So fühlt es sich im neuen Flexity-Tram an

Holzsitze, ein komplett neues Design und einige Spielereien. Vieles kann es besser als das Cobra. Das neue Zürcher Tram im Test.

Das Flexity im Test: Zwei TA-Redaktoren schauen sich erstmals im neuen Tram um. Video: Tamedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach einem japanischen Trommelkonzert und Reden der Politikerinnen und Politiker war es so weit: Das neue Flexity-Tram rollte am Freitagnachmittag das erste Mal aus der Zentralwerkstätte am VBZ-Hauptsitz in Zürich-Altstetten. Vier Jahre zu spät, dafür von Fanfaren begleitet. Gesteuert wurde es nicht von VBZ-Direktor Guido Schoch. Obwohl er diesen Tag herbeigesehnt hatte, nahm er auf dem Klappsitz neben dem Chauffeur Platz.

Danach bot sich den geladenen Gästen die Möglichkeit, das 43 Meter lange Tram (knapp 7 Meter länger als das Cobra) auch von innen anzuschauen, auf einem der 91 Sitzplätze (einem mehr als im Cobra) Probe zu sitzen und auf einem der 188 Stehplätze (130 sind es im Cobra) zu stehen. Wie fühlt es sich an? Was taugt das Flexity? Wir haben es getestet – und machen den Vergleich zum Cobra.

Das Raumgefühl

Samt Lounge: Das Flexity ist schlicht und bietet viel Platz. Fotos: Reto Oeschger

Wer das neue Tram betritt, fühlt sich mehr in einer U-Bahn als in einem Tram. Es bietet viel unverstellten Platz, ist gewöhnungsbedürftig lang und lässt das Cobra im Vergleich klein und vollgestopft wirken. Flexity heisst: Sich ohne viel Schnickschnack wohlzufühlen – auch in der Lounge im Fond der Komposition. Von in den Raum ragenden Radkästen wie in den Basler Drämmli gibt es in Zürich keine Spur. Die weissen Wände machen den Innenraum hell, die Metallstangen und die Holzsitze verleihen ihm eine gewisse Frische. Die hellgrün gestrichen Querwände hätten deshalb nicht auch noch sein müssen. Kritisch ist die Raumhöhe an den Stellen, wo die Sitze etwas erhöht sind – Grossgewachsene reichen bis an die Decke. Ein klarer Vorteil gegenüber den neuen Bussen ist das Licht, es ist nicht grell und kalt; etwas heller als im Tram 2000 oder im Cobra, aber trotzdem noch warm.

Metallstangen, Holzsitze, mehr Luft, grosse Fenster, helles Licht. In der Raumwirkung gewinnt das Flexity gegen die Cobras.

Die Spielereien

Zeichen der Zeit: 24 USB-Anschlüsse gibt es im neuen Tram.

Kleine schwarze Buchsen in der Form von Halteknöpfen werden bestimmte Plätze im neuen Tram zu Lieblingsplätzen machen. In diesen schwarzen Buchsen befinden sich je zwei USB-Stecker-Anschlüsse, um das Smartphone zu laden. In der heutigen Zeit mehr als nur eine Spielerei, die, zumindest beim aktuellen Test, bereits einwandfrei funktionierte. Das Cobra, aus einer Zeit, in der Handyakkus noch beinahe eine Woche hielten und das Bedürfnis nach Sofortstrom kleiner war, hat das logischerweise nicht. Deswegen drücken wir hier ein Auge zu und legen es dem Cobra nicht zum Nachteil aus. Die zweite Neuerung hingegen entspricht weniger dem Zeitgeist: ein Kleiderhaken, befestigt am Vordersitz. Und dieser ist eine ziemliche Fehlkonstruktion. Er ist mehr ein Häkchen – zu wenig breit, zu tief montiert und deshalb für lange Jacken untauglich. Wir vermissen diese Spielerei im Cobra also nicht. Also: Unentschieden, das Flexity führt weiterhin 1:0.

Die Sitze

Ein Platz mehr als im Cobra: 91 Sitze aus Buchenholz gibt es im Tram.

