So leer sind die Zürcher Parkhäuser wirklich

Es brauche keine neuen Parkhäuser, sagt die Stadtregierung, da die alten fast nie voll seien. Wir haben nachgezählt und festgestellt: Das stimmt nicht ganz.

In zwei Drittel aller Parkhäuser gibt es so gut wie immer einen freien Parkplatz. Foto: Keystone/Alessandro Della Bella

In zwei Drittel aller Parkhäuser gibt es so gut wie immer einen freien Parkplatz. Foto: Keystone/Alessandro Della Bella

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Wenn Zürich ticken würde wie immer, würde jetzt irgendwo in der Stadt ein tiefes Loch gegraben und ein neues Parkhaus gebaut. Aber in Zürich hat sich etwas verändert: Die Stadtregierung will Hunderte von Parkplätzen abbauen, ohne unterirdische Kompensation. Es ist eine Abkehr von der Standardlösung, wie sie im historischen Parkplatzkompromiss von 1996 festgeschrieben war.

SP-Hochbauvorsteher André Odermatt hält weitere Parkhäuser in der City für unnötig. Die bestehenden seien ohnehin so gut wie nie ausgelastet. Man würde also bloss Überkapazitäten ausbauen. Diese Einschätzung stütze sich auf eine Aus­wertung der Daten von sechs zentral gelegenen Anlagen, heisst es auf Nachfrage. Dort seien in der Regel freie Plätze vorhanden. Aber stimmt das wirklich?

Um diese Aussage zu überprüfen, hat der TA in den vergangenen zwei Wochen jede Viertelstunde die Zahl der freien Plätze in allen 37 Parkhäusern erfasst, die ans städtische Parkleitsystem angeschlossen sind. Das Ergebnis der 50'000 Stichproben: Auf den ersten Blick herrscht in diesen Parkhäusern tatsächlich erstaunliche Leere – aber dieses Bild ändert sich stark, je stärker man den Blick auf jene Orte und Zeiten verengt, die für die aktuelle Debatte entscheidend sind.

In der gesamten Stadt gab es binnen der zwei Testwochen nur gerade vier Parkhäuser, die während über 20 Prozent ihrer Öffnungszeiten bis auf den letzten Platz besetzt waren. In zwei Drittel aller Parkhäuser gibt es dagegen so gut wie immer einen freien Parkplatz. Diese Zahlen sind allerdings irreführend. Der entscheidende Betrachtungszeitraum sind die Ladenöffnungszeiten, denn das wichtigste ­Argument für Parkplätze ist der Umsatz, den motorisierte Kunden in den Geschäften der Stadt generieren – ob Park­häuser in der Nacht leer stehen, interessiert keinen.

Zudem muss man sich geografisch auf die Innenstadt ­beschränken, auf den Geltungsbereich des Parkplatzkompromisses, der nun auf der Kippe steht. Dieser gilt nicht nur für ­Altstadt und City, sondern reicht bis an die Langstrasse und ins Hochschulquartier. Während der Geschäftszeiten waren die Parkhäuser in diesem Gebiet in den Testwochen im Schnitt zu zwei Dritteln belegt.

Jelmoli ist oft voll besetzt

Besonders begehrt sind Parkplätze in der Innenstadt und rund um die Bahnhofstrasse. Dort befinden sich die einzigen zwei Parkhäuser mit einer Durchschnittsbelegung von über 80 Prozent, jenes von Jelmoli und das Talgarten in der Nähe des ­Pelikanplatzes. Im Schnitt nur halb gefüllt sind das relativ neue City Parking an der Gessnerallee und das Parkhaus Hauptbahnhof beim Carparkplatz, obwohl beide sehr zentral gelegen sind. Das grosse Parkhaus an der Hohen Promenade ist sogar nur zu einem Drittel gefüllt.

Im City Parking zeigte sich gestern Nachmittag, was diese Statistik in Blech und Beton übersetzt bedeutet: Auf der obersten Etage stehen die Wagen zwar dicht an dicht, darunter ­viele aus den Nachbarkantonen und aus Deutschland. Schon im Stockwerk drunter lichten sich die Reihen. Ein älteres Pärchen aus St. Gallen macht sich gerade bereit für den Stadtbummel. Wenn es nach Zürich kommt, peilt es trotz der happigen Preise immer direkt ein Parkhaus an – «so haben wir immer einen Platz gefunden».

Früh kommen lohnt sich

Die Durchschnittsbelegung beantwortet noch nicht die Frage, ob zu Spitzenzeiten jederzeit Parkplätze verfügbar sind, wie der Stadtrat sagt. Unter den sechs Parkhäusern, auf die er diese Aussage stützt, befindet sich auch jenes beim Jelmoli – und für dieses heisst die Antwort: Nein. Es ist während 44 Prozent der Ladenöffnungszeiten komplett ausgebucht. Normalerweise ist es unter der Woche schon ab 11 Uhr voll und beginnt sich erst gegen 15 Uhr wieder zu leeren. «Das muss man halt wissen und früh in die Stadt fahren, dann ist es kein Problem», sagt eine Frau aus Schwyz, die gerade aus ihrem Auto steigt.

Besser sieht es im neuen ­Opéra und im Urania aus, wo es unter der Woche mit Ausnahme vom Donnerstagmittag immer Platz hatte. Beide Häuser nähern sich jeweils am frühen Nachmittag der Vollbelegung, aber dann dreht der Trend wieder. Zu keiner Minute voll besetzt waren das City Parking, die Hohe Promenade, das Park Hyatt im Bankenviertel und das etwas peripherer gelegene Stampfenbach – das entspricht fast einem Drittel der insgesamt 15 Parkieranlagen im Gebiet des historischen Kompromisses.

Samstagmittag ist Schluss

Ein anderes Bild ergibt sich am wichtigsten Shoppingtag, am Samstag. In citynahen Park­häusern findet man zwar auch dann bis um 16 Uhr immer freie Plätze – das Stampfenbach ist sogar so gut wie verwaist, obwohl es von dort nur zwei Tramhaltestellen bis zum Hauptbahnhof sind. Aber in der City füllen sich die Parkhäuser rasch und bleiben den ganzen Tag besetzt: Globus und Jelmoli sind schon um 10 Uhr voll, eine Stunde später auch das Talgarten und das grosse Urania und am frühen Nachmittag alle anderen.

Einzige Ausnahme: An der Hohen Promenade, shoppingmässig offenbar auf der «falschen» Stadtseite, gibt es auch samstags immer Platz. Dieses Parkhaus dürfte im Vorweihnachtsrummel für viele zur letzten Zuflucht werden. Denn im Dezember, sagen befragte Parkhaus-Habitués unisono, treffe definitiv nicht zu, was der Stadtrat sage: «Dann ist es hier an jedem Tag wie an einem Samstag.»

Erstellt: 21.11.2019, 21:00 Uhr

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