Sieben Tage Ausnahmezustand – jetzt stinkt die Leichenblume

Im Botanischen Garten Zürich ist das Spektakel seit heute zum ersten Mal zu beobachten – und vor allem auch: zu riechen. Endlich!

Seit heute kann man nun auch in Zürich vor der Titanwurz posieren. (Archivbild aus Basel, März 2019)

Seit heute kann man nun auch in Zürich vor der Titanwurz posieren. (Archivbild aus Basel, März 2019) Bild: Kostas Maros

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Ein warmes Bad mit Zimt oder Nelken, ein Gläschen Rotwein oder gar einen Schwangerschaftscocktail aus Cognac und Rizinusöl – die Vorschläge, was Frau zur Einleitung der Geburt tun kann, sind vielfältig. Aber was tut Papa, wenn das Baby ganz frech den errechneten Termin verstreichen lässt?

Eine Antwort auf diese Frage gibt uns ausgerechnet der Gartenleiter des Botanischen Gartens der Uni Zürich, Peter Enz. Sein Baby: die mächtige Titanwurz in ihrem kuppelförmigen Schauhaus.

Ostern ohne Leichenduft

Sieben Tage ist es her, dass wir ihn (also den «Daddy to be») besuchten, in der Hoffnung, seine sogenannte Leichenblume (mehr dazu später) würde bereits über die Ostertage das Licht der Welt erblicken. Und wir fiebern mit. Schliesslich hat in Zürich wohl noch nie eine solche Pflanze geblüht.

Enz verspricht (so, wie man es auch werdenden Grosseltern verspricht), sich augenblicklich mit Updates zu melden, sobald solche denn eintreten würden.

Der erste Tag verstreicht, Herr Enz fordert uns zur Geduld auf: «Die Basler Experten geben unserer Titanwurz zu 95 Prozent ein Aufblühen am Ostermontag gegen Abend.» Und wie es alle stolzen werdenden Papas machen, schickt er uns ein Bild des Bauchs (also in diesem Fall der Pflanze) gleich mit:

Wir bringen uns mit Müh und Not durch den Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag. Ablenkung dank Brunches, Eiertütschen und Schoggihasen.

Am Montag folgt der Dämpfer: Im Garten tut sich nichts. Kein Öffnen der Blüte, kein Düftchen, einzig die Blatthülle hätte sich leicht verdunkelt. Enz wird später rückblickend verraten, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits daran dachte, um die Pflanze einen Beschwörungstanz aufzuführen.

«Es ist passiert»

Genützt hats nichts. Auch am Dienstag tut sich nichts. Doch gestern Mittwoch darf Herr Enz endlich damit beginnen, den Spitalkoffer zu packen. «Heute Morgen gab es am oberen Rand des Stinkkolbens einen Duft, welchen ich als ‹zart stinkend› bezeichnen würde», lässt er uns wissen. Um 21.20 Uhr ist es dann bereits ein «prägnanter Duft». Und: «Mir wurde geraten, bei Erstgeburten Lachgas oder Yoga einzusetzen», schreibt Enz – nicht ohne Ironie.

Die E-Mail mit dem Betreff «Es ist passiert» erreicht uns schliesslich um Punkt 10.46 Uhr heute Morgen – als wir es nicht mehr erwartet, ja nicht mehr darüber nachgedacht haben.

Von uns gibt es dafür mit himmelblauer Schleife und ein klein wenig Sarkasmus verpackte Gratulationen: «Wir wünschen den glücklichen Eltern viel Freude mit dem neuen Erdenbürger.»

Und das müssen Sie über den Nachwuchs Zürichs wissen:

Schutzengel und Pflege

Die Titanwurz in Zürich brauchte einen speziellen Schutzengel. Vor rund zehn Jahren wurde die Pflanze von Schülern beschädigt. Lange war unklar, ob sie überhaupt je blühen wird. Aber jetzt steht sie dank der umsichtigen Pflege der Gärtner in ganzer Pracht da.

Ihr Name spielt auf ihre Grösse an, er ist abgeleitet von den Titanen, dem ältesten Göttergeschlecht der griechischen Mythologie, die als Riesen in Menschengestalt beschrieben werden. Wobei im Botanischen Garten Zürich ein vergleichsweise kleines Exemplar steht: Der gemessene Rekord beträgt gut drei Meter.

Der Geruch des Todes

Doch nicht nur für die Grösse der Blume ist die Titanwurz bekannt. Einen weiteren Hinweis auf eine spezielle Eigenschaft der Blüte gibt der indonesische Name der Pflanze: Bunga Bangkai, das bedeutet Leichenblume. Der Geruch des Todes ist für die Titanwurz überlebenswichtig, zumal für Wildpflanzen: Er soll Aaskäfer und Aasbienen anlocken, welche sie bestäuben.

Video: Die Zürcher Titanwurz (mehr oder weniger) kurz vor der Blüte

Gartenleiter Peter Enz erklärt vergangene Woche, warum die Titanwurz nach Aas stinkt und wie das Zürcher Exemplar fast zerstört wurde. Video: saf

Eine geöffnete Titanwurz ist aus verschiedenen Gründen ein seltenes Ereignis. Es gibt nur wenige Exemplare in Botanischen Gärten. Aber auch auf Sumatra, wo die Pflanze heimisch ist, soll ihre Blüte eine kleine Sensation sein, die viele Menschen in den Wald lockt. Denn bis die Pflanze für kurze Zeit aufgeht, hat sie seit ihrer Keimung schon rund ein Jahrzehnt gelebt und in mehreren Zyklen mithilfe eines Blattes Energie im unterirdischen Knollen gespeichert.

Die Blüte dauert insgesamt nur zwei bis drei Tage, dann kollabiert der Kolben. Wer es dieses Mal nicht in den Botanischen Garten schafft, kann trotzdem hoffen, in Zürich eine Titanwurz-Blüte zu erleben. Denn in wenigen Jahren könnte die Blüte der Riesenblume bereits wieder aufgehen. Hat die Pflanze erst einmal geblüht, folgen die nächsten Blüten nämlich in kürzeren Abständen. Das Basler Exemplar hat 2011, 2012 und 2014 eine Blume ausgebildet.

Die Titanwurz ist im Botanischen Garten an der Zollikerstrasse 107 in 8008 Zürich täglich von 9.30 bis 17 Uhr zu sehen.

(saf/hwe)

Erstellt: 25.04.2019, 13:21 Uhr

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