So spektakulär könnte das neue Zürcher Rathaus aussehen

Am See, auf dem Bauschänzli oder gar an der Bahnhofstrasse: 36 ETH-Studierende machen konkrete Vorschläge für ein neues Parlamentsgebäude.

Studenten erklären ihre Vorschläge für ein neues Zürcher Parlamentsgebäude. Video: Lea Blum

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Ein neues Rathaus auf dem Lindenhof? Das Parlament in der Kehrichtverbrennungsanlage Josefstrasse? Oder auf dem Geroldareal? Kein Problem. Zumindest wenn man beim Professorenduo Gigon/Guyer Architektur studiert. 36 ETH-Studierende tüftelten seit Januar an der Frage herum, wo ein neues Parlamentsgebäude für den Kantonsrat und den Zürcher Gemeinderat gebaut werden sollte und wie es aussehen könnte.

Am Dienstag und Mittwoch waren die sogenannten Schlusskritiken. Jede Studentin und jeder Student stellte den eigenen Entwurf vor. Sie wurden kritisch beäugt von Projektleiter Mike Guyer sowie Annette Gigon. Am Mittwoch gesellten sich im Atelierraum an der ETH Hönggerberg der bekannte spanische Architekt Josep Lluís Mateo und sein Schweizer Berufskollege Gilles Dafflon dazu.

Parlament mit Boxraum

Was die Fachleute zu sehen bekamen, war ein bunter Strauss von originellen bis sehr kreativen Vorschlägen. Der Student etwa, der – auf dem Papier – das Fernwärmekraftwerk Josefstrasse zu einem Rathaus umbaute, dachte ressourcenschonend. Das schwerfällige Gebäude abzubrechen, wäre Unsinn, da enorm viel Beton verbaut worden war, kommentierte Mike Guyer. Also löste der Student, der sich als Industrie-affin bezeichnete, die Aufgabe anders. «In der ehemaligen Ofenkammer ist der Ratssaal», sagte er verschmitzt. Ebenso vorgesehen: ein Boxclub und ein Hallenbad – wohl um aufgestauten Politfrust loszuwerden und die Gemüter zu kühlen.

Die Vorschläge der ETH-Studierenden:

Eine Studentin nahm sich den unwirtlichen Bucheggplatz vor und entwarf ein rundes Gebäude mit rundem Innenhof. Spezialität: Das Rundhaus ist zweigeteilt, das Tram fährt in der Mitte durch. Die Idee gemäss Guyer: «Ein infrastrukturell belasteter Ort wird zum Verbindungsglied zwischen der Stadt und dem Glattal.»

Mit LED-Anzeige und den jüngsten Resultaten

Auch sehr originell ist der Vorschlag eines weiteren Studenten, das Ratsgebäude limmatseits an den Lindenhofhügel zu schmiegen. Je die Hälfte des schmalen und hohen Baus liegt über und unter dem Niveau des malerischen Hofs. Die Parlamentarierinnen und Besucher könnten ebenerdig vom Hof her ins Gebäude treten. Das Freimaurerhaus bliebe bestehen, ein anderes Gebäude müsste aber weichen. «Der Lindenhof ist seit 1000 Jahren ein Ort der Rituale», sagte der Student augenzwinkernd.

«Der Ratssaal ist in der
ehemaligen Ofenkammer der Kehrichtverbrennungsanlage.»
Architekturstudent

Genauso zentral käme das Ratsgebäude eines anderen Studenten zu stehen. Anstelle des Habis-Royal-Baus auf der Achse Central - Europaallee beim Hauptbahnhof schwebt ihm ein Gebäude vor, das sogar mit unterirdisch mit dem Shop-Ville verbunden wäre. Die aktuellsten Abstimmungsresultate im Rat würden dem Volk brühwarm auf einem LED-Band an der Aussenfassade mitgeteilt.

Mit Blick auf den See

Ein dreistöckiges, burgartiges Glashaus mit Arkaden und Patio auf dem Bauschänzli; ein lichtdurchflutetes Ratsgebäude anstelle des Coop-Provisoriums auf dem Papierwerd-Areal; ein neues Rathaus gleich neben dem alten an der Limmat anstelle der Polizeiwache: Der Fantasie waren kaum Grenzen gesetzt. Guyer hatte die Studierenden aufgerufen, frei zu denken. Sie durften auch bestehende Gebäude imaginär abbrechen. So ersetzte einer den «Fleischkäse» mit dem Bernhard-Theater durch ein Rathaus. Auch der Globus am Bellevue musste dran glauben. Der Carparkplatz wurde umgestaltet, zwei Entwürfe kommen prominent an den Bürkliplatz mit Blick auf den See – und anstelle des geplanten Restaurants. Auf dem Kasernenareal wurde die Militärkaserne verschont, nicht aber das Gebäude der Polizeikaserne.

