So tickte der Zürcher Moschee-Attentäter

Satan, der Dritte Weltkrieg, Geheimbünde: Der Zürcher Amokschütze hatte sich in Verschwörungstheorien verloren. Seine Mutter versuchte, ihm zu helfen.

Sein Zimmer richtete der spätere Amokschütze als eine Art Ritualraum ein. Niemand hatte Zutritt – nicht einmal seine Mutter.

Sein Zimmer richtete der spätere Amokschütze als eine Art Ritualraum ein. Niemand hatte Zutritt – nicht einmal seine Mutter.

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Am Morgen des 19. Dezember, einem Montag, klingelten bei Erika Müller* zwei Polizisten, die wissen wollten, wo sich ihr Sohn Manuel aufhalte.

Sie hatte keine Antwort auf die Frage. Ihr Ältester wohnte schon länger nicht mehr zu Hause, er war 24-jährig. Sie erzählte von seinem Aushilfsjob, Regale auffüllen in einem Baugrossmarkt. Die Polizisten sagten, sie würden ihn dort suchen. Warum, sagten sie nicht.

Als die Beamten gegangen waren, rief ihr Sohn an, offenbar stand er in einer Telefonzelle. «Er bedankte sich für alles, was ich für ihn getan hatte. Es klang nach Abschied», erzählt Erika Müller.

Sie fuhr nach Dübendorf, wo Manuel in einem Block ein Appartement gemietet hatte. Keine Spur von ihm, stattdessen erneut Polizisten. Sie erzählte vom Anruf, den die Beamten sofort zurückverfolgen wollten. «Ich war froh, dass sie ihn suchten. Ich fürchtete, er könnte sich etwas antun.» Manuel befasste sich viel mit «Tod und Chaos», wie sich Erika Müller ausdrückt. Vor Jahren hatte er ihr einen selbst getexteten Rap-Song vorgespielt: «All die Stunde / wo ich ide Dunkelheit verbracht han / händ mir meh als eimal zeigt / das wonich plant han z vollände / Satan wird mer debii hälfe / im dunkle Wahn überschriit ich Gränze.»

Wieder zu Hause, erfuhr Erika Müller die ersten Bruchstücke der Wahrheit. Tags zuvor hatte jemand auf dem Spielplatz Böszelg in Zürch-Schwamendingen einen jungen Mann mit einem Messer niedergestochen. Das Opfer starb an seinen Verletzungen. Nun hatte dieselbe Person in einer Moschee in der Zürcher Innenstadt auf Gläubige gefeuert. Drei somalische Muslime erlitten schwere Verletzungen. Wenige Hundert Meter entfernt, am Ufer der Sihl, entdeckte ein Passant am selben Abend einen leblosen Körper. Die Polizei ging davon aus, dass es sich dabei um den Täter handelte: Erika Müllers Sohn.

Den Vater nie kennen gelernt

Die Familie wohnt in der Zürcher Agglomeration. In der Stube sind auf einem Regal Porträtfotos und Dutzende Coop-Emoji-Sammelfiguren arrangiert, ätherisch-beruhigende Musik ertönt aus ­unsichtbaren Boxen. Erika Müller stellt sich freundlich als Mutter von drei erwachsenen Kindern vor, selbst hat sie etwas Mädchenhaftes, ihre Füsse stecken in mit Glitzersteinchen besetzten Sandalen, bei einem späteren Treffen trägt sie ein Mickey-Mouse-Shirt.

Was in jenem Moment der Wahrheit mit ihr passierte, kann sie nicht beschreiben, auch Monate später nicht. «Ich kann nur sagen, dass ich es nicht verstehe», sagt sie, ohne aufzublicken.

Zu diesem Zeitpunkt hat Erika Müller bereits mehrere Stunden über Manuel gesprochen. Die 48-Jährige hat sich bereit erklärt, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Bedingung war, die Identität ihrer Familie zu schützen. Am Stubentisch erzählt sie aus Manuels Jugendzeit und zeigt Bücher, die er las. Zusätzlich recherchierte der «Tages-Anzeiger» in seinem Umfeld: Schule, Lehre, Arbeit. Zum Vorschein kam die Geschichte eines Mannes, der gegen aussen kaum auffiel, sich aber immer mehr in einer bizarren Weltanschauung verlor, einer Mischung aus schwarzer Magie, Weltuntergangsängsten und Verschwörungstheorien.

