Selbst Picasso rühmte diese Zürcher Siedlung

Die Planer der Siedlung Neubühl kämpften lange gegen die konservative Stadt. Heute ist der Bau eine Ikone des Neuen Bauens. Und sie faszinierte Weltstars.

Die Architekten planten das Neubühl, als wäre es ein Ferienort: Ein Garten auf dem Dach, grosse Fenster, um das Gefühl von Sonne, Licht und Luft zu verstärken. Bild: Andrea Zahler

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«Stadtbild» Nr. 010 –«Verhüslet» ist Zürich fürwahr vielerorts. Wir alle kennen Strassenzüge und Quartiere, wo Gebäude willkürlich aneinandergereiht scheinen. Dass der Hügelzug Neubühl am Stadtrand nicht «programmlos verhüslet» ist, verdankt er der Frau von Architekt Rudolf Steiger. Sie wälzte mit ihm von Kilchberg in die Stadt spazierend die Idee, das Land «mit einem Gesamtplan zu überbauen, der Hand und Fuss hat». Eine moderne Siedlung – sozial gedacht und mit viel Grünraum – wollten sie bauen.

Wer 90 Jahre später auf der Ostbühlstrasse über den Hügelzug schlendert, den mag das Strukturierte zunächst befremden. Weisser Riegel an weissem Riegel quer zum Hang, als wollten die Gefahren von aussen abgewehrt werden. Mittendrin fühlt man sich hingegen geborgen. Mit Kindern, die auf der Strasse spielen, Nachbarn, die über den Zaun plaudern, bekommt die gemeinnützige Werkbundsiedlung mit 221 Einheiten dörflichen Charakter. Heute gilt sie als Ikone des Neuen Bauens. Doch der Weg bis zum Baubeginn war steinig.

Mieten für die Mittelklasse

Rudolf Steiger begeisterte Max Haefeli und Werner Moser für seine Idee. Inspiriert von der Weissenhofsiedlung in Stuttgart, entwarfen sie Zeilenbauten aus schnörkellosen Kuben statt Blockrandbebauungen. Sie sollten weniger abweisend sein und die Bewohner vor dem Verkehrslärm schützen. Gleichzeitig verbesserten die grossen Fenster und flachen Dächer den Lichteinfall. Doch lange war unklar, ob das konservative Zürich die provokative Idee finanziell unterstützen würde. Das Flachdach verstanden die Behörden als Bruch mit der traditionellen Lebens- und Denkweise.

Dörflicher Charakter: Zwischen den Häusern der gemeinnützigen Siedlung dominiert das Grün. Bild: Andrea Zahler

Die Stadtoberen zweifelten auch an der Vermietbarkeit der Wohnungen – Genossenschaftswohnungen waren bewusst nicht auf die Arbeiterklasse, sondern auf den höheren Mittelstand ausgerichtet. Die Bedenken sind beim damaligen Mietpreis von rund 2400 Franken für 6 Zimmer auf 110 Quadratmetern jedoch nachvollziehbar.

Picasso fährt vor

In die ersten Wohnungen zogen Grafiker, Schauspieler, Künstler und Architekten ein, einige mieteten auch ein Atelier, gemeinsam turnten sie im Gemeinschaftsraum. Erotische Verwicklungen waren gang und gäbe, Frauen trugen Kurzhaarfrisuren, Hosen und Badehosen, die viel Haut zeigten. Die zweite Etappe war dann tatsächlich schwieriger zu vermieten; heute stehen die Leute Schlange, um im einst revolutionären Bau zu wohnen.

Die Architektur jedenfalls überzeugte. Selbst Picasso fand den Weg ins Neubühl; auf dem Weg von seiner Ausstellung im Kunsthaus Zürich nach Einsiedeln machte er im Neubühl Halt und rühmte die Siedlung. Sie schien ihm «beweglich, nicht für die Ewigkeit fixiert», wie es Emanuel La Roche in seinem eben erschienenen Buch «Im Dorf vor der Stadt» zusammenfasst.

Wie überzeugend die Architektur ist, zeigt, dass einige Wohnungen originalgetreu renoviert wurden und diese auch besichtigt werden können. In einer Einzimmer-Gästewohnung kann sich einmieten, wer das Wohngefühl der kecken Pioniere erleben will. Wenn das keine Inspirationsquelle gegen «Verhüslung» ist.


Die neue Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 05.12.2019, 08:31 Uhr

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