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Selbst bei tiefen Zinsen soll die Glasfaser beim EWZ zu teuer sein

Befürworter und Gegner des Glasfasernetzes duellierten sich im Abstimmungskampf mit Zahlen. Der TA versucht, Klarheit in die Datenlage zu bringen, und führt das Duell weiter.

Gewinnbringend oder defizitär? Arbeiter der EWZ verlegen ein Glasfaserkabel in Zürich. (Bild vom 9. August 2011)
Gewinnbringend oder defizitär? Arbeiter der EWZ verlegen ein Glasfaserkabel in Zürich. (Bild vom 9. August 2011)
Keystone

Am Anfang des Duells stand ein Bericht des «Tages-Anzeigers» mit dem Titel: «Millionengrab Glasfasernetz». Darin rechnete Karl-Heinz Neumann vor, dass das Netz des EWZ einen Verlust von mehreren Hundert Millionen Franken schreiben wird. Neumann leitet das deutsche Institut WIK, das sich auf Modellrechnungen für Infrastrukturprojekte spezialisiert hat.

Anfang August kritisierte Stadtrat Andres Türler (FDP) an einer Pressekonferenz die Berechnungen des WIK aufs Schärfste. Elementare Punkte seien darin nicht berücksichtigt worden, sagte er und gab aktuelle Zahlen bekannt – worauf der Stadtzürcher Gewerbeverband, vehementer Gegner des EWZ-Netzes, nachrechnen liess.

«Traumkapitalkosten» für EWZ

Ob das Glasfasernetz nun eher gewinnbringend oder eher defizitär sein wird, lässt sich aber auch heute noch nicht abschätzen – noch immer steht Wort gegen Wort respektive Zahl gegen Zahl. Um mehr Klarheit zu bekommen, führte der TA das Duell weiter und fragte das deutsche Institut, ob das EWZ mit dem Glasfasernetz Gewinn erwirtschafte, wenn das EWZ, wie Stadtrat Türler sagte, nur 2,5 Prozent für sein Kapital bezahle statt wie von WIK berechnet 8 Prozent.

Neumann ist skeptisch: «Auch mit tieferen Kapitalkosten ist das Netz noch defizitär, einfach nicht mehr so stark», sagt er. Ein Satz von 2,5 Prozent seien Traumkapitalkosten. Das Risiko des Projekts sei darin nicht berücksichtigt. Zahle das EWZ 8 Prozent auf das Kapital, muss es gemäss Neumann knapp 65 Franken für einen Anschluss verlangen, bei 2,5 Prozent immer noch 45 Franken. Das aber würde kaum jemand bezahlen, denn bei der Swisscom kostet ein Anschluss 39 Franken. «Wir sagen nicht, dass ein Glasfasernetz in Zürich nicht rentabel sein kann», hält Neumann fest. «Aber wir halten das Geschäftsmodell des EWZ so, wie es vorliegt, für nicht rentabel.»

Unterschiedliche Rechnungsgrundlage

EWZ-Sprecher Harry Graf sagt hingegen: «Wir haben das Ganze von oben nach unten und von unten nach oben sauber durchgerechnet und kommen immer zum gleichen Schluss: Das Netz wird rentieren.» Das EWZ rechnet je nach Bandbreite mit Einnahmen von 18 bis 60 Franken pro Anschluss. Damit könne es Investitionen und Betriebskosten nach 30 Jahren decken.

Stadtrat Andres Türler warf dem WIK-Institut im August zudem vor, es habe die Einnahmen aus den Punkt-zu-Punkt-Verbindungen nicht berücksichtigt – Leitungen, welche das EWZ im Auftrag von Unternehmen verlegt. «Stimmt», sagt Karl-Heinz Neumann. Er hat allerdings auch die Kosten nicht in die Berechnungen einbezogen. Dieses Geschäft sei wohl profitabel, die Einnahmen also höher als die Ausgaben. Aber: «Da dies im Vergleich zum Anschlussgeschäft ein relativ kleiner Geschäftszweig ist, müssten die Gewinne sehr hoch sein, damit sie die Verluste aus dem übrigen Geschäft kompensieren.» Und da ohnehin bald alle Unternehmen einen Glasfaseranschluss erhielten, werde dieser Geschäftszweig schrumpfen.

«EWZ subventioniert Swisscom»

EWZ-Sprecher Harry Graf ist anderer Meinung. Punkt-zu-Punkt-Verbindungen seien ein sehr profitables Geschäft, sagt er. Schon heute erwirtschafte das EWZ damit die Hälfte des Umsatzes, den es in 30 Jahren erwartet. Es sei schon möglich, dass sich das EWZ mit dem Glasfasernetz für alle selber konkurrenziere, aber: «Diese Dienstleistung wird auch in Zukunft gefragt sein.» Von Banken und Versicherungen, die höhere Sicherheitsstandards haben, oder von Unternehmen, die sich eine Glasfaserverbindungen über die Stadt – und das geplante Glasfasernetz – hinaus verlegen lassen, etwa ins Tessin oder in die Westschweiz.

Das Grundproblem des EWZ-Modells ist nach Einschätzung von Karl-Heinz Neumann, dass das EWZ mit einem angenommenen Marktanteil von 9 Prozent 40 Prozent der Produktionskosten tragen muss, die Swisscom lediglich 60 Prozent. Und dies, obwohl sie heute etwa 85 Prozent der Festnetzanschlüsse verkauft. «Das EWZ subventioniert so die Swisscom», folgert er.

Die Details nicht preisgeben

«Davon kann keine Rede sein», kontert Graf. Das EWZ habe seinen Marktanteil vorsichtig berechnet, und in manchen Gebieten übertreffe er schon heute den Wert, den das EWZ nach 30 Jahren anstrebe. Jener der Swisscom liege heute bei 40 Prozent. Wenn die Swisscom das Netz aber zum Beispiel zu 65 Prozent nutzt, muss sie einen Ausgleichbetrag bezahlen. Dasselbe gilt für das EWZ. Und auch hier steht am Ende Wort gegen Wort: Neumann findet den Ausgleichsmechanismus intransparent, Graf findet ihn klar.

Auch dieses Fernduell kann nicht die letzte Klärung bringen: Karl-Heinz Neumann kritisiert, das EWZ gebe zu wenig Zahlen bekannt, Anschlusskosten etwa oder Kundenzahlen. «Es war für uns sehr, sehr mühsam, die Berechnungen anzustellen.» Der EWZ-Sprecher hingegen sagt: «Alle wichtigen Zahlen stehen in der Abstimmungszeitung.» Was ein Anschluss koste und wie viele Kunden das EWZ erwarte, lasse sich daraus errechnen. Aber das EWZ stehe im direkten Wettbewerb, die detaillierten Zahlen habe es deshalb nur der Parlamentskommission vorgelegt. Und Graf kontert: Für das EWZ, das kein Einblick in die Berechnungen von WIK erhalten habe, sei es sehr mühsam gewesen, diese nachzuvollziehen.

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