So entsteht das Wunderland in Wollishofen

Das Lethargy-Festival ist legendär – nicht zuletzt wegen der eindrücklichen Dekoration. Wir werfen einen ersten Blick auf die diesjährigen Kreationen.

So entstanden frühere Lethargy-Ausstattungen. Video: Sarah Fluck mit Material von Lethargy/Carolin Röckelein

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Auf dem Gelände der Roten Fabrik sieht es aus, als wäre soeben eine Tischbombe explodiert: In einer Ecke liegt ein feuerroter Schaumstoffwulst; am Boden stehen Sperrholzgebilde, die an Tintenfischtentakel erinnern, und der Wind lässt bunte Zettelchen flattern. Mittendrin steht der Mann, der für dieses kunstvolle Chaos verantwortlich ist: Michel Häberli. Der ehemalige Geschäftsführer des Partytempels Dachkantine koordiniert die Lethargy, das Festival, das als der kleine coole Bruder der Street Parade gilt. Da verantwortet er seit 15 Jahren auch die Dekoration und die Visuals dieser dreitägigen Party. Doch das Ausmass dieser Deko lässt sich – zwei Tage bevor die Lautstärke der Musik auf ohrenbetäubend wechselt – erst erahnen.

Abtauchen unter Wasser

Die diesjährige Ausschmückung ist zu einem Grossteil vom grafischen Auftritt des Flyers abgekupfert. Dieser zeigt eine Unterwasserwelt mit Tierfiguren im Disney-Comic-Stil. Am roten Kamin, dem Wahrzeichen des Fabrikgeländes, soll bald eine Krake krakeln. Dafür werde eine abstrahierte Form aus Holz gebaut, welcher das Team Lichtpiraten aus Berlin anschliessend mit audiovisuellem Mapping Leben einhauchen werde, erklärt Häberli.

Michel Häberli macht seit 15 Jahren die Deko und die Visuals an der Lethargy. Foto: Andrea Zahler

Die Installationen an der Lethargy seien keine vorgefertigten Kunstwerke: «Sie sollen aus dem Moment heraus entstehen und im Zusammenspiel mit der Musik für den Besucher eine neue Realität und Wahrnehmung darstellen», sagt Häberli auf dem Weg zum Clubraum, wo bereits ein aufgeblasener Plastik-Walfisch von der Decke hängt. Fleissig sprayt ein Helfer weitere Unterwasserkreaturen auf Holz. Der Clubraum werde düster, auch von der Musik her – sogenannter «Dark-Disco-Style» wird hier den Takt angeben.

Im Clubraum wird den Unterwasserkreaturen viel Platz eingeräumt. Foto: Andrea Zahler

Jedes Jahr von neuem

Der Gegensatz ist das Fabriktheater, dessen bunte Gestaltung eher an ein Wohnzimmer erinnert. «Ich liebe es, dass ich für diese eine Woche im Jahr meinen Bürostuhl verlassen und einfach nur kreativ sein kann», sagt Suse Richter, die für die Umgestaltung dieses Raums verantwortlich ist. Auch sie ist schon seit 15 Jahren dabei und hält das ganze Jahre Ausschau nach Materialien, die sich hier verwerten lassen. Vieles komme aus dem Brockenhaus, ab und zu könne auch einmal aus dem Schauspielhaus oder einer Firma ein Element abgestaubt werden. Die Kunstwerke würden jedes Jahr wieder zurückgebaut, sodass das Material wiederverwendet werden könne. «Wir behalten keine ganzen Objekte, sonst würde unsere Kreativität langsam einschlafen», sagt Häberli.

Jedes Jahr gebe es neue Kunstwerke, sagt Häberli. Foto: Andrea Zahler

Einen Raum weiter, in der Aktionshalle, kann sich Häberli dieses Jahr einen kleinen Traum erfüllen. 100 Discokugeln werden von der Decke hängen: «Natürlich habe ich mir 200 gewünscht», sagt er und grinst. Es sei die Halle, die weitaus am schwierigsten zu gestalten sei. Dies, da sie niedrig sei und die Galerie seit einem Brand nicht mehr genutzt werden könne. Durch die Reflexion in den Discokugeln könne dieses Jahr als eine Art optische Täuschung eine Weite erzeugt werden.

