Sie überrascht mit Geschichten des unbekannten Zürichs

Die junge Zürcherin Robin Bretscher wagt den Versuch: Lokalgeschichte, knackig erzählt und als Podcast aufbereitet. Funktioniert das?

«Ich staune gerade sehr viel»: Geschichtsvermittlerin Robin Bretscher. Fotos: Andrea Zahler

«Ich staune gerade sehr viel»: Geschichtsvermittlerin Robin Bretscher. Fotos: Andrea Zahler

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Emilie Kempin-Spyri sagt Ihnen ebenso wenig wie der Codex Manesse oder die Brüder David und Heinrich Werdmüller? Sie werden nicht die Einzigen sein. Genau das will Robin Bretscher ändern. Die 27-Jährige hat Anfang dieses Jahres den Podcast Turicana gestartet. In den jeweils 30-minütigen Folgen spricht sie über «Zürcher Geschichte und Geschichten von Zürcherinnen und Zürchern», wie sie im Intro selbst sagt. Und das sind bei Robin Bretscher eher die kleinen, intimen Geschichten und nicht unbedingt die von Züri-Übervater Alfred Escher.

Wie etwa jene von Emilie Kempin-Spyri, die Ende des 19. Jahrhunderts mit 33 Jahren (und drei Kindern) an der Universität Zürich als erste Frau überhaupt Rechtswissenschaften studierte, sich beim Bundesgericht beschwerte, weil sie als Juristin anders behandelt wurde als ihre männlichen Kollegen, im Ausland dann als erfolgreiche Anwältin arbeitete und schliesslich aber tragischerweise in einer psychiatrischen Anstalt starb. Oder die der einstigen Seidenmetropole Zürich. Oder die des Codex Manesse, jenes in Zürich verfassten Manuskripts aus dem Mittelalter, das bei Germanisten für glänzende Äuglein sorgt, in der breiten Bevölkerung aber eher unbekannt ist.

Typische Macher-Mentalität

Bretscher hat an der Universität Zürich Germanistik und Anglistik studiert, letzten Sommer hat sie ihren Master abgeschlossen. Sie wusste, dass sie danach weiter lernen und recherchieren wollte – «aber weniger akademisch, näher am Leben». Einige Monate zuvor entdeckte sie ihre Liebe für Podcasts – «weil es ein tolles Format ist, um Geschichten zu erzählen und Fakten auf unterhaltsame Art zu vermitteln». Und so beschloss sie kurzerhand, selbst einen zu starten. Doch mit welchem Thema? «Mir ist aufgefallen, dass ich mehr über die Geschichte meiner Ferienorte weiss als über Schweizer und Zürcher Geschichte – und meinen Freunden geht es genauso», erzählt Bretscher.

Sie sitzt auf einem grossen, dunklen Chesterfield-Sofa im Showroom von Alprausch, als sie über die Anfänge ihres Podcasts spricht. Das von den Schweizer Bergen inspirierte Lifestyle-Label haben ihre Eltern im Jahr 2000 gegründet, nachdem sie in den 80er-Jahren mit dem Snowboard- und Surfshop Beach Mountain eine ganze Bewegung ins Rollen gebracht haben. «Sie haben es einfach gemacht, obwohl sie beide zuvor nicht in der Textilbranche gearbeitet haben», sagt Bretscher. Genau diese Macher-Mentalität begleitet sie seit ihrer Kindheit.

«Das war schon ziemlich Bad Ass für eine englische Lady.»Robin Bretscher

Entsprechend hat Bretscher nach dem Prinzip «Learning by doing» ihren Podcast Turicana gestartet: Interviews geführt mit Experten, in Zürcher Brockenhäusern nach Geschichtsbüchern gesucht, Texte geschrieben und eingesprochen, geschnitten, veröffentlicht. «Es ist von der Tonqualität kein SRF-Niveau, aber es verhebet», sagt sie.

Während zwei Wochen liest sie sich in ein Thema ein, interviewt Experten und schreibt dann eine Woche am Text, bevor sie sich an die Produktion macht. Das alles macht Bretscher nicht Vollzeit, denn Turicana ist längst nicht das einzige Projekt der Zürcherin, die von sich selbst sagt, dass sie gern «Dinge auf die Beine stellt». Bretscher ist in einem 80-Prozent-Pensum bei einem neuen Weihnachtsmarkt für Verkauf, Marketing und Social Media verantwortlich. Daneben betreut sie die Social-Media-Kanäle des Familienunternehmens Alprausch und führt zusammen mit ihrer Mutter das Schmucklabel Madnomad.

