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«Der Zoll will mich und das Dolder zerstören»

Der Zürcher Hotelbesitzer Urs E. Schwarzenbach und die Zollverwaltung äussern sich zur gestrigen Hausdurchsuchung.

Razzia im Dolder: Fahnder beschlagnahmen Kunstwerke. Video: Stefan Hohler Kunstwerk: Robert Indiana (c) 2017, ProLitteris, Zürich

Milliardär und Dolder-Besitzer Urs E. Schwarzenbach versteht die Welt nicht mehr: «Der Gemeindepräsident von Küsnacht empfängt mich mit Blumen. Der Zoll aber will mich und das Dolder zerstören.» Auch Rechtsanwalt Ulrich Kohli verurteilt das Vorgehen der Zöllner scharf: «Es ist eine totale Überreaktion des Zolls. Wegen 12 Millionen Franken Steuer­forderung ins Dolder einzufallen und in der Réception, in der Eingangshalle und im Restaurant die schönsten Gemälde abzuhängen, ist völlig übertrieben», sagt Kohli. Das habe geschäftsschädigenden Charakter.

Die Eidgenössische Zollverwaltung sieht dies anders: «Herrn Schwarzenbach wurde eine sehr grosszügige Frist zu­gestanden, die ausstehenden Forderungen zu begleichen. Er hat diese Zeit ungenutzt verstreichen lassen», sagt Peter Zellweger, der Informationsbeauftragte der zuständigen Zollkreisdirektion Schaffhausen.

Im noblen Dolder Grand am Zürichberg präsentierten am Dienstagmorgen um 8 Uhr Zollfahnder den Hotelverantwortlichen einen Hausdurchsuchungsbefehl. Sie waren gekommen, um rund 30 Kunstgemälde im Wert von etwa 50 Millionen Franken von den Wänden abzuhängen. Die Fahnder hatten für die Beschlagnahmung eine auf Kunsttransporte spezialisierte Speditionsfirma beauftragt – um sicherzustellen, dass die wertvollen Schätze sachgerecht verpackt und abtransportiert werden.

Unter dem erstaunten Blick der Gäste hievten die Spediteure die mehrere Meter grossen Bilder von den Wänden im Restaurant und in der Eingangshalle. Die weltberühmte Kunstsammlung von Dolder-Besitzer Urs E. Schwarzenbach ist damit stark reduziert. Überwacht wurde die Aktion von Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma. Sie dauerte bis in den Nachmittag. Zeitgleich durchsuchten Ermittler auch die Räume der Villa Falkenstein an der Schanzengasse in Zürich, dem Geschäftssitz von Schwarzenbach. Auch von dort wurden mehrere Bilder abtransportiert.

Laut einer Strafverfügung der Zollbehörde hat Schwarzenbach «vorsätzlich» 11 Millionen Franken an Einfuhrsteuern hinterzogen.
Laut einer Strafverfügung der Zollbehörde hat Schwarzenbach «vorsätzlich» 11 Millionen Franken an Einfuhrsteuern hinterzogen.
Gaetan Bally, Keystone
Überreaktion des Zolls: Urs Schwarzenbach, Besitzer des Dolder Grand, wehrte sich nach der Razzia in seinem Haus im März 2017.
Überreaktion des Zolls: Urs Schwarzenbach, Besitzer des Dolder Grand, wehrte sich nach der Razzia in seinem Haus im März 2017.
Nicola Pitaro
Abgesperrt: Der Bereich, in dem die Lastwagen standen, ist für den restlichen Verkehr nicht zugänglich. (7. März 2017)
Abgesperrt: Der Bereich, in dem die Lastwagen standen, ist für den restlichen Verkehr nicht zugänglich. (7. März 2017)
Reto Oeschger
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Die Razzia hat mit den offenen Mehrwertsteuer-Forderungen an Dolder-Besitzer Schwarzenbach zu tun. Die Zollfahndung führt gegen ihn seit 2012 mehrere Untersuchungen. Ausgelöst hatte die Ermittlungen ein Vorfall vom 20. September 2012. Damals landete Schwarzenbach mit seinem Privatjet am Flughafen Zürich und passierte am Zoll den grünen Ausgang. Er meldete nichts zur Deklaration an, doch die Zöllner stoppten ihn. Sie fanden ein Bild im Wert von mehr als 300'000 Franken und eine wertvolle antike Dose.

Darauf leiteten die Zollfahnder umfangreiche Ermittlungen ein. Sie hatten den Verdacht, dass Schwarzenbach in weiteren Fällen Kunst illegal ins Land ­gebracht haben könnte. Im April 2013 durchsuchten sie fast zeitgleich das Hotel Dolder Grand am Zürichberg, die Villa Falkenstein in der Zürcher Innenstadt und Schwarzenbachs Privathäuser in Küsnacht und in St. Moritz.