Manuels leiblicher Vater stammt aus Ghana. Er sprach Erika Müller am Zürichseeufer an, sie machte gerade Mittagspause. «Wir waren ungefähr ein halbes Jahr zusammen», erzählt sie. Dass die Beziehung nicht funktionieren würde, war schnell klar: «Ich war naiv. Wo er herkam, gab es ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frau.» Sie wollte ihn nicht heiraten, er musste zurück, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war. Seinen Sohn, geboren 1992, lernte er nie kennen.

Manuel wuchs in einer Mittelstandsfamilie auf, Erika hatte mit ihrem neuen, Schweizer Partner zwei weitere Kinder. Müllers bezogen eine Hälfte eines Doppeleinfamilienhauses, im Sommer machten sie Badeferien in der Türkei, im Winter gab es Pommes frites im Skigebiet. Auf Fotos gleicht Manuel dem Fussballer Johan Vonlanthen, er war ein guter Sprinter, spielte Schlagzeug und Flöte. «Wir waren uns nahe. Wir liebten Manuel, und er liebte uns», sagt Erika Müller.

«Magick, Band 1»

In der Schule hatte er Schwierigkeiten. Zwar interessierte er sich wie seine Mitschüler für Games und Yu-Gi-Oh-Sammelkarten, fühlte sich aber «irgendwie anders». In der sechsten Klasse nähte er einen Sitzsack – in Form eines Ziegenkopfs, mit schwarzen Augenhöhlen und Stoffhörnern. Bilder aus der Lehrzeit zeigen ihn mit einem goldenen Pentagramm-Anhänger um den Hals. Seine Leistungen waren unterdurchschnittlich, und er eckte mit Fragen an. Etwa zur «Pyramidenlüge»: Es könne doch nicht sein, dass die Cheops-Pyramide innert 20 Jahren gebaut worden sei? Ob da nicht eine ausserirdische Macht ihre ­Finger im Spiel hatte? «Wenn du bei der Prüfung solche Sachen hinschreibst, gibt es Probleme», sagt Erika Müller.

Sie selbst interessiert sich für Übersinnliches. Während des Treffens spricht sie unter anderem über Shungit-Heilsteine, Hypnose, Bachblütentherapie, Energieflüsse. Diese Faszination reichte sie an ihren Sohn weiter. Aber: «Manuel und ich waren wie Yin und Yang. Ich interessiere mich für das Licht, er sich für den Schatten.»

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Einen Lehrmeister brauchte der Sohn nicht, er holte sich die Infos aus dem Internet. Den Wikipedia-Eintrag zu «Luzifer» druckte er sich komplett aus, in Onlineshops bestellte er sich Buch um Buch. Das «Liber Null» von Peter Carroll zum Beispiel, das Standardwerk in der okkulten Strömung der Chaosmagie. Deren Anhänger glauben, dass die menschliche Psyche magische Kräfte birgt, die sich mittels Rituale steuern lassen. Oder «Magick, Band 1» von Aleister Crowley, einem britischen Okkultisten.

Manchmal verschwand Manuel mit dem Campingstuhl im Wald, um zu meditieren. Manchmal nahm er für ein ­Ritual einen Freund und eine Flasche Absinth mit. Zu Hause machte er sich To-do-Listen: Bis Tag X wollte er ein bestimmtes Buch gelesen haben, sei es «Die Rothschilds – eine Familie beherrscht die Welt», sei es «Geheimgesellschaften 3 – Krieg der Freimaurer». In dieser Hinsicht sei er sehr diszipliniert gewesen, sagt Erika Müller.

