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«Sie lügt, wie es ihr gerade passt, aber ich liebe sie»

Eine seltsame Geschichte vor dem Zürcher Bezirksgericht: Am Morgen ging es um 75 Monate Gefängnis. Am Abend war die Entlassung aus der Sicherheitshaft Tatsache.

Ein Paar streitet sich vor dem Bezriksgericht Zürich: Aber die beiden stecken mitten in ihren Hochzeitsvorbereitungen.
Ein Paar streitet sich vor dem Bezriksgericht Zürich: Aber die beiden stecken mitten in ihren Hochzeitsvorbereitungen.
Urs Jaudas

Was ist das für ein Paar, das da vor Gericht steht, sie als Opfer, er als Beschuldigter? Er soll sie mehr oder weniger mit allem traktiert haben, was man sich unter dem Begriff häusliche Gewalt vorstellen kann. Sie möchte dafür eine Genugtuung von 10'000 Franken. Er regt sich auf, weil er wegen «Bagatellen» seit 14 Monaten in Untersuchungs- und Sicherheitshaft sitzt. Zu dem, was in der Anklage steht, sagt er: «Sie lügt, wie es gerade passt und zu ihrem Vorteil ist.» Und als genügte das nicht, wird auch noch bekannt: Die beiden wollen heiraten, sie stecken mitten in ihren Hochzeitsvorbereitungen. Die Zivilstandsbeamtin hat ihn deswegen vor kurzem im Gefängnis besucht.

Zur Sache: Der Blick in die Anklageschrift lässt nur einen Schluss zu: Da ist ein 49-jähriger Schweizer unterwegs, dem es Freude zu bereiten scheint, seine Partnerin, eine gleichaltrige Schweizerin, zu demütigen, zu quälen, zur Schnecke zu machen. Er soll ihr in einer Bar im Streit ein Trinkglas an den Kopf geworfen haben, was ein paar Zentimeter neben dem Auge zu einer Rissquetschwunde führte und ein leichtes Schädelhirntrauma verursachte.

Schläge aus reiner Verzweiflung

In der gemeinsamen Wohnung in der Stadt Zürich soll er Geldscheine angezündet und dann die Frau aufgefordert haben, die Scheine innert zwanzig Minuten zu ersetzen, sonst steche er sie ab. Er habe sie mehrfach geohrfeigt, ihr Fusstritte verpasst, Vasen, Blumentöpfe, Aschenbecher nachgeworfen.

Der schwerwiegendste Vorwurf: Im Februar letzten Jahres habe er versucht, sie zu vergewaltigen, habe sie ihrer Freiheit beraubt und durch Würgen ihr Leben gefährdet. Die Qualen, die er ihr zufügen werde, werde sie nie vergessen, möglicherweise auch gar nicht überleben, soll er dabei gesagt haben.

An der Verhandlung, an der die Öffentlichkeit ausgeschlossen worden war, wollte die Frau zur Sache nichts mehr sagen. Der Beschuldigte hatte umso mehr mitzuteilen. Das mit dem Glas sei ein Unfall gewesen. Er habe seiner Partnerin auch mehrfach Ohrfeigen gegeben – aber nicht aus Bosheit, sondern aus «reiner Verzweiflung». Er habe sich in Situationen, in denen die Frau zur Realitätsverweigerung neigte, nicht anders zu helfen gewusst. Der ganze Rest der Vorwürfe sei «erstunken und erlogen», sei «an den Haaren herbeigezogen», sei «absurd», sei «frei erfunden».

Warum er denn eine Frau heiraten wolle, die ihn so lange ins Gefängnis gebracht habe, wurde er gefragt. Sie habe zwar gelogen, aber «ich liebe sie. Sie hat durchaus ihre Qualitäten und ist eine intelligente Frau, mit der man gute Gespräche führen kann», antwortete er.

Ausser den Ohrfeigen und dem Glaswurf sah das Bezirksgericht nichts als bewiesen an. Die Frau hatte nicht nur widersprüchlich ausgesagt, sondern fast alles wieder zurückgenommen. Die Staatsanwaltschaft erhob trotzdem Anklage. Der Rückzieher sei nicht erfolgt, weil die Delikte nicht geschehen seien, sondern weil sie den Mann zurückhaben wolle.

Fast vollständiger Freispruch

Das Bezirksgericht widerrief eine frühere, bedingte Strafe von 24 Monaten, packte weitere 6 Monate für die einfache Körperverletzung und 700 Franken Busse für die Tätlichkeiten obendrauf und schob die insgesamt 30 Monate zugunsten einer ambulanten Suchtbehandlung auf. Das Gericht entliess ihn aus der Sicherheitshaft.

«Kommst du mich im Gefängnis abholen», rief der Mann zum Schluss der Verhandlung der Frau zu. «Ja», antwortete sie nach einer dreisekündigen Pause.

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