Sie hängt die Stadt an die Wand

Die Künstlerin Maria Pomiansky widmet Zürich-West ein Buch. Fasziniert vom ehemaligen Industriegebiet, hat sie dessen Wandel auf Ölbildern eingefangen.

Die Stadt auf Leinwand gebannt: Maria Pomiansky in ihrem Atelier in Zürich. Foto: Doris Fanconi

Die Stadt auf Leinwand gebannt: Maria Pomiansky in ihrem Atelier in Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Der Lärm der Stadt dringt in Maria Pomianskys Atelier. Die Fenster sind geöffnet, das Licht flutet den Raum in Altstetten. Draussen sind Spaziergängerinnen unterwegs, lachen, reden. Baulärm schallt von der Grossbaustelle herüber. Dazwischen hört man Vögel zwitschern.

Die Stadt hängt auch im Atelier der Künstlerin. Pomiansky hat Baustellen gemalt, die von Autos überflutete Hardbrücke, das Viadukt, über das ein Zug donnert, und im Hintergrund raucht der Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage. Pomiansky hat die Stimmung Zürichs auf Öl- und Acrylbildern eingefangen. Sie sind farbiger und ästhetischer, als man die Stadt wahrnimmt, wenn man in ihren Strassen unterwegs ist.

Die Künstlerin hat einen wachen Blick, melancholische Augen und ein feines Lächeln. Sie nimmt ein Bild von einem Gestell, in dem Dutzende andere stehen. Das Gemälde ist so gross wie sie selbst. Es zeigt die Betonrampe beim Toni-Areal, der heutigen Hochschule der Künste. Die meisten Bilder der Stadt sind Szenen aus Zürich-West. Pomiansky hat das alte Industriegebiet gemalt. Erst waren die Sujets eine Übung während ihrer Masterausbildung in bildender Kunst an der Hochschule der Künste. Je mehr sie übte, durch Zürich-West spazierte und den Stadtteil beobachtete, desto mehr faszinierte sie dessen Wandel. Ihr gefiel die Leere zwischen den Häusern, dass im Wochentakt ein Gebäude verschwand oder ein Platz entstand. In ihr wuchs der Wunsch, das Quartier als Malerin zu dokumentieren.

Gejobbt in der Dachkantine

Der enorme Wandel des Ortes habe sie nie beängstigt, sagt Pomiansky. Sie fühlte sich als «Teil dieser Veränderung», weil sie in Zürich-West studierte und arbeitete. Kurzzeitig jobbte sie beispielsweise im Nachtclub Dachkantine, der längst verschwunden ist. Sie erzählt ruhig, ist zurückhaltend. Bevor sie eine Frage beantwortet, vergeht etwas Zeit.

Zürich habe sie von Anfang an gemocht, sagt sie. Zum ersten Mal verbrachte sie vor 15 Jahren Zeit in der Stadt als Artist-in-Residence in der Binz. Die distanzierten Menschen entsprachen ihr. Sie fühlt sich wohl, wenn sie nicht dauernd überschwänglich begrüsst wird und es länger braucht, bevor man die Leute kennt, sie dafür gut kennen lernt. Die kühle Zürcher Art war für sie ein Kontrast zu Tel Aviv, wo sie als 19-Jährige mit ihren Eltern hingezogen war. Heute ist sie 46. Aufgewachsen war sie im kommunistischen Moskau.

Nach dem Fall der Sowjetunion fühlten sich ihre Eltern dort nicht mehr wohl und zogen nach Israel. Sie sind jüdisch, aber nicht gläubig. Tel Aviv schien vielen Künstlerinnen und Künstlern damals wie eine Traumstadt, die vor lauter Kultur zu pulsieren schien. So beschreibt es Pomiansky. Ihre Eltern sind auch Künstler und leben heute noch dort, weshalb sie häufig in Israel ist. Pomiansky hat auch Tel Aviv gezeichnet. Sie blättert in ihrem schwarzen Skizzenbuch und öffnet es bei einem Filzstiftbild der Stadt, das Strassenschluchten zwischen grünblauen Glashochhäusern zeigt.

Nach ihrem Masterabschluss vor drei Jahren teilte Pomiansky in Zürich-West mit der Zürcher Grafikerin Sonja Zagermann ein Atelier. Aus der Zweckgemeinschaft entstand eine Freundschaft und schliesslich das Buch «100% Renaissance» mit Pomianskys Bildern von Zürich-West. Erschienen ist es diesen Sommer, die ersten 20 Exemplare waren sogleich verkauft. Ab Mitte August gibt es Nachschub.

Malend visualisieren

Zurzeit verdient sie ihr Geld hauptsächlich mit Kunst, was nicht immer so war. Die letzten Jahre habe sie stets «an den unterschiedlichsten Orten gejobbt», sagt Pomiansky. Doch inzwischen hat sie auch einträgliche Aufträge – zum Beispiel vom Architekturmagazin «werk, bauen + wohnen» des Bundes der Schweizer Architekten. Sie kann ein Jahr lang dessen Titelseite gestalten, reist dafür von Basel über Winterthur bis nach Österreich. Architekten sind fasziniert davon, wie sie die Stimmung in Häusern auf Bilder bannt. Es ist eine Art Gegenpol zu den heute verbreiteten Visualisierungen. Diese stellen stets eine etwas steife Zukunft dar, weil sie mit Computern gezeichnet werden. Sie sei deshalb im Gespräch, auch Visualisierungen zu malen, sagt Pomiansky. Architekten fänden häufig, auf ihren Bildern sähen auch die neusten Häuser aus, als wären sie belebt und gehörten längst zur Umgebung.

Ihr Skizzenbuch hat Maria Pomiansky immer dabei, wenn sie ihr Atelier verlässt und sich aufmacht durch die Stadt. Ihr jüngstes Vorhaben führt sie in die Freibäder. Sie beteiligt sich am «Plein­air im Bad», einem Kunstprojekt des Kulturvereins Kult. Verschiedene Künstlerinnen und Künstler nehmen daran teil wie der Gerichtszeichner Robert Honegger. Sie halten fest, was man nicht mit dem Handy fotografieren darf: das sommerliche Leben in den Bädern.

Maria Pomiansky: 100% Renaissance, Tria-Verlag, Zürich, 58 Fr. Lieferbar ab Mitte August, www.tria.ch oder maria.pam@gmail.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2018, 21:17 Uhr

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