Helle Energie, dunkle Energie

Georg Otto Schmid kennt Carroll und Crowley, deren Bücher stehen auch bei ihm im Regal. Der Theologe leitet die Informationsstelle Relinfo; er ist einer der wenigen Schweizer Intellektuellen, die sich mit Okkultismus auseinandersetzen. Schmid beschäftigt sich jährlich mit einem Dutzend Fälle, meist sind es Teenager oder junge Erwachsene. Oft sind sie im Alltag überfordert. Mit den Kräften, die sie sich vorstellen, wollen sie die Welt steuern. Ihre Probleme weghexen.Bei Manuel sieht der Spezialist typische Merkmale. Erstens: Er war ein Einzelgänger. Schmid sagt: «Okkultisten sind extreme Individualisten. Jeder schneidert sich aus den verschiedenen Strömungen sein persönliches Weltbild zusammen.» Zweitens: Manuel brachte sich Yoga-Übungen bei, wollte aber keinesfalls einen Kurs besuchen. «Yoga dient Okkultisten zur Zähmung des Geistes, sie wollen sich selbst besser kontrollieren können», sagt Schmid. «Das Religiöse interessiert sie nicht, es geht nur um die Technik.» Drittens fällt die Kombination esoterische Mutter und okkultistisches Kind auf. «Das sehe ich immer wieder. Einmal sagte mir eine Frau wörtlich: ‹Ich habe es eben mit der hellen Energie, mein Sohn mit der dunklen›.»

Der Religionswissenschaftler unterscheidet zwei Arten von Okkultisten. Den einen geht es vor allem um die Provokation. «Da hängt vielleicht ein Black-Metal-Poster im Zimmer, aber das ist es dann auch.» Das Problem sind die anderen – jene, welche die Lehren ihrer Vorbilder ernst nehmen. Dann könne es zu Wahnvorstellungen, psychischen Zusammenbrüchen oder Gewaltexzessen kommen. «Wenn Sie einen eigens eingerichteten Ritualraum vorfinden, dann gilt Alarmstufe Rot.»

«Wenn Sie einen Ritualraum vorfinden, gilt Alarmstufe Rot.»Georg Otto Schmid, Sektenspezialist

Manuel strich Wände und Decken eines Zimmers seiner Wohnung schwarz. Den Boden legte er mit schwarzem Teppich aus. Ein Vorhang verdunkelte das Fenster, daran war eine Fahne befestigt, auf der ein Pentagramm prangte. Selbst die weisse Lichtschalterabdeckung montierte er ab. So beschreibt Erika Müller den Raum. Dominierendes Möbelstück war ein Tisch, der als Altar diente, darauf verbrannte er Weihrauch. Am Boden stand die Halterung eines Schwerts. Schmid: «Das Schwert ist neben Stab, Kelch und Pentagramm eines von vier wichtigen magischen Werkzeugen.»

Seine Mutter entdeckte das Zimmer erst nach seinem Tod, als sie die Wohnung räumte. «Das passt», sagt Schmid. «Fremde Personen dürfen solche Räume nicht betreten, sonst müssen sie neu geweiht werden, was aufwendig sein kann.»

Manuel lebte nicht nur okkultistische Überzeugungen. Er war auch ein «Prepper» – also jemand, der eine gesellschaftliche Katastrophe nahen sieht und sich darauf vorbereitet. Er kaufte Monats­rationen an Überlebensnahrung, ­beschaffte sich eine Pistole (legal, mit Waffenerwerbsschein). Den Fernseher überliess er seinen Eltern, weil er sich nicht mehr manipulieren lassen wollte; soziale Netzwerken mied er, weil er fürchtete, überwacht zu werden. Seiner Mutter empfahl er, einen Pfefferspray zu kaufen, «aber nicht so einen kleinen für die Handtasche, sondern einen ­richtigen», wie Erika Müller erzählt. Die Ukrainekrise ab 2014 machte ihm schwer zu schaffen, er fürchtete den Ausbruch des dritten Weltkriegs. Seine Familie drängte er, ebenfalls Notvorräte anzulegen.

