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Sie konnten nur verlieren

Die ETH hätte die Chance gehabt, ein positives Zeichen an ihre Mitarbeiterinnen und Studenten zu senden. Sie hat sie nicht genutzt.

Die ETH windet sich in der Aufar­beitung von Vorwürfen sexueller Beläs­tigung und Mobbing im Falle eines Architekturprofessors. Schwierig wäre es nicht gewesen: Die Organisation Time’s Up, welche prominente Amerikanerinnen nach den Vorwürfen an Harvey Weinstein gründeten, hat den idealen Leitfaden zum Umgang mit solchen Fällen bereits publiziert: Transparent sollten die Arbeitgeber in den Verfahren sein, an Fakten interessiert. Sie sollten keine Geheimhaltungsklauseln anwenden, die Arbeitnehmerinnen schützen und psychologisch und finanziell unterstützen.

Ganz so, als hätte es #MeToo nie gegeben, bricht die international renommierteste Hochschule des Landes mit sämtlichen dieser Regeln. Das Verfahren gegen einen angesehenen Architekturprofessor legte sie dergestalt an, dass die betroffenen ETH-Mitarbeitenden nur verlieren konnten. Sie erhielten keine Parteistellung mit entsprechenden Rechten im Disziplinarverfahren, wurden zunächst weder rechtlich noch psychologisch beraten und erhielten erst nach langem Kampf einen Teil der Anwaltskosten zugesprochen. Inzwischen sammeln sie auf einer Crowdfunding-Plattform den Rest.

Die ETH versucht, ihre Reputation zu schützen

So tief die Betroffenen rechtlich gestellt waren, so hoch legte die ETH die Hürde bezüglich sexueller Beläs­tigung. Diese hätte «im strafrecht­lichen Sinn rechtsgenügend nach­gewiesen» werden müssen, um zu gelten. Ein «Hey Schätzchen» vom Chef und auch gröbere Anmachen fallen oft nicht unter das Strafrecht. Der ETH hätte ein lebensnaherer Ansatz angestanden. Doch sie besitzt noch nicht mal einen detaillierten Leitfaden für ein solches Verfahren.

Genauso wichtig, wie ihr die Namen renommierter Professoren sind, sollte der ETH der Schutz der Mitarbeitenden sein. Stattdessen riskiert sie mit einem Verfahren, das in puncto Machtverhältnisse schiefer nicht angelegt sein könnte, ihre Unterge­benen erneut zum Opfer zu machen. Der betroffene Professor befindet sich dagegen im Sabbatical. Statt aufzuräumen, versucht die ETH, ihre Reputation zu schützen. Sie muss einsehen: Für ein solches Vorgehen sind die Zeiten jetzt vorbei.

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