Sie haben genug geschwiegen

Diese vier Frauen werden am Freitag in den Streik treten. Was treibt sie auf die Strasse?

Sie streiken am Freitag: Lorena Campagnoli, Annabelle Meyer, Nathalie Sassine und Gianna Ferrari (von oben links, im Uhrzeigersinn). Fotos: Andrea Zahler und Thomas Egli

Sie streiken am Freitag: Lorena Campagnoli, Annabelle Meyer, Nathalie Sassine und Gianna Ferrari (von oben links, im Uhrzeigersinn). Fotos: Andrea Zahler und Thomas Egli

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Annabelle Meyer* (52), Produktionsmitarbeiterin

«Bevor ich vor 15 Jahren in die Schweiz gezogen bin, hatte ich nie vom Frauenstreik gehört. An einem Abend sah ich eine Dokumentation, in der es um Frauenrechte ging. Ich war schockiert und musste die Schweizer Kolleginnen danach ausfragen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so etwas in einem reichen Land wie diesem gibt.

«Es ist schwierig, weitere Frauen zum Mitmachen zu motivieren», sagt Anabelle Meyer. Foto: Andrea Zahler

Meinen Job mache ich gern – die Arbeit war nicht das Hauptproblem. Und doch beobachtete ich an meinem Arbeitsplatz vermehrt Probleme, die besonders für uns Frauen entstehen und mit denen wir zu kämpfen haben. Wir schauen den Tag hindurch nach unseren Kindern oder Eltern und arbeiten in der Nacht. Bei mir ist es die Enkelin, die zu mir kommt, damit meine Tochter ebenfalls arbeiten kann. Klar habe ich extrem wenig Schlaf, dafür geht es meiner Seele gut, da ich weiss, dass die Kleine versorgt ist.

Die Männer, die ab und zu in der Nachtschicht auftauchen, gehen kurz darauf wieder, da sie nicht zu diesem Lohn arbeiten wollen. So müssen wir nächtelang Männerarbeit machen wie dicken Karton zusammenfalten. Leider bin ich davon krank geworden.

Ich bin seit Jahren Mitglied bei der Unia, die mich auf den Frauenstreik hingewiesen hat. In der Fabrik gibt es wenige, die sich zusammengeschlossen haben und gemeinsam Forderungen aufgesetzt haben. Ich wünsche mir insbesondere mehr Wertschätzung, Anerkennung und Respekt im Betrieb.

Ich wünsche mir mehr Wertschätzung, Anerkennung und Respekt im Betrieb. Annabelle Meyer

Es ist schwierig, weitere Frauen zum Mitmachen zu motivieren. Viele haben Angst und fragen, ob es dies wert sei, für ein paar Stunden Streik den Job zu verlieren. Auch ich trete hier anonym auf, da ich sonst die Kündigung fürchten müsste. Doch bin ich motiviert, etwas zu verändern. Sogar mein Mann hat sich vom Frauenstreik anstecken lassen. Er bringt mir die Zeitung, wenn da etwas zum Thema steht.

Für den 14.6. erhoffe ich mir, dass unsere Chefs unsere Vorschläge anhören, denn wir möchten das Gespräch suchen und nicht nur negativ über die Arbeit sprechen. Zudem glaube ich, dass dieser Tag uns Frauen in der Firma Mut machen wird, um weiterhin für unsere Anliegen einzustehen.»

*Name geändert

Gianna Ferrari (24), Masterstudentin in Umwelt- und Naturwissenschaften

«Einst war ich überzeugt, dass es Feminismus nicht mehr braucht. Meine Eltern gaben mir mit, dass mein Leben keine Einschränkungen kennen muss. Gegen Ende der Kanti realisierte ich aber, dass es solche für uns Frauen doch gibt. Diese Erkenntnis fühlte sich an wie Verrat. Ich stehe beispielsweise gerne für die eigene Meinung ein. Während die Jungs für diese Eigenschaft gelobt werden, stempelt man mich als besserwisserisch ab. Am meisten aber prägte mich ein Gefühl von ständiger Unsicherheit im öffentlichen Raum.

