So ticken die Uni-Besetzerinnen

Die Aktivistinnen an der Uni wollen ein Zeichen gegen geschlechtliche Unterdrückung an den Hochschulen setzen. Darunter leiden aber nicht alle Studentinnen.

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Die Tische und Stühle im Raum sind zur Seite geschoben. Darauf unzählige Taschen und Kleider, ein Schlafsack und eine Mätteli ohne Luft. In einer Ecke stehen Harassen mit leeren Flaschen Bier und Mate-Limonade – Überbleibsel der Nacht. Die Wände sind mit Lichterketten dekoriert. Vor der Wandtafel ist ein grosses Zmorgebuffet aufgebaut.

Einige Frauen lehnen an den Tischen, frühstücken im Stehen und wippen leicht zur Hintergrundmusik. Zwei Studierende verlassen den Raum mit Flyern in der Hand. Andere sitzen ohne Schuhe auf farbigen Tüchern am Boden und unterhalten sich mit einem Kaffee in der Hand im Flüsterton. Eine Frau kauert am Boden, tunkt den Pinsel in die violette Farbe und malt die letzten Buchstaben auf dem grossen Transparent aus. Was an Lager-Romantik erinnert, spielt sich an diesem Morgen im Hörsaal über dem unteren Eingang der Universität Zürich ab. Auf dem Transparent steht: «Wenn die Uni den Frauen* zu wenig Raum gibt, dann nehmen wir ihn uns selber.»

Eine Gruppe aus rund 30 Frauen, Trans-, Inter- und genderqueeren Personen (kurz FTIQ*-Menschen) haben sich an diesem Morgen im Vorlesungssaal versammelt. Sie versteht sich – ganz im Besetzerstil – als Kollektiv. Dieses entscheidet gemeinsam, spricht mit einer Stimme. Deshalb will auch niemand mit Namen und Gesicht medial präsent sein. Mit einem feministischen Zmorge startet die Gruppe in den zweiten Tag ihrer Besetzung an der Uni unter dem Motto «Patriarchat isch doch Scheisse».

Gleichgültige Mitstudierende

Um was es der Gruppe geht, zeigt sich, als ein Mitarbeiter des Hausdienstes auf der Türschwelle erscheint. «Kein Zutritt», sagt eine Aktivistin halblaut, «euch Cis-Männern gehören schon alle anderen Räume an der Uni.» Männern also, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht mit ihrer Geschlechteridentität identifizieren. Das Plakat mit dem entsprechenden Hinweis hängt vor dem Saal. Die meisten Studierenden, Frauen und Männer, aber gehen ignorant am Raum vorbei, würdigen das Banner mit der Aufschrift FTIQ*-Besetzung keines Blickes.

Da sind einerseits die hierarchisch, stark männlich geprägten Universitätsstrukturen, an denen sich die Aktivistinnen stören. «Die Unis sind von weissen Männern für weisse Männer gebaut worden. Meist werden Texte von weissen Männern gelesen», sagt eine der Aktivistinnen. Das vermittelte Wissen sei deshalb nicht objektiv, wie immer behauptet werde. Diese Perspektive fördere auch die sexualisierte Gewalt, wie die jüngsten Skandale an der ETH zeigten.

Weder die Hochschulleitungen noch die zuständigen institutionalisierten Fachstellen seien in der Lage, dem entgegenzuwirken. Ein kritisches Hinterfragen dieser Strukturen werde selten ernst genommen, Anregungen würden kaum umgesetzt, sagen die Aktivistinnen. So zum Beispiel jene, wie sie im letzten Jahr die AG Feminismus der Kripo (Kritische Politik UZH & ETH) im Faltblatt gegen Sexismus in der Bildung zusammengefasst hat. «Dafür wollen wir mit der Aktion Bewusstsein schaffen», sagt eine Aktivistin.

Die Tür geht auf, eine junge Frau kommt in den Raum. Sie wird herzlich begrüsst. «Komm rein, bedien dich, hör zu. Schön, bist du da», sagt eine aus der Gruppe.

Männer reden zu viel

Andererseits geht es den Aktivistinnen, die alle an verschiedenen Universitäten der Stadt studieren, um subtile Gegebenheiten im Alltag. In Seminaren mit 30 Studierenden, halb Frauen und halb Männer, sei es häufig so, dass Männer 90 Prozent der Redezeit beanspruchten. Der Tonfall sei oft belehrend, die eigene Meinung werde oft als allgemeine Wahrheit proklamiert, um sich vor Widersprüchen zu schützen. Redebeiträge anderer, die sich auf dem Gebiet besser auskennen, würden wiederholt, auf Kritik nicht eingegangen. Eine Aktivistin sagt: «Das erleben wir auch als patriarchale Strukturen. Wir fühlen uns durch sie diskriminiert.»

Die Gruppe will deshalb mit der Aktion physisch Raum schaffen für alle jene, die sonst an der Uni keinen Platz haben und nicht gehört werden. In diversen Diskussionsrunden und Workshops sollen Erfahrungen ausgetauscht und mögliche Strategien für den Unialltag erarbeitet werden. Spätestens am Frauenstreiktag am 14. Juni werden sie gemeinsam wieder ein Zeichen setzen. Das Transparent haben zwei Gruppenmitglieder inzwischen an den Säulen zum Lichthof hin aufgehängt.

Die Gruppe hat den Hörsaal am Mittwochabend besetzt. In den sozialen Medien haben die Frauen auf die Aktion aufmerksam gemacht und zu Konzerten und Party eingeladen. Zahlreiche Besucherinnen seien gekommen, rund zwei Dutzend von ihnen haben auch im Saal übernachtet.

Uni übernimmt Endreinigung

Die Leitung der Universität Zürich ist im Vorfeld über die Besetzung informiert worden. Beat Müller, Pressesprecher der Uni, sagt: «Wir tolerieren die Aktion, solange der Lehrbetrieb nicht gestört wird.» Der Sicherheitsbetrieb der Uni schaut regelmässig vorbei, ob die Aktion ordentlich und ruhig verläuft. Der Betrieb stellt der Gruppe auch Stellwände zur Verfügung und übernimmt die Endreinigung. Die Uni-Leitung erwartet, dass der Saal am Donnerstagabend geräumt ist.

Im Lichthof liegt auf jedem Tisch ein Flyer. Drei Jus-Studentinnen unterhalten sich angeregt – aber nicht über die Besetzung. «Ich sehe in unserer Studienrichtung kein Problem», sagt eine von ihnen. Frauen seien ohnehin in der Überzahl. Eine Kunststudentin findet das Thema wichtig, kann aber aus Zeitgründen nicht an der Aktion teilnehmen. «Aber in unserer Fachrichtung gibt es inhaltlich bereits ein Bewusstsein für das Thema», sagt sie. Es gäbe beispielsweise eine Vorlesung zu Künstlerinnen, und die weibliche Aktmalerei werde thematisiert.

Drei Wirtschaftsstudentinnen sitzen vor ihren Laptops. Auch vor ihnen liegt der Flyer. Sie haben keine Zeit, sich der Gruppe anzuschliessen. Am Freitag steht eine Prüfung auf dem Programm. Eine gewisse Form von Diskriminierung spüren aber auch sie. Eine sagt: «Wir tun etwas dagegen durch unsere Präsenz.» Männer wollen sich zum Thema nicht äussern. Sie steckten in einer anderen Haut, könnten den Frauen nicht nachempfinden.

Erstellt: 07.03.2019, 16:46 Uhr

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