Sie wollten das Rütli und bekamen Greta

Gleich zwei jugendliche Redner warnten an der offiziellen Bundesfeier in Zürich vor dem Klimawandel. Das war manchen im Publikum zu viel.

Da war die Welt noch in Ordnung: Das Publikum wartet vor der Nationalbank auf die Festredner. Bild: hub

Da war die Welt noch in Ordnung: Das Publikum wartet vor der Nationalbank auf die Festredner. Bild: hub

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Am Wetter kann es nicht liegen, es ist strahlend schön. Aber dieser Umzug wirkt, als wäre er falsch abgebogen und von der Route abgekommen. Fahnenschwinger, Trachtenfrauen, Trommler und Zünfter marschieren tapfer lächelnd durch eine fast menschenleere Bahnhofstrasse. Der Piccolospieler ist ein Pfeifer im Walde, und eine ältere Frau am Strassenrand bricht ihr einsames Klatschen erschrocken ab. Viel zu laut.

Eine Parade ohne Publikum – es ist der erste von zwei Momenten, in denen diese Stadtzürcher Bundesfeier, die eine der «grössten und schönsten» des Landes sein will, seltsam verunsichert wirkt. Der zweite folgt später in der Stadthausanlage am Bürkliplatz. Dort ist die Welt aber zunächst in Ordnung. Soldaten salutieren, Alphornbläser spielen, Jodler singen, ein Vertreter der Jugend rezitiert den Bundesbrief samt Aufforderung zur Todesstrafe, dann spielt die Stadtmusik den Swing des Affenkönigs Louie aus dem «Dschungelbuch».

«Jetzt reichts aber»

Etwa 3000 Zuschauer haben sich unter den Bäumen versammelt, die grosse Mehrheit im Pensionsalter. Der Nachwuchs ist dünn gesät – und hegt gerade Fluchtgedanken: Ein Knirps auf den Schultern seines Vaters hat die Salutschüsse zu Ehren der Stadt Zürich gerade noch über sich ergehen lassen. Aber als die Gewehre jetzt wieder geladen werden, um auch Kanton und Eidgenossenschaft donnernd zu grüssen, weint er: «Wott nüme ghöre, wott heigaa!»

Heimgehen will auch eine ältere Zuhörerin, als der ZKB-Stift Zeljko Planic eine Ansprache halten darf. «Jetzt reichts aber», schimpft sie, während ein ungehaltenes Raunen durchs Publikum geht. Denn Planic will vor der Klimakatastrophe warnen – genau wie schon seine jugendliche Vorrednerin, die Maturandin Luisa Blom. Diese redete der Festgemeinschaft ins Gewissen und empfahl, sich vegetarisch, regional und saisonal zu ernähren. Ein Frontalangriff auf Bratwurst und Cervelat.

Appell gegen das Verrosten

Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist sagt es als Hauptredner diplomatischer: «Schaut dort hin, wo es brennt, und redet miteinander.» Er bringt die Festgemeinschaft sogar zum Lachen, als er von der Zwingli-Statue erzählt, die sich gerade in Revision befindet. Die Lehre daraus: «Wenn du auf dem Sockel von Macht und Tradition hocken bleibst, dann verrostest du!» Also reisst sich die Willensnation am Riemen. Sie beweist zuerst den Willen, den Schweizerpsalm zu singen, auch wenn man nicht ganz textsicher ist. Und dann den Willen, diese Feier stimmig und gelungen zu finden. Schön wars. Wegen der Tradition natürlich, aber, momoll, auch von den Reden her. So etwas komme schon an.

Schade, hat das die jüngere Generation nicht gehört. Denn diese feiert zur gleichen Zeit im Kreis 4 das multikulturelle Äms-Fäscht, das sich als offizielle Gegenveranstaltung versteht. Aber auch dort sitzt man auf Festbänken, gibt es Wimpel und Würste, und es ist sogar das eine oder andere Schweizer Kreuz zu sehen. Von hier nach dort wären es nur fünf Tramstationen.

Erstellt: 02.08.2019, 10:07 Uhr

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