100 Kugeln sollen am Freitag von der Decke hängen. Foto: Andrea Zahler

Zwar hat Häberli in den vergangenen Jahren viele Dekoelemente geschätzt: Da war etwa der Pfau aus CDs, der bei Lichteinfall in Tausenden Farben geglitzert hat: «Huere geil und nicht so trashig wie befürchtet.» Oder auch die Performance von Tänzerinnen, die vertikal hängende Tücher bespielt haben. «Doch besonders in Erinnerung bleiben die Momente, in denen etwas so richtig in die Hose geht», sagt Häberli. Einmal hat das Team mit riesigem Aufwand ein Gebilde aus Fahnen zwischen die Mammutbäume und den Kamin gehängt. Noch bevor die Party begann, musste es wieder heruntergeholt werden, da es nicht funktionieren wollte.

Wie eine Familie

«Früher habe ich vorab noch Gestaltungspläne gezeichnet, doch heute lassen wir unsere Kreativität vor Ort fliessen und probieren vieles aus», sagt Häberli. Zusammen mit einem Team bestehend aus rund 25 Personen kommen sie jeweils am Montag vor dem Event-Wochenende zusammen. Ihr Ziel ist klar: Am Freitag um 19 Uhr ist Einlass, und bis dahin muss alles aufgehängt, angesprayt und montiert sein.

Dieses Jahr wird auch die Shedhalle bespielt: Es gibt eine Lichtinstallation des Zürchers Lukas Truniger. Foto: Andrea Zahler

«Die Stimmung mit diesen Leuten ist jedes Jahr voll der Plausch», sagt Häberli. Es seien viele Freund da, und auch seine Familie sei dabei. Früher habe er immer die Leute beim Theater Spektakel beneiden müssen, die dort für eine kurze Zeit zusammenleben. Doch heute würden auch die Mitglieder des Dekoteams während einer Woche im Jahr zusammen auf dem Gelände wohnen.

Erwachsen geworden

Für Häberli birgt die Rote Fabrik traumhafte Bedingungen für eine gelungene visuelle Gestaltung: «Es ist ein Ort, der in sich lebt und einen eigenen Charakter hat.» So inspiriere man sich gegenseitig. Doch mache es ihm das rote Backsteinhaus nicht immer leicht, insbesondere, da es unter Denkmalschutz stehe: «Ich hatte schon das Gefühl, dass ich für jeden Nagel eine Bewilligung einreichen muss.» Auch die Brandschutzvorschriften seien «brutal einschränkend». So müssten beispielsweise die Materialien flammensicher sein, was ins Geld gehe.

Jeweils am Freitagnachmittag zieht die Feuerschutzkontrolle durch die Clubräume: «Davor bibbern wir immer.» Doch seien er und sein Team in den vergangenen 15 Jahren erwachsen geworden: «Jedes Risiko gehen wir heute nicht mehr ein», sagt Häberli und wirft gleich nach, dass man sich aber auch heute noch die eine oder andere Spielerei herausnehme.

Am Kamin wird eine Krake sichtbar werden. Foto: Andrea Zahler

Wie viel Budget Häberli zur Verfügung hat, will er nicht sagen. Rund die Hälfte der Gagen der Musiker sei es und somit für einen solchen kurzen Event sehr hoch angesetzt. Zur Dekoration könne man nicht tanzen, sagen seine Kollegen im OK der Lethargy immer. Doch Häberli sieht dies ein wenig anders: «Das Gefühl, in unserer Fantasiewelt zu tanzen, ist das, was bei Personen weiterschwingt und in Erinnerung bleibt – zusammen mit der Musik.»

Alle Informationen zum Lethargy-Festival sowie Tickets erhalten Sie unter www.lethargy2019.ch.

Erstellt: 08.08.2019, 15:59 Uhr

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