In der Sprache der Millennials

Wer regelmässig Podcasts – dieses Audioformat, das auch in der Schweiz langsam an Popularität zulegt – hört, für den wird schnell klar, dass Turicana mehr als einfach «verhebet». Er ist sorgfältig produziert, die Interviews mit den Experten ordnet Bretscher ein, unterlegt sie mit Musik, lässt Freunde und Familie Quellentexte vorlesen. Dass Turicana nicht verstaubt oder langweilig rüberkommt, sondern unterhaltsam, ist Robin Bretschers subtilem Humor und ihrer Millennial-Sprache zu verdanken. Ein kleiner Seitenhieb gegen Zürichs Beziehung zu Geld in Latein («Pecunia non olet», Geld stinkt nicht) kann sich Bretscher ebenso wenig verkneifen wie einen Kommentar zu Winston Churchills Mutter, die ein Tattoo hatte: «Das war schon ziemlich Bad Ass für eine englische Lady.»

Damit zeigt Robin Bretscher, wie Geschichte auch sein kann; weder verstaubt noch politisiert. «Sobald man sich hierzulande zur Schweiz bekennt oder sich intensiver mit ihrer Geschichte befasst, wird man im rechten politischen Lager verortet. Kaum fallen die Wörter Schweizer Geschichte, folgt Wilhelm Tell und gleich danach SVP», sagt Bretscher.

«Um zu wissen, wer du bist und wohin du willst, musst du doch auch wissen, woher du kommst»: Die 27-jährige Robin Bretscher.

Man merkt rasch, dass sie die Politisierung von Schweizer Geschichte stört: «Anstatt einen Mythos zu zelebrieren, kann man doch auch fragen: Was ist eigentlich passiert damals?» Und damals, dass kann vor 30 oder vor 300 Jahren gewesen sein. Bretscher findet, dass Geschichte oft viel näher an unserem Leben ist, als wir denken: «Um zu wissen, wer du bist und wohin du willst, musst du doch auch wissen, woher du kommst.»

Sie selbst ist in Wollishofen aufgewachsen. Die Grosseltern führten lange Zeit ein Antiquitätengeschäft im Niederdorf. Durch ihre Eltern habe sie einiges über die Zürcher Achtzigerbewegung mitbekommen, sagt Bretscher. Aber: «Ich fühle mich nicht sehr verbunden mit der Stadt – und das ist irgendwie auch der Witz an der Sache», sagt sie nach kurzem Nachdenken. «Ich fühle mich verbunden mit der Geschichte meiner Familie, mit all dem hier», Bretscher zeigt auf die riesigen ausgestopften Tiere, die Kleiderstangen mit Pullovern und Shirts, die grosse Robotersammlung ihres Vaters, «aber mit der Stadt Zürich an sich...»

Als sie im Vorfeld des Gesprächs einen historischen Lieblingsort in der Stadt als Treffpunkt vorschlagen sollte, überlegte Bretscher lange – und schlägt schliesslich trotzdem den Alprausch-Showroom in einer ehemaligen Bettwarenfabrik in der Binz vor. «Klar habe ich Lieblingsorte in der Stadt, aber diese haben alle mit meiner Geschichte und nicht mit jener der Stadt zu tun.»

Dann überlegt Robin Bretscher nochmals und fügt hinzu: «Ich fühle mich schon als Zürcherin, aber eben auch als Weltenbürgerin. Ich habe auch eine grosse Liebe zur Stadt – nur fehlen mir manchmal die Anhaltspunkte, um mich wirklich darin verankert zu fühlen. Und da kommt eben Turicana ins Spiel: Ich bin mit dem Podcast sozusagen auf Entdeckungsreise in meiner eigenen Stadt. Und ich entdecke und staune gerade sehr viel», sagt Bretscher in breitem Züritüütsch.

Zu den Podcasts von Robin Bretscher geht es hier lang. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2019, 10:57 Uhr

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