Das rührende Liebespaar von der Calypso

Die älteste Bahn an Zürichs grösster Chilbi hat schon viel erlebt. Besonders ergreifend: Die Geschichte von Germaine und Wendolin.

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Darf ich vorstellen: Calypso. 55 Jahre alt und die älteste Bahn am Knabenschiessen. Nicht mehr gerade en vogue, wie man sagt. Aber recht zufrieden. Und erfahren, wenn man von zehn bis zwölf Chilbis pro Jahr ausgeht, die ich in meinem Leben mitmachte. 600 Einsätze, da kriegt man einiges mit. 

Zu Beginn war ich noch eine Sensation. Auf meiner ersten Fahrt auf der alten Münchner Wiesn. Da standen die Leute Schlange. Doppelrotation mit zügiger Geschwindigkeit. Zwei in unterschiedliche Richtungen drehende Elemente, total irre! Zentrifugalkräfte und so. Natürlich gibt es heute Burner, Maximum oder Chaos-Pendel, die hoch in die Lüfte schiessen und sich um alle möglichen Achsen drehen. Aber ob es sie auch in 50 Jahren noch gibt? Ich bin solide gebaut, da kann man nichts sagen, altes Handwerk, das sagen sogar die Prüfer von der TÜV. Man unterstellt mir bisweilen gerne etwas Zauberhaftes, ja Hypnotisierendes. «Das tanzende Karussell», sagt mein Chef, Peter Läuppi, jeweils übers Mikrofon vor dem Start. Das passt für mich. 

Der grösste Fan

Dank Peter Läuppi gibt es mich überhaupt noch. Er ist seit mehr als 40 Jahren einer meiner grössten Fans. Er kam früher so oft, dass die alten Betreiber, das Ehepaar Müller, ihn irgendwann anstellten. Als sie in Pension gingen, übernahmen zwei Geschäftsleute mich. Im Kaufvertrag stand damals, wer Calypso kauft, müsse auch den treuen Mitarbeiter Läuppi übernehmen. Als Läuppi bemerkte, dass die Geschäftsleute keinen Plan hatten, wie sie mit mir umgehen sollten, und ich irgendwann in einer Lagerhalle landete, begann er zu sparen. Er kaufte und restaurierte mich und tingelte bald mit mir durchs Land. Das war 1990. 

Dass ich damals schon nicht mehr ganz so modisch war, schlug sich auf die Einnahmen nieder. Aber Schausteller beschweren sich nicht. Nie. Schausteller sind stolze Leute. Wie Bauern, nur, dass sie keine Subventionen kriegen. So sagt man das auf den Chilbis. Es ist immer härter geworden in den letzten Jahren. Weil die Jungen ihr Geld lieber fürs Nachtleben oder Handys ausgeben als für die Chilbi. Weil der Nachwuchs nicht bereit ist, das entbehrungsreiche Leben der Schausteller zu leben. 15-Stunden-Tage und so. Und weil die Auflagen in den letzten Jahren immer mehr gestiegen sind. TÜV, Strassenverkehrsamt, Platzmiete und so weiter. Um ganze 20 Prozent sind die Einnahmen in den letzten zehn Jahren gesunken. Dies sagt der Präsident des Schaustellerverbandes, Peter Howald, der hier unten gleich fünf Stände betreibt. Das alles führte schliesslich zu mehr Konkurrenzkampf unter den Schaustellern. Und dazu, dass sie nicht mehr in neue Bahnen investieren, sondern sich an ihre alten klammern. Mir solls recht sein.

Man gab sich aufs Maul

Früher gings zwar rauer zu und her auf den Chilbis, man gab sich bei Streit noch aufs Maul. Aber auch die Solidarität war grösser. Man bekommt mit den Jahren ja so einiges mit. Heute ist vieles zivilisierter und professioneller, dafür schaut jeder für sich. Immerhin gibts auf dem Albisgüetli nun einen neuen Platzwart. Er wollte mich unbedingt mit dabeihaben, deshalb bin ich nach neun Jahren Pause seit letztem Jahr wieder vor Ort. Wenn auch nicht am allerbesten Platz. Das kommt ja immer draufan. Aber immerhin.

Auch meine beiden Betreiber beklagen sich nicht. Auch wenn sie schon lange kein Geld mehr verdienen mit mir. Machen sie als Hobby, am Schluss sei ich selbsttragend, sagen sie. Steiner arbeitet eigentlich als Pöstler, Läuppi ist Primarlehrer. Dass ich ihr Hobby bin, spricht für mich, oder? Es geht um das Erlebnis. Wenn die Musik wummert und die Chefs ins Mikrofon sagen: «Es geht los, die einzigartige Calypso!» Oder: «Hallihallo Chnaabeschüüsse, sind debii, stiged ii!» Wenn sie die Knöpfe drücken und Stück für Stück beschleunigen. Und wenn zu Beginn Luis, der die Jetons einsammelt, noch eine Weile auf der Drehscheibe mitsurft. Das ist cool. 

Erst wenn sie selber wieder Kinder haben, fahren sie erneut mit. Das ist der ewige Kreislauf der Chilbi.

Auch der Moment beim Aussteigen, wenn die Scheibe nur noch langsam dreht und die Fahrgäste leicht schwindelig drüberwandeln. Immer noch gleich wie vor 50 Jahren. Wenn ihr Haar zerzaust ist vom Fahrtwind und ihre Augen tränen. Es sind vor allem die Kinder mit ihren Eltern, die mich mögen. Irgendwann sind dieselben Kinder junge Erwachsene, und bei denen bin ich nicht beliebt. Die wollen mehr Action. Erst wenn sie selber wieder Kinder haben, fahren sie erneut mit. Das ist der ewige Kreislauf der Chilbi.

Diese Geschichte glaubt mir niemand. Es ist die Geschichte von Germaine und Wendolin, einem Paar aus Basel, das sich während einer Herbstmesse in einer meiner Gondeln kennen lernte. Ob er oder sie zuerst drinsass, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls kam es so, dass sie sich verliebten. Germaine und Wendolin sind von diesem Moment an jedes Jahr gekommen. 200 Franken haben sie jeweils ausgegeben. Irgendwann war Germaine krank. So hat das der Chef erzählt. Als sie starb, ist Wendolin mit einer Tasche unter dem Arm angekommen, darin Germaines Asche. Wendolin ist an dem Tag in jeder der 16 Gondeln einmal gefahren, die Tasche lag dabei auf dem Nebensitz. Manchmal ist das Leben ein Disneyfilm, kitschig, aber wahr. Und ich habe immer schon die passende Kulisse dafür abgegeben. 

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 23:05 Uhr

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