Wie die Zürcher früher wohnten

Halb so viel Platz, kein eigenes Bad: Bilder aus einer Zeit, als die Menschen noch in «feuchten, schmutzigen Löchern» hausten.

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Die Zürcher Bevölkerung wächst und wächst, also wird auch dauernd gebaut. Anfang 2018 gab es rund 222’000 Wohnungen in der Stadt – siebenmal mehr als noch vor 125 Jahren. Die Zahl der Wohnungen in Zürich ist über die Jahrzehnte kontinuierlich gestiegen, mit einem Sprung 1934, als acht weitere Vorortsgemeinden mit der Stadt fusioniert haben, und einem zweiten 1993, als neu auch Studiowohnungen mitgezählt wurden.

In den letzten 125 Jahren haben sich die Gebäude stark verändert, wie historische Bilder zeigen, welche die Stadt Zürich publiziert hat. Von bürgerlichen Häusern mit Gärten über dichte Blockrandbebauungen und Zeilenbebauungen quer zu den Strassen bis zur gruppierten Siedlungsbebauung inklusive Hochhäuser: In Zürich sind die verschiedensten historischen Bautypen nebeneinander vertreten. Die folgende Bildstrecke gibt einen Einblick in die Entwicklung seit 1885.

Zu verschiedenen Zeiten wurden nicht nur unterschiedliche Häusertypen, sondern auch verschiedene Wohnungstypen gebaut. Ab den frühen 1950er-Jahren bis 1980 machten Ein- und Zweizimmerwohnungen rund die Hälfte aller neuen Wohnungen aus. In der Folge stieg der Anteil derjenigen mit drei und mehr Zimmern wieder an, unter anderem auch aktiv gefördert von der Stadt Zürich, zum Beispiel mit den Legislaturschwerpunkten «10’000 Wohnungen in 10 Jahren» (ab 1998) und «Wohnen für alle» (2002–2006).

In den letzten zehn Jahren wurden wieder mehr Zweizimmerwohnungen erstellt. Der Anteil der Drei- und Vierzimmerwohnungen bleibt hoch. Ein Rückgang ist seit rund 15 Jahren bei noch grösseren Wohnungen festzustellen.

Aber wie hausten eigentlich die Zürcherinnen und Zürcher vor 125 Jahren in ihren Wohnungen, die meist drei oder vier Zimmer umfassten? Mit dem heutigen Komfort hatte das nichts zu tun. Damals gab es in der Stadt noch viele dunkle, unhygienische Hinterhofwohnungen und einen hohen Anteil schlecht ausgestatteter Bleiben (siehe Bildstrecke ganz oben).

Zeitzeugnisse sprechen von einen «schreienden Uebelstand». In «feuchten, engen, dunklen, schmutzigen Löchern» würden Menschen wohnen, in denen «im Interesse der Gesundheit und Leistungsfähigkeit kein Pferd, nicht einmal ein Hund einlogiert würde».

80 Prozent der neu erstellten Wohnungen hatten nicht einmal ein eigenes Bad. Das wurde erst ab den 1930er-Jahren zum Standard.

Anfang des 20. Jahrhunderts verbesserte sich die Wohnungsausstattung massiv: Grafische Darstellung aus den 1930er-Jahren. (Bild: Stadt Zürich)

An der Wende zum 20. Jahrhundert gab es ausserdem noch das sogenannte «Schlafgängerunwesen»: Wohnungsbesitzer nahmen aus finanzieller Not Untermieterinnen und Untermieter auf. Es wurden nicht nur ganze Zimmer untervermietet, sondern auch einzelne Schlafplätze. Die Bettstellen wurden teilweise im Acht-Stunden-Rhythmus vermietet.

So ist es nicht erstaunlich, dass die Wohnungen früher viel stärker belegt waren. Im Jahr 1896 lebten durchschnittlich über fünf Personen in einer Wohnung – mehr als doppelt so viele wie heute, obwohl die Wohnungen heute grösser sind. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs sank dieser Wert kontinuierlich auf weniger als zwei Personen im Jahr 2005.

Seit 2006 ist wieder ein leichter Anstieg bei der durchschnittlichen Personenzahl pro Wohnung zu beobachten. Laut den Behörden rücken die Zürcherinnen und Zürcher unter dem anhaltenden Preis- und Bevölkerungsdruck etwas zusammen. Eine Einzelwohnung können sich schlicht nicht alle leisten.

Das ist nichts Neues: Die Wohnkosten in der Stadt geben schon ewig zu reden. Seit Beginn der Erhebung im Jahr 1914 gab es nur vier Jahre mit einem sinkenden Mietpreisindex. Meist aber stieg der Index stark an, etwa ab den 1960er-Jahren bis Mitte der 1970er-Jahre oder von 1980 bis 1993 und 2005 bis 2009.

Trotz der steigenden Mietpreise wächst die Einwohnerzahl der Stadt seit Mitte der 90er-Jahre konstant. Und mehr Wohnungen für mehr Menschen bedeutet eine Verdichtung der Wohngebiete. Die Stadt versucht, wenn möglich, bestehende Siedlungen neu und dichter zu bebauen wie beispielsweise in Unterstrass oder frei werdende Industrieareale zu nutzen wie in Schwamendingen.

Vorher-nachher: Die Siedlung «Brunnenhof» in Unterstrass in den Jahren 1933 und 2011. (Bilder: Stadt Zürich)

Vorher-nachher: Die Siedlung «Mehr als Wohnen» in Schwamendingen 2009 und 2016. (Bilder: Stadt Zürich)

An den hohen Mietpreisen in Zürich ändert diese Verdichtung allerdings nichts. Statistik Stadt Zürich hat für die Jahre 2011 bis 2015 die Zahlen von 30’000 Haushalten ausgewertet und die folgenden gesamtstädtischen Durchschnittsmieten ausgerechnet:

  • Für eine Zweizimmerwohnung, gemeinnützig vermietet: 915 Franken
  • Für eine Zweizimmerwohnung, nach Marktpreis vermietet: 1341 Franken
  • Für eine Dreizimmerwohnung, gemeinnützig vermietet: 1016 Franken
  • Für eine Dreizimmerwohnung, nach Marktpreis vermietet: 1586 Franken
  • Für eine Vierzimmerwohnung, gemeinnützig vermietet: 1400 Franken
  • Für eine Vierzimmerwohnung, nach Marktpreis vermietet: 2000 Franken

Am meisten kostet der Quadratmeter mit Abstand im Kreis 1, gefolgt von den Kreisen 8 und 6. Am billigsten wohnt man im Kreis 12. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2018, 08:31 Uhr

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