Auf den Festplatten der Computer in der Villa Falkenstein fanden sie das zentrale Beweisstück: Schwarzenbachs Kunstdatenbank «Faust». In ihr wurde ­minutiös festgehalten, wann welches Kunstwerk wohin verschoben worden war. Die Fahnder kopierten die Computerdaten und schleppten Kisten voller Dokumente aus dem Haus.

Dank «Faust» konnte der Zoll feststellen, dass anscheinend Dutzende Kunstwerke, die mit gültigen Papieren ins Ausland exportiert worden waren, von Schwarzenbach später undeklariert wieder in die Schweiz eingeführt und in den Residenzen des Milliardärs aufgehängt worden waren.

Laut einer Strafverfügung vom 6. Oktober 2016 geht es um über 130 Bilder. Die Fahnder sind überzeugt, dass auf diese Weise ein riesiger Kunstschatz unverzollt in die Schweiz gelangte, darunter Werke von Picasso, Matisse, Modigliani und Schmuckstücke des russischen Goldschmieds Carl Fabergé.

Bereits im Sommer 2015 verfügte die Eidgenössische Zollverwaltung deshalb eine Mehrwertsteuer-Nachzahlung von rund 12 Millionen Franken. Diese Forderung hat der Milliardär zuerst akzeptiert, doch seither hat er mehrere Zahlungsfristen verstreichen lassen. Die letzte lief am Montagabend aus. Weil beim Zoll kein Geld eingetroffen ist, holten sich die Zöllner den Millionenschatz im Hotel Dolder als Zollpfand.

Völlig zu Unrecht, findet Schwarzenbachs Anwalt Ulrich Kohli. Sein Klient habe vor rund sechs Wochen seinen Wohnsitz von England nach Küsnacht verlegt. Ein Grossteil der Kunstwerke sei deshalb Umzugsgut. Darauf sei keine Mehrwertsteuer geschuldet.

Mehrere Verfahren

Die teure Mehrwertsteuerrechnung ist nicht das einzige Problem, das Schwarzenbach mit dem Zoll hat. Die Zollbehörden führen gegen ihn und weitere Beschuldigte ein weiteres Verfahren. Auch da geht es um millionenteure Kunstschätze, von denen einzelne gestern im Hotel Dolder abtransportiert worden sind.

Laut Eigenwerbung des Hotels gehören diese Bilder zu Schwarzenbachs Privatsammlung. Nach Ansicht der Zollbehörden hat der Milliardär die Werke aber nicht als Privatperson eingeführt und ordentlich verzollt, sondern die Einfuhr über zwei Galerien abgewickelt. Galerien haben das Recht, Kunstwerke einzuführen, ohne Mehrwertsteuer zu bezahlen, sofern sie die Werke zum Verkauf anpreisen. Das erspart den Galerien Papierkram, weil die Bilder später oft wieder ins Ausland gebracht werden.

«Es ist eine totale Überreaktion des Zolls. Völlig übertrieben.»

Ulrich Kohli, Rechtsanwalt von Urs E. Schwarzenbach

Die Eidgenössische Zollverwaltung glaubt, dass Schwarzenbach dieses vereinfachte Verfahren für Galerien missbraucht hat, um die Mehrwertsteuer zu umgehen. Schwarzenbach bestreitet diesen Vorwurf. Er habe legal gehandelt, betonte er wiederholt.

Auch in dieser noch laufenden Untersuchung geht der Zoll offenbar von Forderungen in Millionenhöhe aus. Deshalb haben die Fahnder gestern auch Bilder aus diesem Ermittlungsverfahren im Dolder von den Wänden geholt.

Neben dem Zoll will auch die Steuerverwaltung Schwarzenbachs Geld. Die Steuerbehörden des Bundes und des Kantons Zürich haben über 200 Millionen Franken blockiert, weil sie vermuten, dass der Milliardär bei den Steuern nicht alle Vermögenswerte und Geschäftstätigkeiten angegeben hat. Mit der Razzia im Dolder und in der Villa Falkenstein hat diese Sperre aber nichts zu tun.

Die gestern beschlagnahmten Bilder werden jetzt in einem dafür geeigneten Lager untergebracht. Die Zollfahnder haben dafür eine spezialisierte Firma engagiert, die im Umgang mit Kunstschätzen Erfahrung hat. Der Millionenschatz soll eingelagert bleiben, bis Schwarzenbach seine Mehrwertsteuerschuld beglichen hat.

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