So hat die Ur-Zürcherin gelebt

Die Funde aus dem Keltengrab bei einem Zürcher Schulhaus sind analysiert. Und sie zeigen Erstaunliches.

Bild: PD/Stadt Zürich

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Schön geschmückt, wohlgenährt, im Limmattal geboren und früh gestorben. So ungefähr lässt sich das Leben der Frau zusammenfassen, die vor rund 2200 Jahren in Zürich gelebt hat. Zu diesem Schluss kommt die Analyse, welche das interdisziplinäre Archäologenteam der Stadt Zürich vom Fund der Grabbeigaben gemacht hat. Das Grab war 2017 bei Umbauarbeiten am Schulhaus Kern entdeckt, die Frau in einem Eichenbaumstamm-Sarg beigesetzt worden. Und schon damals sprach man von einer Sensation.

Aufsehenerregend ist insbesondere die Glasperlenkette. Sie ist gemäss Stadt-Archäologie in ihrer Form bisher einzigartig. Die kostbaren Glas- und Bernstein- sowie Spiralaugenperlen sind zwischen zwei Fibeln, sogenannten Gewandspangen, aufgereiht. Die Perlen stammen vermutlich aus dem Fernhandel. All das lässt auf eine privilegierte Stellung der Frau schliessen. Daneben fand man eine Gürtelkette aus Bronze mit Gürtelhaltern in Tierkopfform. Sämtliche Grabbeigaben seien typisch für die jüngere Eisenzeit um etwa 200 vor Christus, wie Projektleiter Andreas Motschi am Freitag vor den Medien sagte.

Vom Skelett der Frau waren bei der Entdeckung des Grabes der Schädel sowie Teile eines Arm- und Beinknochens enthalten. Die Knochen zeigen, dass sie kaum körperlich gearbeitet hat und etwas unter Arthrose litt. Die Untersuchung der Zähne lässt weitere Rückschlüsse auf das Leben der Frau zu. Sie hatte starke Karies, weil sie wohl oft mit Honig gesüsste Speisen zu sich genommen hatte. Zudem ernährte sie sich von Hirse und tierischen Produkten. All dies konnten sich nur gut situierte Personen leisten. An der Zahnwurzel lässt sich ablesen, dass sie im Alter von 40 Jahren gestorben ist. Das war für damalige Verhältnisse eher spät.

Anhand der opulenten Grabbeigaben lassen sich differenzierte Aussagen machen. Video: Lea Koch

Im Grab fanden sich an den Grabeinlagen einzelne Textil-, Fell- und Lederreste. So war es möglich, die Reihenfolge der Kleidungsschichten zu bestimmen. Die Keltin trug demnach ein Kleid aus feiner Schafwolle. Darüber ein wollenes Tuch, ein Mantel aus Schaffell bildete den Abschluss. Die geschnürten Schuhe waren aus Leder.

Eine Limmattalerin, sagen die Isotope

Mit einer sogenannten Isotopen-Analyse konnten Aussagen darüber gemacht werden, wie die Frau gelebt hat. So vermuten die Forscher, dass sie in der Region des heutigen Kantons Zürich aufgewachsen ist, genauer im Limmattal.

Isotope sind unterschiedlich schwere Atomarten eines Elements – Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Schwefel, Strontium und Blei. Jeder Mensch nimmt Isotope von Geburt an durch Nahrung, Luft und Wasser in den Körper auf und verfügt so über eine individuelle Isotopensignatur. Insbesondere das Verhältnis von Strontium erlaubt Aussagen über den Lebenraum der untersuchten Person.

Vor der Siedlung auf dem Lindenhof

Bereits 1903 wurde beim Bau der Turnhalle Kern ein Männergrab entdeckt. Es war mit einem Schwert, einem Schild und einer Lanze bestückt. Weil die Kriegerausstattung vollständig ist, geht man davon aus, dass der Mann ebenfalls eine bessere Stellung hatte. Das Grab ist rund 80 Meter vom Frauengrab entfernt. Die Forscher gehen davon aus, dass er in denselben Jahrzehnten bestattet worden ist. Vermutlich haben sich die beiden gar gekannt. Dieser Fund ist im Landesmuseum ausgestellt.

Auf dem gesamten Stadtgebiet haben Archäologen sechs weitere Gräber aus dieser Zeit entdeckt. Bloss, wo diese ersten Kelten in Zürich ihre Siedlungen hatten, ist nach wie vor unbekannt. Es gibt in Zürich bisher keine Siedlungsreste aus dieser Zeit.

Man geht jedoch davon aus, dass es eine stadtartige Siedlung der Kelten auf dem Lindenhofhügel bereits in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts vor Christus gegeben hat. Darauf weisen archäologische Grabungen und Auswertungen hin.

Die Gräber beim Schulhaus Kern sind jedoch 100 Jahre älter. Vermutlich gab es damals kleinere Siedlungen rund um Zürich, eine davon in Aussersihl.

Erstellt: 05.07.2019, 15:05 Uhr

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