Gianna Ferrari hat das Frauenstreik-Komitee Aargau mitgegründet. Foto: Andrea Zahler

Meine Kolleginnen und ich waren noch nicht volljährig, und doch hatte eine jede von uns bereits Grenzüberschreitungen oder sexuelle Übergriffe erlebt. – sei es, weil wir im Zug belästigt wurden, weil uns Männer im Club begrapschten oder weil diese ein Nein nicht als solches akzeptieren wollten. Wenn wir als Freundinnen zusammensassen ging es oft darum, Sicherheitsstrategien auszutauschen. Sätze wie, ‹lass deinen Drink nie alleine› oder ‹gehe immer einen anderen Weg nach Hause› waren gängige Ratschläge.

Nachdem ich einen inneren Wandel zur Feministin durchlebt hatte, wollte ich mich auch öffentlich aktiv beteiligen. So habe ich das Frauenstreik-Komitee Aargau mitgegründet. Ich lebe und studiere zwar in Zürich, aber ich glaube, dass da mein Engagement am meisten nützt. Meine wichtigste Forderung ist diese nach der Ehe für alle. Dies betrifft mich auch persönlich, da ich bisexuell bin. Ich fordere, dass damit auch für alle der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin geschaffen wird und für alle Paare die gleichen Adoptionsgesetze gelten.

Wenn wir künftig Ungerechtigkeit sehen, sind wir schnell wieder formiert.Gianna Ferrari

Am Freitag werde ich mit meiner Nonna über Mittag nach Baden zum Streikmittagessen gehen. Es ist so schön zu sehen, wie sie sich ebenfalls auf den Weg gemacht hat. Obwohl sie fast ihr ganzes Leben im Patriarchat verbracht hat, las sie letztens ein feministisches Buch, das ich ihr gegeben habe. Da sagte sie plötzlich: ‹Ich finde gleiche Arbeit, gleicher Lohn auch super.› Zu sehen, dass sie nun einen Streikpin trägt und mit meiner Mama und mir mitkämpft, ist so schön. Ein Transparent werden wir natürlich auch mittragen – ‹Lieber gleich berechtigt, als später›, könnte darauf stehen.

Ich glaube, der Streik bewegt über den Tag hinaus. Ich konnte mich mit vielen tollen Frauen vernetzen und habe gesehen, dass ich nicht alleine bin. Wenn wir künftig Ungerechtigkeit sehen, sind wir schnell wieder formiert.»

Nathalie Sassine (46), Unternehmerin

«Es ist ziemlich genau 28 Jahre her, dass ich das erste Mal über Feminismus nachgedacht habe. Als damals der Frauenstreik über die Bühne ging, haben Frauen an meiner Kanti Reden gehalten. Ich erinnere mich, wie eine erzählte, dass in unseren Mathebüchern viel mehr Fritzlis als Susis vorkämen. Seit da achte ich auf stereotypische Rollenverteilung. Zuvor hat mich dies kaum beschäftigt, da ich selbst in einem fortschrittlichen Zuhause aufgewachsen bin.

Nathalie Sassine möchte besonders für die Elternzeit eintreten. Foto: Andrea Zahler

Als berufstätige Mutter wurde ich noch öfter mit dem Thema Feminismus konfrontiert. Wenn du in einem Dorf wie dem unsrigen keine klassische Rollenverteilung lebst, erntest du ab und an hochgezogene Augenbrauen. Meine beiden Teenager sind derzeit in einem Alter, in dem sie viele Fragen stellen. Da diskutiere ich schon mal mit meiner Tochter über den Film «Die göttliche Ordnung», oder mein Sohn fragt mich, ob eine Aussage sexistisch sei.

Vor fünf Jahren habe ich mein eigenes Reisebüro webook.ch eröffnet, in dem ich fast ausschliesslich Mütter beschäftige. Seither sehe ich die Unternehmenswelt aus einer anderen Perspektive und merke, dass Forderungen, wie der Vaterschaftsurlaub, zu finanziellen Überlegungen führen. Meinen Mitarbeiterinnen habe ich für den Freitag nicht freigegeben, denn es soll ein echter Streik sein. Doch sie wissen, dass ich dann nicht da sein werde und es ihnen somit freisteht, selbst teilzunehmen.

