Siemens erhebt schwere Vorwürfe gegen die VBZ

Bei der Vergabe des Auftrags für die neuen Züri-Trams soll Bombardier bevorzugt behandelt worden sein.

Gewann trotz höherem Preis die Ausschreibung: Das Flexity-2-Tram von Bombardier. Visualisierung: Stadtrat Zürich

Gewann trotz höherem Preis die Ausschreibung: Das Flexity-2-Tram von Bombardier. Visualisierung: Stadtrat Zürich

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Bereits jetzt ist das neue Tram für Zürich hoffnungslos verspätet. Laut den ursprünglichen Plänen hätte es noch in diesem Jahr in Betrieb gehen sollen. Doch allein zwischen der Ausschreibung 2011 und der Vergabe des Auftrags Mitte Mai sind fünf Jahre ins Land gezogen – und die Verzögerung könnte noch länger dauern. Denn die Beschaffung der Trams ist zu einem Fall für die Richter geworden. Seit Mitte Mai wurde zwar ­Bombardier offiziell zum Lieferanten für die 70 neuen Fahrzeuge bestimmt, doch einen gültigen Vertrag gibt es noch nicht. Wegen der Rekurse der unterlegenen Anbieter Siemens und Stadler Rail.

Bei Stadler Rail will man sich im ­Moment nicht zum VBZ-Auftrag äussern, bis das zuständige Zürcher Verwaltungsgericht das weitere Vorgehen festgelegt hat. Bei Siemens Schweiz ist man sich bewusst, dass man mit dem Rekurs und einer möglichen, weiteren Verzögerung die Gunst der VBZ und der Öffentlichkeit aufs Spiel setzt. «Wir machen einen solchen Schritt nicht leichtfertig» sagt Siegfried Gerlach, Chef von Siemens Schweiz.

20 Prozent höherer Preis

Das von Siemens offerierte Tram kostet 3,56 Millionen Franken pro Fahrzeug, jenes von Bombardier 4,28 Millionen Franken und damit rund 20 Prozent mehr. Gerlach rechnet hoch, dass die Bombardier-Lösung über die angestrebte Lebensdauer der Trams von 40 Jahren die Stadt und ihre Steuerzahler rund 200 Millionen Franken mehr kosten werde. Dies, wenn die Stadt nicht nur die bestellten 70 Bombardier-Trams beschafft, sondern auch noch die Option für weitere 70 Fahrzeuge zieht. Und weil Gerlach davon ausgeht, dass die Stadt bei seinem Modell auch im Betrieb 90 Millionen Franken spart.

Apropos Preis: In Basel, wo 2011 die dortigen Verkehrsbetriebe neue Trams beschafft hatten, war die Ausgangslage eine ganz andere. Bombardier offerierte am Rheinknie zu einem 12 Prozent tieferen Preis als Siemens und stach damit auch Stadler Rail aus. «Basel kauft Tram zu Schnäppchenpreis», titelte etwa die «bz Basel» damals. Dies liess Siemens nicht auf sich sitzen und senkte bei der Tramvergabe in Zürich den Preis markant. Bombardier dagegen ging genau in die entgegengesetzte Richtung und offerierte in Zürich zu einem deutlich höheren Preis als in Basel. Das Resultat: Bombardier war mit seinem Tram in Zürich fast gleich teuer wie Siemens in Basel.

«Markanter Vorsprung» bei der Qualität

Bombardier sagt dazu, dass die unterschiedlichen Preise aus der unterschiedlichen Flottenzusammensetzung resultierten. «Basel hat 7-Teiler und 5-Teiler bestellt und Zürich nur 7-Teiler», sagt Stéphane Wettstein, Chef von Bombardier Schweiz. Zusätzlich gebe es trotz Plattformprodukt mit hoher Standardisierung auch kundenspezifische Ausführungen für die lokalen Bedürfnisse, welche sich in den Preisen abbildeten. «Wenn Sie den ‹Meterpreis› der beiden Fahrzeugflotten vergleichen, dann macht das rund 100'000 Franken pro Fahrzeugmeter aus», sagt Wettstein.

