So vielseitig sind die Wände gegen das Böse

Lärmschutzwände haben zwar alle denselben Zweck. Gestalterisch sind sie aber ein reines Tummelfeld, besonders an der Rosengartenstrasse.

Lärmschutzwände an der Rosengartenstrasse kennen keine kreativen Grenzen.

Lärmschutzwände an der Rosengartenstrasse kennen keine kreativen Grenzen. Bild: Urs Jaudas

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Stadtbild, Nr. 014 – Zürichs Strassen säumen zahlreiche Mauern, die nicht besonders schön sind und hinter denen auch nicht gewohnt wird. Sie dienen einzig zur Abwehr des Bösen, Lästigen, Schädlichen, damit dahinter ein einigermassen angenehmes Leben möglich ist – ein Leben ohne Lärm.

«Zürich ist eine lebhafte, aber auch laute Stadt.» Das ist so festgehalten auf der Website des Gesundheitsdepartements zum Thema Lärm. Und weil zu viele Dezibel die Gesundheit schädigen, will die Stadt den Lärm, wo möglich, reduzieren.

Der Strassenverkehr ist in Zürich der grösste Lärmverursacher. Deshalb verwundert es nicht, dass an der Rosengartenstrasse besonders viele Wände stehen, die Dezibel schlucken sollen. Hier zeigt sich auch, dass das Gestalten dieser Wände durchaus kreatives Potenzial freisetzt, was etwa Höhe, Beschaffenheit, Material und Gestaltung angeht.

Gerillt, vertieft und ein bisschen Glas

Wenn schon abschotten, dann kunstvoll, müssen sich die Eigentümer auf halber Höhe des Anstiegs zum Bucheggplatz gedacht haben. In der Mitte eines langen Betonsockels schwebt ein Quader über einer gerillten Betonwand, die beidseitig von Elementen mit quadratischen Vertiefungen flankiert wird. Den Abschluss bilden zwei versetzte Glieder aus Glas und Beton. Nach Jahren der Belastung durch Fahrzeuge und Sonnenlicht ist das Kunstwerk aber zum Gebastel verblasst.

Nach Jahren der Belastung durch Fahrzeuge und Sonnenlicht ist das Kunstwerk aber zum Gebastel verblasst.

Dass ein Lärmschutz auch ohne verschiedene Elemente wirken kann, zeigt die Wand an der Ecke Wibichstrasse: schlichtes Holz in Längsstruktur, einige Fenster. Fertig. Diese Bewohner mögen signalisieren, dass sie sich an der meistbefahrenen Strasse der Stadt ein Stück heimelige Wohligkeit nicht nehmen lassen. Sie wollen dem Lärm wohl auch mit der ökologischsten Wandlösung trotzen, wie eine Studie des Astra kürzlich gezeigt hat.

Eierkartons zum Rechnen

Tristesse in Reinkultur liess ausgerechnet die Stadt walten. Die Wand vor dem Primarschulhaus Nordstrasse besteht einzig aus grauem Lavabeton mit quadratischen Vertiefungen. Grossflächig ähneln sie Eierkartons. Vermutlich wollten die Behörden mit diesem Modell die Schülerschaft dazu animieren, anhand der Quadrate Rechenaufgaben zu lösen.

Lärmschutz kann auch schlicht und gemütlich daherkommen. Bild: Urs Jaudas

Auf transparente Abschottung setzen die Hausbesitzer im untersten Teil der Strasse. Sie haben ein Modell mit leicht versetzten Elementen aus Glas im unteren und Metall im oberen Teil gewählt. Zwischen den von Feinstaub gezeichneten Häusern wirkt die Wand wie ein moderner Fremdkörper. Diese Eigentümer wollen nicht nur das Licht in ihren Lebensraum lassen, sondern der Quelle des Bösen ins Auge sehen.

Stadt favorisiert Tempo 30

Auch wenn die Stadt Eigentümer in den letzten Jahren dazu angespornt hat, die Wände aus Rücksicht auf die Gesundheit der Bewohner zu bauen, wirklich genehm sind sie der Stadt nicht – weil sie eben nicht ins Stadtbild passen. Lärmschutzfenster und lärmvermindernde Massnahmen, die das Problem an der Quelle lösen, sind ihr genehmer. Etwa ein Strassenbelag, der Lärm schluckt, und vor allem Tempo 30.

Gäbe es dereinst eine solche Temporeduktion an der Rosengartenstrasse, brauchte es auch diese baulichen Folgen der 50-jährigen Stadtzerstörung nicht mehr. Ob es um den fehlenden Tummelplatz für Planer schade wäre? Sie würden mit Sicherheit ein anderes finden.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und die unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 15.01.2020, 17:47 Uhr

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