«Es sah für die Ermittler wie eine funktionsfähige Rohrbombe aus»

Ein oranger Rucksack sorgte an der Street Parade für einen massiven Polizeieinsatz. Nun ist klar, was darin versteckt war.

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An der Street Parade hat die Stadtpolizei Zürich am Samstagabend einen verdächtigen Rucksack sichergestellt. Dessen Inhalt ist nunmehr analysiert worden. Den Spezialisten des Forensischen Instituts Zürich zufolge handelt es sich um Attrappen von Rohrbomben.

Dies teilte die Kantonspolizei Zürich in einer Medienmitteilung am Montagmorgen mit. Gemäss dem leitenden Ermittler Peter Bächer sah die Attrappe für die Spezialisten des Forensischen Instituts «so aus, dass von einer funktionsfähigen Rohrbombe ausgegangen werden musste.» Die aufwändigen Ermittlungen der Kantonspolizei Zürich führten zu einem 31-jährigen Deutschen, der im Kanton Aargau wohnt. Beim ihm handele es sich mutmasslich um den Besitzer des Rucksacks, hiess es im Communiqué der Polizei.

Der Mann sei zudem am Sonntagabend an seinem Wohnort verhaftet worden. Der ursprünglich in diesem Zusammenhang festgenommene 35-jährige Schweizer wurde laut den Angaben ohne weiteren Verdacht aus der Haft entlassen.

Rucksack mit Roboter sichergestellt

Der verdächtige Gegenstand wurde in einem speziellen Anhänger mit Blaulicht abtransportiert. Video: 20min.ch

Aufgrund der ersten Untersuchungen vor Ort am Utoquai gingen die Spezialisten des Forensischen Instituts davon aus, dass der Inhalt des verdächtigen Rucksacks gefährlich ist. Daher wurde er unter grossen Sicherheitsvorkehrungen sichergestellt und abtransportiert.

Eine Person hatte die Stadtpolizei angerufen, weil der Rucksack schon längere Zeit dort stand. Er war nicht ganz verschlossen und oben schauten laut Medienberichten Pet-Flaschen und Kabel heraus. Die alarmierte Polizei sperrte in der Folge rund das Strassenstück auf einer Länge von rund 300 Metern ab und die Passanten wurden über die Dufour- und Seefeldstrasse zum Bellevue umgeleitet.

Laut Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, wurde bei der Evakuierung des Strassenstückes das sogenannte Dialogteam eingesetzt. Dabei waren Polizisten mit gelben Westen und Megafon an neuralgischen Punkten präsent und informierten die Besucher über die Absperrung. Unterstützt sei man auch von den privaten Sicherheitsdiensten der Streetparade geworden. Die Besucher hätten sich sehr vernünftig verhalten, die Sperrung des Strassenstücks sei problemlos verlaufen.

Das Motiv für den Bau dieser Bombenattrappen und das Deponieren des Rucksacks an der Street Parade sei derzeit Gegenstand der weiteren Ermittlungen der Kantonspolizei Zürich in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Zürich- Sihl. Es sei allerdings kein ideologischer Hintergrund für die Tat erkennbar, führten die Sicherheitskräfte weiter aus.

850'000 Besucherinnen

Laut, bunt und ausgelassen: Rund 850'000 Besucherinnen und Besucher haben am Samstag in Zürich die 28. Street Parade gefeiert. Die grösste Technoparade der Welt verlief weitgehend friedlich.

Auf der rund 2 Kilometer langen Strecke rund um das Zürcher Seebecken gab es zeitweise kein Durchkommen mehr. Techno-Fans jeden Alters tanzten entlang der Umzugsroute und vor den acht Bühnen entspannt und gut gelaunt zu wummernden Beats und Bässen, die nicht nur die Trommelfelle vibrieren liessen.

Viele der Besucherinnen und Besucher hatten sich aufwändig kostümiert und zeigten viel Spitze, Glitter, Tüll und Tigerfell. Neben Jeans und T-Shirt waren beispielsweise auch bemalte Körper, Super Marios, Fantasiekostüme und eine Gruppe aufwändig verkleideter Quallen mit langen Tentakeln zu sehen und dazwischen natürlich: viel nackte Haut.

Die 28. Street Parade, deren Motto «Colours of Unity» lautete, sollte wie den Vorjahren eine Demonstration sein für Liebe, Friede, Freiheit und Toleranz. Für den notwendigen Sound sorgten die 28 Love-Mobiles und acht Bühnen mit über 200 Künstlerinnen und Künstlern.

Polizist verletzt

Durch die Stadt- und die Kantonspolizei Zürich wurden total 78 Personen aus 21 Länder verhaftet. Die Einsätze häuften sich am Abend wegen Auseinandersetzungen vorwiegend aufgrund von zu hohem Alkohol- oder Drogenkonsum.