Wäre nur nach dem Preis entschieden worden, hätte Siemens das Rennen gemacht. Doch der Preis wurde bei der Beurteilung der Angebote nur zur Hälfte gewichtet. Und beim Kriterium Qualität, das die andere Hälfte der Beurteilung ausmachte, habe Bombardier einen «markanten Vorsprung erzielt», wie VBZ-Sprecher Andreas Uhl kürzlich gegenüber der «NZZ am Sonntag» ­erklärte. Auf Nachfrage des TA erklärt Uhl, dass sich der Qualitätsunterschied auf «viele einzelne Aspekte beim Kundennutzen, beim betrieblichen Nutzen und beim technischen Nutzen» verteile. Dazu gehöre auch die Sicherheit und das Brandschutzkonzept. Auf weitere Details könne man wegen des laufenden Gerichtsverfahrens und der Geschäftsgeheimnisse der Anbieter nicht eingehen.

Sicherheit und Brandschutz genügen Siemens-Chef Gerlach als Stichwörter. Er kontert, dass diese zwei Punkte in ­detaillierten Normen festgehalten seien. «Jeder Hersteller muss diese Normen ohne Wenn und Aber erfüllen, so auch Siemens.» Der «vermeintliche Vorsprung» von Bombardier liege darin, dass dieser Anbieter die Umsetzung dieser Normen detailliert beschrieben habe, während Siemens nur die «vollumfängliche Umsetzung bestätigt hat», so Gerlach. Da beide Trams bei Brandschutz und Sicherheit die Normen erfüllten, findet Gerlach eine unterschiedliche Bewertung deshalb «irreführend».

Streit ums Aluminium

Siemens hat ein Tram aus Aluminium angeboten und erreicht damit laut eigenen Angaben das geringste Gesamtgewicht. Obwohl die VBZ in der Ausschreibung keine Vorgaben beim Werkstoff gemacht hatten, sei die Aluminiumkonstruktion von den VBZ ausschliesslich ­negativ bewertet worden, sagt Siemens-Chef Gerlach. Dem widersprechen die VBZ: «Die Werkstoffwahl wurde – wie andere Einzelkriterien auch – mit allen Vor- und Nachteilen bewertet.» In einem Gutachten, das die VBZ und der Zürcher Verkehrsverbund bei der Prüfstelle TÜV Süd bestellten, sei «die entsprechende Bewertung ausdrücklich als nachvollziehbar und zutreffend bezeichnet worden», sagt VBZ-Sprecher Uhl.

Siemens-Chef Gerlach hält dieser Aussage wiederum entgegen, dass im Rahmen eines Debriefings bei den VBZ nur auf die Nachteile von Aluminium hingewiesen worden sei. «Aussagen zu einer positiven Bewertung sind uns nicht bekannt», so Gerlach und setzt nach, dass Aluminium als Werkstoff für Schienenfahrzeuge «hervorragend geeignet» sei: «Die täglichen Einsparungen im Energieverbrauch überwiegen die unter Umständen höheren Reparaturkosten.»

Bombardiers Bonität ist abgerutscht

Gerlach kritisiert zudem, dass das Gesamtgewicht der Fahrzeuge in die Bewertung kaum eingeflossen sei, obwohl dieser Faktor auch für den Verschleiss der Schienen wichtig sei. Die VBZ widersprechen: Die Auswirkungen der Fahrzeuge auf den Schienenverschleiss seien berücksichtigt worden und dabei auch das Fahrzeuggewicht als Einflussfaktor. Weitere Details geben die VBZ mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht preis. «Die VBZ üben sich hier in Geheimniskrämerei» kritisiert Gerlach.

Es bleibt nicht bei diesen Kritikpunkten: Siemens stört sich auch daran, dass die VBZ die Kreditwürdigkeit der Hersteller, die Bonität, nur 2011 bei der Zulassung zur Ausschreibung abfragten. Bei Bombardier ist das Rating in den letzten Jahren auf B2 (hoch spekulativ) abgerutscht. Hintergrund ist, dass der kanadische Bombardier-Konzern mit seiner Flugzeugsparte in Schieflage geriet und darauf vom kanadischen Staat finanziell unterstützt wurde. Siemens erreicht hingegen mit einem Rating A1 die zweithöchste Stufe bei Moody’s. Die VBZ entgegnen, man sei der Ansicht, dass alle Hersteller, die ein Angebot eingereicht hatten, «auch heute die Eignungskriterien erfüllen» und in der Lage seien, die Trams zu bauen und die vertraglichen Verpflichtung zu erfüllen. Siemens-Chef Gerlach sagt: «Gerade bei einem so langfristigen Projekt sollte nicht eine Meinung den Ausschlag geben. Die Öffentlichkeit erwartet bei einer solchen Beschaffung zu Recht die notwendige Sorgfalt und auf Fakten gestützte Entscheide.»