«Der Lindenhof ist
seit 1000 Jahren
ein Ort der Rituale.»
Architekturstudent

Zuvor hatten sich die Studentinnen und Studenten mit allen möglichen Themen auseinandergesetzt. Zum Beispiel: Wie sitzen Parlamentarier am besten? Einander gegenüber wie im britischen Unterhaus? In Hufeisenform wie im heutigen Zürcher Rathaus? Oder wie eine Schulklasse im Frontalunterricht? Oder doch besser im Kreis?

Offen fürs Volk

Guyer hatte die Studierenden beauftragt, ihre Standortwahl mit einem Statement zu begründen. Als Vorgabe galt, dass das Gebäude repräsentativ, wahrnehmbar und offen für die Bevölkerung sein sollte. Letzteres sei beim aktuellen Rathaus aus dem Jahr 1698 trotz Zugang nicht der Fall. «Ich selbst war als Gymischüler letztmals im Rathaus», sagte Guyer. «Es wirkt autistisch.»

«Ich selbst war als Gymischüler letztmals im alten Rathaus. Es wirkt autistisch.»Mike Guyer
Architekt

Er selbst sieht im Papierwerd-Areal einen idealen Standort für ein neues Gebäude. Nahe am Zürcher HB sei ein Bezug zur Altstadt gegeben, und doch seien Entwicklungsgebiete wie die Europaallee nicht weit. Auch auf dem Geroldareal in Zürich-West könnte sich Guyer das neue Parlament vorstellen – gegenüber dem Prime Tower, den er mit Kollegin Annette Gigon verantwortet.

Parlamente müssen ins Exil

Anlass der ganzen Übung sind Veränderungen in und ums alte Rathaus. Die Gemüsebrücke wird abgerissen und neu gebaut. Und das historische Gebäude muss saniert werden, weshalb das Kantons- und Stadtparlament ohnehin ein paar Jahre ins Exil müssen.

Auch Politiker liebäugeln mit einem definitiven Wegzug. So hat die SP sowohl im kantonalen wie im städtischen Parlament Vorstösse für ein neues «Haus der Demokratie» eingereicht, jeweils im Verbund mit der EVP. Ihnen ist das alte Rathaus zu eng, zu abgesondert und zu unsicher, weil es nur einen Ausgang hat. Andrew Katumba (SP) und Sonja Rueff-Frenkel (FDP) haben ihre Kolleginnen und Kollegen der parlamentarischen Gruppe Architektur und Kultur am Mittwoch auf den Hönggerberg geführt, damit sie sich von den Vorschlägen der Studentenschaft ein Bild machen konnten. Am Dienstag hatte der neue Kantonsbaumeister Thomas Jung vorbeigeschaut.

«Es muss nicht immer die City sein»

Sehr angetan von den Entwürfen war zum Beispiel Stadtparlamentarier Markus Kunz (Grüne). Er fand den Lindenhof-Vorschlag toll – und jenen am Bucheggplatz. «Es muss nicht immer die City sein.» Ratskollege Marco Denoth (SP), selber Architekt, war begeistert von den «super-kreativen» Ideen der Studierenden. Sein Favorit: die Josefstrasse. «Hier könnte man die Debatte um die graue Energie aufnehmen», fand er. Sein Hauptkriterium: «Es muss die Leute bewegen.» Seine Botschaft: «Öffnen Sie sich!» Denoth weiss, dass es der Auszug der Parlamente aus dem alten Rathaus politisch schwer hat. Die Geschäftsleitung des Kantonsrats hat die Option kürzlich klar verworfen.

«Ein Parlamentsgebäude
muss die Leute bewegen»
Marco Denoth
SP-Gemeinderat

Katumba bleibt dennoch optimistisch. Ihm gefiel ein Vorschlag auf dem Papierwerd-Areal am besten: «Die Bevölkerung betritt das Gebäude und schaut auf die Politiker hinunter.» Rueff-Frenkels Lieblingsentwurf ist jener beim HB, vor allem wegen der guten Erschliessung. Ronnie Siev (GLP) vermisste in der Ausstellung seinen eigenen radikalen Vorschlag: Er würde am liebsten das ETH-Semper-Gebäude durch ein Rathaus ersetzen. Das wäre wohl etwas viel verlangt für ETH-Studenten, die ihr Studium gerne abschliessen möchten. Pawel Silberring (SP) hat die Bauschänzli-Idee am besten gefallen. Auch weil bei diesem Vorschlag mehr Platz für die Politiker vorgesehen ist.

Erstellt: 30.05.2019, 10:45 Uhr

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