«Freundlich, sehr hilfsbereit»

Die Mutter erinnert sich an einen Dokfilm, den er ihr auf seinem Laptop zeigte. Darin hiess es, dass «Salafisten wie Bomben in Europa verstreut» würden – «der Kontinent wird zersplittert. Wir sind nahe am Krieg.» Wie auch ein Nachbar in Dübendorf bestätigt, schimpfte Manuel über Salafisten, über «diese Männer mit langen Bärten». Mit dem Islam allgemein hatte er aber laut Erika Müller kein Problem, eher verteidigte er Muslime als «Missverstandene».

Am Arbeitsplatz hielt sich Manuel mit seinen Theorien zurück. Drei Arbeit­gebern, mit denen der «Tages-Anzeiger» sprach, war nichts aufgefallen. Bis letztes Jahr arbeitete er als Hauswart, in einem Zeugnis wird er als «stets freundlich und sehr hilfsbereit» beschrieben. Seine Arbeitsqualität sei «ordentlich».

Im Sommer 2016 verschärfte sich die Lage. Er verlor seinen letzten festen Job, grub sich tiefer in seine Welt hinein. «Einmal versuchte ich eine Woche lang, ihn zu erreichen, er rief nie zurück», erzählt Erika Müller. Als sie ihn in Dübendorf aufsuchte, merkte sie, dass er nicht einmal sein Telefon aufgeladen hatte, auch die Rechnung war nicht bezahlt. «Da machte ich mir richtig Sorgen.»

Externe Hilfe habe sie sich aber nicht geholt, sagt Erika Müller. Auch die Frage, ob Manuel psychisch krank sein könnte, sei am Familientisch nicht aufgetaucht. Georg Schmid sagt, in solchen Situationen bringe es nichts, das Weltbild eines Betroffenen zu kritisieren. «Das würde nur zum völligen Abbruch des Kontakts führen. Man sollte sich die Frage stellen: Wie kann ich der Person positive Erlebnisse schenken?»

Das versuchte Erika Müller. Sie erzählt, wie sie mit Manuel ins Kino ging, ihn zum Znacht in ein Restaurant einlud, mit ihm einkaufte, wenn sein Portemonnaie leer war. Noch im Dezember 2016 ging die Familie in ein Fotostudio, um jene Bilder machen zu lassen, die jetzt in der Stube zu sehen sind. Das Weihnachtsfest 2016 war fix geplant – mit Manuel als Gast.

Die Fragen der Angeschossenen

Einen Teil seines letzten Wochenendes verbrachte Manuel bei seiner früheren Freundin. Auf Anfrage verzichtet sie darauf, für dieses Porträt Auskunft zu geben. Auch die Familie des Opfers in Schwamendingen möchte nichts sagen.

Die drei Angeschossenen haben inzwischen das Spital verlassen. Sie kritisieren, dass sie im Dunkeln gelassen werden, dass sie keine Hintergründe erfahren. Die Justiz gibt seit der ersten Pressekonferenz keine Informationen mehr bekannt. Eine Sprecherin schreibt, man habe die Opfer befragt und stehe mit deren Vertretern in Kontakt. Der Anwalt eines Betroffenen sagt aber, er habe bisher keine Einsicht in das Dossier nehmen können. Manuels Tat bleibt für die drei Verletzten ein ungelöstes Rätsel.

Warum ihr Sohn am Freitag, dem 16. Dezember, um zehn Uhr seinen Arbeitsplatz im Baumarkt verliess, warum er am Sonntag auf einen früheren Kollegen einstach, warum er bewaffnet in das islamische Zentrum stürmte, ist für Erika Müller bis heute vollkommen unverständlich. Darauf angesprochen, schweigt sie. «Ich glaube heute, er hatte eine Art Psychose, einen Schub», sagt sie schliesslich. «Mir tut alles so leid.»

Einige Wochen nach dem Interview schickt sie per SMS Fotos, die sie am 13. Januar gemacht hat. Sie zeigen ein umgegrabenes Stück Waldboden, davor eine leere Urne. Auf die bröckelige Erde hat jemand einen Blumenstrauss gelegt, Rosen und Freesien. Daneben leuchtet ein weisses Grablicht.

* Name der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 21:53 Uhr

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