Meinen Mitarbeiterinnen habe ich für den Freitag nicht freigegeben, denn es soll ein echter Streik sein.Nathalie Sassine

Im Mai gründete ich zusammen mit Kolleginnen die Facebook-Gruppe «Komplizierte Frauen» – eine Anspielung auf ein Vorurteil, das gegen unser Geschlecht gerne gehegt wird. Die Gruppe zählt inzwischen fast 500 Mitglieder und ist ein Ort, wo wir uns über Verschiedenstes austauschen – von der Tampon-Taxe bis hin zu Forderungen der Geschlechter-Gleichstellung. Es ist interessant, über meine Bubble hinaus Meinungen zu lesen.

Meine Tochter möchte ebenfalls am Streiktag dabei sein und überlegt derzeit, was sie auf ihr Plakat schreiben wird. Ich möchte besonders für die Elternzeit eintreten, denn der Frauenstreik sollte für die Rechte sowohl von Frauen als auch von Männern stehen. Ich wünsche mir, dass die Euphorie nach dem Streik nicht abflaut, damit wir diese für konkrete Projekte nutzen können.»

Lorena Campagnoli (28), Fachfrau Betreuung Kinder

«Ich wollte schon immer mit Kindern arbeiten. Nach zwei Praktika hatte ich das Glück, eine Lehrstelle in einer Kita zu finden, und arbeite seither im Beruf – so auch viele meiner Freundinnen. Uns ist aufgefallen, dass wir uns in der Freizeit oft stundenlang über die schlechten Berufsbedingungen ausgetauscht haben. Wir erzählten uns beispielsweise, wie wir manchmal krank arbeiten gehen, damit nicht eine Praktikantin mit zwölf Kindern allein ist, oder wie wir auf einen Konflikt nicht angemessen eingehen konnten, da wir uns nicht genügend Zeit für die Kleinen nehmen konnten.

Lorena Campagnoli hofft, dass die Care-Arbeit durch den Streik wieder mehr Anerkennung bekommt. Foto: Thomas Egli

Dabei sehen wir unseren Beruf als Berufung und wollen das Beste für die Kinder. Doch die Arbeitsbedingungen sind so prekär, dass Herzblut allein nicht mehr genügt. Um dies zu ändern, haben wir uns zu der Gruppe "trotzphase" zusammengeschlossen und werden vom VPOD unterstützt.

Da wir einen sehr feminisierten Beruf ausüben, haben wir uns zusätzlich dem Frauenstreik angeschlossen. Denn wir kämpfen auch gegen das Rollenstereotyp, dass eine Frau von Natur aus mütterlich und fürsorglich sein soll. Wir denken, dass deshalb unsere Ausbildung in der Gesellschaft nicht wahrgenommen und unterirdisch tief bezahlt wird. Ich hoffe, dass die Care-Arbeit durch den Streik wieder mehr Anerkennung bekommt.

Der Name "trotzphase" symbolisiert, dass auch wir unserer Ist-Situation trotzen wollen. Und im Trotzen sind uns ja die Kleinsten die grössten Vorbilder. Wir haben in den letzten Monaten Kitas angeschrieben und telefonisch nachgehakt, ob sie unsere Forderungen unterstützen. Auch mit den Eltern haben wir das Gespräch gesucht, denn wir hoffen, dass sie mit ihren Kindern ebenfalls am Streik teilnehmen. Im Arbeitsalltag werden ebenfalls typische Rollenbilder thematisiert, so dass es als ganz normal betrachtet wird wenn ein Mädchen Fussball spielt oder ein Junge sich mit den Puppen beschäftigt.

Der Streik ist für uns kein Abschluss, sondern ein Auftakt für weitere Aktionen.Lorena Campagnoli

Wir als "trotzphase" werden uns bereits am Donnerstagabend versammeln und uns gemeinsam eine Fernsehdokumentation anschauen, in der wir erstmals vertreten sind. Dann klingeln wir um Mitternacht mit der ganzen Schweiz den Frauenstreiktag ein.

Der Streik ist für uns kein Abschluss, sondern ein Auftakt für weitere Aktionen. So sammeln wir derzeit Unterschriften für eine Petition, die einen besseren Betreuungsschlüssel und einen Gesamtarbeitsvertrag fordert. Die wollen wir möglichst bald bei der Staatskanzlei des Kantons Zürich einreichen. »

Erstellt: 11.06.2019, 06:11 Uhr

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