Gerlach wirft den VBZ darüber hinaus vor, bei der Punktevergabe falsch gerechnet zu haben, und sagt, dass der Abstand zu Bombardier eigentlich noch kleiner gewesen wäre und bereits mit einer leicht besseren Bewertung von vier erfüllten Kriterien wettgemacht gewesen wäre. Auch bei diesem Punkt wehren sich die VBZ, verweisen auf das TÜV-Gutachten und stellen sich auf den Standpunkt, es sei alles korrekt verlaufen, was man auch dem Gericht bereits dargelegt habe. «Nachträglich Hypothesen aufzustellen, wie man bei anders angelegten Benotungen oder ganz anderen Kriterien abgeschnitten hätte, ist müssig», sagt VBZ-Sprecher Andreas Uhl.

«Wissensvorsprung aufgrund intensiver Kontakte zur VBZ»

Und dann packt Siemens-Chef Gerlach seinen härtesten Vorwurf aus: Die Kriterien für die Auftragsvergabe seien von den VBZ bewusst so gelegt worden, dass Bombardier bevorzugt worden sei. Man gehe davon aus, dass «Bombardier zum Zeitpunkt der Angebotserstellung aufgrund der intensiven Kontakte zu den VBZ in diversen Punkten einen Wissensvorsprung hatte». Anders sei nicht erklärbar, wie Bombardier trotz «markant höherem Preis» derart «massiv obenauf geschwungen» habe. Gerlach fordert die VBZ deshalb auf, das erwähnte TÜV-Süd-Gutachten zu veröffentlichen. Die VBZ weisen Gerlachs Verdacht und Vorwürfe «in aller Deutlichkeit zurück». Dem Vorschlag, das Gutachten zu veröffentlichen, erteilen die VBZ mit Verweis auf die darin enthaltenen Geschäftsgeheimnisse der Anbieter aber eine Absage.

Ist Siemens demnach einfach nur eine schlechte Verliererin, die sich nicht mit der Niederlage abfinden will und deshalb alle Rechtsmittel ausschöpft? «Nein», wehrt sich Siegfried Gerlach, «wir würden nicht so weit gehen, wären wir nicht felsenfest überzeugt, dass es bei der Vergabe dieses Auftrages nicht mit rechten Dingen zuging», sagt der Schweizer Siemens-Chef.

Als Nächstes wird das Zürcher Verwaltungsgericht nun festlegen, ob den Einsprachen von Siemens und Stadler Rail aufschiebende Wirkung erteilt wird oder ob der Vertrag zwischen Bombardier und den VBZ zustande kommt. Wenn das Gericht die aufschiebende Wirkung zulässt, wird es sich noch länger hinziehen, bis Bombardier die Produktion der Trams hochfahren kann. Bei den VBZ geht man im Moment davon aus, dass die neuen Trams zwischen 2018 bis 2023 ausgeliefert werden.


Chronologie
Rekurse und Zweitmeinungen

  • 2009: Probefahrten mit den Trams von Bombardier (Flexity), Siemens (Combino) und Stadler Rail (Tango) auf dem Zürcher Tramnetz.
  • Februar 2011: Ausschreibung und Präqualifikation der Anbieter. Bombardier, Siemens, Stadler Rail und die spanische CAF werden zugelassen.
  • Dezember 2012: Einladung zur Offerteingabe.
  • Oktober 2013: Die Angebotsauswertung nach finanziellen und technischen Gesichtspunkten ist abgeschlossen.
  • Januar 2014: Gesuch der VBZ um Kostengutsprache an den Verkehrsrat des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV).
  • Juni 2014: Der ZVV verweigert die Kostengutsprache und will eine Zweitmeinung.
  • Dezember 2014: Die VBZ reichen Rekurs beim Zürcher Regierungsrat gegen die Verweigerung der Kostengutsprache ein.
  • September 2015: Der Regierungsrat verlangt eine Zweitmeinung zur Vergabe.
  • Januar 2016: VBZ und ZVV beauftragen den TÜV Süd, ein Gutachten zu erstellen.
  • 17. Mai 2016: Der Zürcher Stadtrat informiert, dass der Vergabeentscheid ­gefällt und zugunsten von Bombardier ausgefallen sei.
  • 31. Mai 2016: Siemens und Stadler Rail reichen beim Zürcher Verwaltungsgericht Rekurs gegen die Auftragsvergabe ein. Damit ist die Vertragsunterzeichnung zwischen Bombardier und den VBZ vorläufig blockiert. (map)

Erstellt: 14.07.2016, 22:05 Uhr

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