger vor Gericht hatten einen Freispruch in allen Punkten verlangt. Es sei alles ein Komplott gegen ihn, es seien Beweise gefälscht worden, und die Frauen würden sich nur an ihm bereichern wollen, argumentierte der 46-Jährige in der Verhandlung am vergangenen Mittwoch. Damit konnte er das Bezirksgericht aber nicht überzeugen: «Ein Komplott ist für uns nicht ersichtlich», sagte der vorsitzende Richter.

Der Verteidiger versuchte auch den Vorwurf zu entkräften, sein Mandant habe die Prostitution gefördert. Die Frauen hätten selbstbestimmt gehandelt. Es sei nicht bewiesen, dass der Zuhälter sie unter Druck gesetzt hätte. Zwar hätten sie viel telefoniert, doch oft habe die Frau ihn angerufen.

Staatsanwalt Popow war es im Zuge der Ermittlungen gelungen, Daten des Facebook-Profils des Zuhälters zu erhalten. Aus den Chats der beiden gehe gar hervor, dass sie eine Liebesbeziehung geführt hätten, argumentierte der Verteidiger. Bezüglich der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung stehe Aussage gegen Aussage, im Zweifel müsse deshalb für den Angeklagten entschieden werden.

Das Gericht glaubte aber den Schilderungen der Frauen und anderer Personen mehr. Mit dem Verdikt einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren folgte es dem Antrag des Staatsanwalts.

Kein willenloses Werkzeug: Auch Frau verurteilt

Auch die 26-jährige Frau, die bei dem Erpressungsversuch mitmachte, wurde verurteilt: Zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 10 Franken. Die Strafe sei mild ausgefallen, weil sich die Frau nur deshalb beteiligt habe, um ihren Zuhälter zu befriedigen, der sie stark unter Druck setzte. Das Gericht machte bei ihr einen Notstandexzess geltend. Allerdings sei sie kein willenloses Werkzeug ihres Peinigers gewesen, deshalb gab es keinen Freispruch, wie ihn die Verteidigerin gefordert hatte.

Das zwei Jahre dauernde Untersuchungs- und Gerichtsverfahren kostet den Staat einen sechsstelligen Betrag. Der grosse Teil der Kosten wird auf die Gerichtskosten genommen. Der Zuhälter wird vom Gericht aber noch verpflichtet, an drei seiner Opfer Genugtuungen zwischen 3000 und 30'000 Franken zu bezahlen. Ausserdem muss er zwei Prostituierten einen Teil der Einkünfte zurückzahlen, die er ihnen abgenommen hatte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Erstellt: 22.11.2019, 12:00 Uhr

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