Unter den Festgenommenen sind fünf Jugendliche und zwei Frauen, wie die Stadtpolizei am Sonntag mitteilte. So wurde etwa bereits am frühen Abend, kurz vor 18 Uhr, beispielsweise ein 20-Jähriger nach einer tätlichen Auseinandersetzung verhaftet. Er verletzte seinen Kontrahent im Gesicht mittelschwer.

Fast gleichzeitig musste ein 27-Jähriger mit mittelschweren Stichverletzungen im Oberkörper ins Spital gebracht werden. Was genau passiert war, ist noch unklar - auch, wer den Mann verletzt hat. Bei einer Schlägerei zwischen mehreren Personen erlitt ein 32-Jähriger zudem mittelschwere Kopfverletzungen, zwei mutmassliche Täter im Alter von 25 respektive 34 Jahren wurden festgenommen.

Weiter festgenommen wurde ein 33-Jähriger, der eine 49-jährige Frau und einen 55-jährigen Mann am Kopf verletzt hatte. Ein anderer Mann wurde mit einer Faustfeuerwaffe in der Hand entdeckt und verhaftet - es war eine Imitationswaffe. Bereits am Freitag wurde eine solche sichergestellt, jedoch bei einer Frau. Sie trug die Waffe, weil sie als Polizistin verkleidet war. Das Tragen solcher Imitationswaffen ist jedoch verboten.

Bei einem Einsatz kurz nach 3.30 Uhr der Stadtpolizei wurde einem Polizisten das Nasenbein gebrochen. Er wurde angegriffen, als er einen Beteiligten an einem Streit kontrollieren wollte. Der 40-jährige Angreifer wurde festgenommen.

Durchzogene Bilanz der Stadtpolizei

Während des Festivals wurden zudem rund ein Dutzend Anzeigen wegen Diebstahls gemacht. Die Polizei nahm in diesem Zusammenhang mehrere Personen fest. Zudem stellte sie 18 Gramm Kokain, 250 Ectasytablette und 85 Gramm Marihuana sicher. Zehn Personen wurden zum Schutz vor Eigen- oder Fremdgefährung zur Ausnüchterung in eine entsprechende Betreuungsstelle eingeliefert. Die Stadtpolizei spricht insgesamt von einer durchzogenen Bilanz, wenngleich der Anlass mehrheitlich friedlich gewesen sei.

Das Gedränge war in diesem Jahr nicht gar so gross wie im Vorjahr, als die Street Parade die Millionengrenze knackte. Laut Stadtpolizei waren daher auch keine Lenkungsmassnahmen nötig. 2018 mussten wegen des Ansturms immer wieder Wege gesperrt werden.

Vier Schwerverletzte

Auch Schutz und Rettung der Stadt Zürich hatte einiges zu tun: 654 Personen landeten auf dem Sanitätsposten. Das sind rund zehn Prozent weniger als im Vorjahr, wie am Sonntag mitgeteilt wurde. Vier Personen wurden mit schweren Verletzungen in ein Spital eingeliefert.

Es handelte sich um Stichverletzungen, Verdacht auf Hals- und Wirbelverletzungen sowie zwei Schädel-Hirn-Traumen wegen Stürzen oder Auseinandersetzungen. Insgesamt wurden 59 Patientinnen oder Patienten zur weiteren Behandlung in ein Spital gebracht

Erheblich zugenommen gegenüber dem Vorjahr hätten die Behandlungen wegen zu hohem Alkohol- und Drogenkonsum: die Zahl erhöhte sich von 277 im letzten Jahr auf 314. Sechs Personen erlitten Knochenbrüche, 58 Mal wurden Prellungen oder Stauchungen behandelt, 243 mal Schnittverletzungen. Auch Schutz und Rettung lieferte einige Personen in Ausnüchterungsstellen ein, nämlich 95.

Street Parade im Wetterglück

Die Veranstalter zeigten sich «super zufrieden und auch megafroh über das Wetter», wie Mediensprecher Stefan Epli sagte. Denn es war warm aber nicht zu heiss.

Bis kurz vor dem Warm-up um 13 Uhr hingen noch dunkle Wolken über Zürich und es regnete teilweise in Strömen, so dass der Aufbau etwas in Verzug und schwieriger war als in anderen Jahren, wie Epli sagte. Doch pünktlich zum Beginn der Street Parade blieb es trocken und ab dem Nachmittag zeigte sich sogar ab und zu die Sonne.

Die 28 Love-Mobiles rollten bis 22.30 Uhr über die 2 Kilometer lange Umzugsroute vom Utoquai im Zürcher Seefeld bis zum Hafendamm Enge. Auf den Bühnen spielt die Musik bis gegen 24 Uhr, anschliessend wird in Clubs und anderen Locations noch weiter gefeiert.

Best of Street Parade 2019: So tanzte Zürich:

(red/sda)

Erstellt: 11.08.2019, 12:46 Uhr

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