Sie wollten ihm noch Danke sagen

Auf dem Platzspitz, einst Zentrum der offenen Drogenszene, haben sich Randständige von Pfarrer Ernst Sieber verabschiedet. Einige lebten wohl nicht mehr, wäre er nicht gewesen.

Zweitausend Personen sind am Samstag auf dem Platzspitz zusammengekommen, um Pfarrer Sieber zu verabschieden.
Video: Webvideoteam/slm

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Der Schrecken ist auch an diesem freundlichen Samstagnachmittag da. Als Erzählung einer vergangenen Zeit und im Körper manch eines Anwesenden. Auf dem Platzspitz haben sich über tausend Menschen eingefunden, um sich von Pfarrer Ernst Sieber zu verabschieden. Viele Sympathisanten und Unterstützerinnen sind gekommen, zwei Tage nach der Abdankung im Grossmünster, aber auch Menschen, die obdachlos waren, Drogen nahmen, Alkohol tranken, es allein nicht mehr schafften. Die Pfarrer-Sieber-Stiftung, die das Fest im Park organisiert hat, spricht am Ende der Feier von rund zweitausend Gästen.

Ghost zeigt auf einen grossen Baum gleich nebenan. «Dort hängen so viele tote Seelen», sagt er, der sich so nennen will, weil er sich durch einen neuen Namen von seinem alten Leben befreien möchte. Ghost hat die Zeiten auf dem Platzspitz erlebt, die 80er- und 90er-Jahre, als der Park das Zentrum der offenen Drogenszene war und sich hier bis zu 3000 Personen pro Tag versammelten, um Drogen zu kaufen und zu konsumieren.

Und jetzt stehen an derselben Stelle die Festbänke, gibt es gratis Bratwurst und Brot, schunkeln ältere Frauen zu Musik von Toni Vescoli, der Sieber-Band und dem «Pfuusbus-Blues» von Etienne Conod, die alle auf dem Musikpavillon auftreten. Eine niederschwellige Feier zu Ehren von Pfarrer Sieber, mitten in Zürich. Die schwarzen Abfallsäcke, an den Holztischen befestigt, wehen wie Trauerbänder im Wind.

In der ersten Reihe, ganz nahe beim Geschehen des Pavillons, wo später auch Stadtpräsidentin Corine Mauch und Regierungsrätin Jacqueline Fehr eine Rede halten, sitzen viele, die heute in einer Einrichtung der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS) leben oder arbeiten. An diesem Nachmittag wollen sie mittendrin sein. «Ich habe Pfarrer Sieber leider nie persönlich kennen gelernt, aber er hat mein Leben gerettet», sagt eine Frau, die eben eine Widmung ins Trauerbuch geschrieben hat.

Ein Bett, eine Decke, eine Geste

Einmal habe er Pfarrer Sieber die Hand geschüttelt, erzählt ein anderer, der sich mit seinem Rollstuhl direkt vor der Bühne platziert hat. Pfarrer Sieber habe ihm damals ein Bett und eine Wolldecke angeboten. Unvergessen bleiben ihm die kleinen Gesten der Menschlichkeit. «Auf der Treppe dort habe ich früher gekifft und gefixt. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen.»

Nun sind die Menschen gekommen, um sich zu verabschieden. Aber vor allem, um kurz Danke zu sagen, im Stillen. Dafür, dass jemand da war, ihnen einen Platz gegeben hat. Pfarrer Sieber stützte, wer Hilfe brauchte, bot Alkoholkranken und Drogensüchtigen ein Dach über dem Kopf, holte die Leute vom Platzspitz und Letten. «Du bisch nöd ällei», wiederholt Christoph Zingg auf dem Pavillon Siebers oft gesprochenen Worte. Zingg ist Gesamtleiter der SWS und gemahnt an den Platzspitz, der «für viele unter uns die Hölle auf Erden» war.

Abschied im Grossmünster:

Quelle: SDA

«Für mich war es nicht die Hölle!», ruft eine Frau vom Nachbartisch dazwischen. Eine andere Besucherin am selben Tisch, die mit ihrem Mann, einem Althippie mit grauem Schwänzchen, die Rede verfolgen will, zischt, sie solle ruhig sein. Sekunden später nickt sie ihrem Mann zustimmend zu, als Zingg auf der Bühne sagt, dass es immer noch Menschen gebe, die aus dem System fallen und nicht rentieren. Auch wenn sie heute nicht mehr in Parks herumliegen würden, sie seien noch da.

Suche nach der Freiheit

Wie schon bei der Trauerfeier im Grossmünster am vergangenen Donnerstag ist auch das Publikum auf dem Platzspitz sehr gemischt. Manchen von ihnen behagt die Feier im Park mehr als jene in der Kirche. «Hier ist es schöner», sagen sie. Man könne kommen, gehen, wiederkommen – Überbleibsel der einstigen Freiheit, die sich viele von den Drogen erhofften und vermeintlich «uf de Gass» fanden, bis sie merkten, dass es die Sucht war, die sie über Jahre dort festhielt.

An diesem Samstag gehört der Platzspitz wieder ihnen, und es ist, als würden sie an diesem Tag auf diesem Platz auch bestimmen dürfen, wie dieses Zusammenleben namens Gesellschaft funktionieren soll. Sie tanzen ausgelassen durch das Publikum, rufen dazwischen, bestätigen oder widersprechen dem, was die Redner oben auf der Bühne erzählen, klagen die Unmenschlichkeit, die Gier und den Staat an, der Menschen wie sie allein lasse. Und wer etwas irritiert ist darüber, lächelt nur vielsagend den eigenen Freunden zu und schweigt. Man sitzt dicht nebeneinander, aber das ist für viele die einzige Gemeinsamkeit.

Stimmen zu Pfarrer Sieber:

(Video: Kathrin Egolf/Carmen Roshard)

«Was meine Geschichte ist?», fragt Erwin. «Meine Geschichte, ha! Ich war abhängig, war hier, war beim Letten, jetzt bin ich seit zehn Jahren clean.» Jeder Tag sei ein Kampf, er müsse aufpassen, durch den Alkohol nicht wieder zu den Drogen zu kommen. Dann entdeckt er in den vorderen Reihen einen Fussball, fixiert ihn mit seinem Blick und sagt: «Ich muss zu diesem Ball. Ich bin eben auch ein Fussballer, weisch!»

Aus manchen Gesprächen bekommt man mit, dass Leute sich engagieren und den Randständigen helfen wollen. Es sind junge Menschen, die ihr ganzes Leben vor sich haben und dieses sinnvoll nützen wollen, und es sind ehemalige Süchtige, die in dieser Aufgabe ihre «Bestimmung» gefunden haben. Es ist Pfarrer Siebers Arbeit, die weitergeht.

Erstellt: 04.06.2018, 08:17 Uhr

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