In dieser Kategorie konnte das neue Tram gar nicht verlieren. Die Sitze aus Buchenholz sind noch etwas matt, wirken aber elegant und sind durchaus bequem. Und hygienisch, was man von den oftmals etwas verranzten Cobra-Stoffsitzen nicht behaupten kann. Der Platz ist auch da ein grosser Pluspunkt. Setzt man sich in den Einzelsitzen hin, ist die Beinfreiheit überraschend gross, selbst hochgeschossene Personen stossen sich die Knie nicht mehr an. Zu zweit mit Mantel und Jacke wird es so eng wie in den heutigen Trams. 2:0 für das Flexity.

Die Behindertenfreundlichkeit

Sollten den öffentlichen Verkehr in Zürich etwas barrierefreier machen: Alle neuen Trams sind niederflurig.

Selbstverständlich ist das Flexity niederflurig. Für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ist der Trammangel derzeit eine Plage, da oftmals keine Trams mit dem Niedrigeinstieg verkehren. Behindertenorganisationen haben auch die drei grossen Freiflächen erwirkt. So bietet das Flexity auch für Passagiere mit Kinderwagen und Velos eine Erleichterung. Der nächste Punkt geht an das Flexity – 3:0.

Umfrage

Wie gefällt Ihnen das Flexity?




Die Bildschirme

An der Platzierung der Informationsbildschirme erkennt man, was das Flexity in erster Linie sein soll: Transportmittel für viele Leute auf kurzen Strecken. Die Leute sollen stehen, der Sitzkomfort ist zweitrangig. Die Bildschirme an der Decke sind daher so platziert, dass sie von den Stehplätzen besser gelesen werden können als von den Sitzen aus. Die Bildschirme sind also keine Verbesserung zu früher. Das Cobra gewinnt den ersten Punkt. Zwischenstand: 3:1 Flexity.

Die Aussenansicht

Mit reichlich Verspätung biegt es um die Kurve: Das neue Tram erinnert an einen Tatzelwurm.

Von der Seite her betrachtet, erinnert das Flexity mit seinen vielen Elementen an einen langen Tatzelwurm. Bestimmt wird er mit seinen 43 Metern jede Haltestelle vorne und hinten überragen. Äusserlich hebt sich das Flexity deutlich von den bisherigen Zürcher Trams ab: rund in der Form, stringent in der Linienführung, schlichte Signaletik. Die LED-Leuchten an den Türen, die den Abfahrstatus anzeigen, sind ebenfalls dezent. Einzig von vorne erscheint das Tram mächtig. Die Führerkabine ist etwas zu hoch geraten. Was irritiert: die Beflaggung. Sie ist nicht mehr in der Mitte ganz vorne, sondern seitlich angebracht. Alles in allem wirkt das Flexity schöner als das Cobra, macht 4:1 für das Flexity.

Im Februar kommt das zweite Flexity

Bleibt die Frage nach den Fahrqualitäten. Diese werden wir erst im Frühsommer bewerten können. Dann wird das Flexity nach der Testphase erstmals mit Passagieren durch die Stadt rollen.

Auf welcher Linie, ist noch unklar; wahrscheinlich aber auf der stark ausgelasteten Linie 4. Bis dahin wird es ausgiebig getestet und auf das Zürcher Schienennetz angepasst. Das erste neue Tram bleibt nicht lange alleine. Im Februar wird das nächste aus dem ostdeutschen Bombardier-Werk Bautzen nach Zürich transportiert. Und ab Mai sollte monatlich ein weiteres neues Flexity in den VBZ-Werkstätten eintreffen. Bis 2024 sind dann 70 Flexity in Zürich unterwegs – so lautet zumindest der Plan. Schon heute ist klar, dass die 70 neuen Trams langfristig nicht ausreichen, um den Bedarf in Zürich zu decken. Die VBZ verhandeln mit dem ZVV, ob weitere 70 bestellt werden können. Sollten die VBZ bis im Sommer kein OK des Verkehrsverbundes erhalten, droht erneut ein Trammangel, wie er heute herrscht.

Und vielleicht wird ja dank dem neuen Tram eintreffen, was Stéphane Wettstein, Geschäftsführer Bombardier Schweiz, am Festakt sagte: Dass Zürich in Sachen Lebensqualität Wien überholt, denn dort verkehren die Flexitys schon länger.

Erstellt: 15.11.2019, 19:17 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...