«Solange er verhandelt, ist eine Lösung denkbar»

Wie verhandelt die Polizei mit einem Geiselnehmer? Professor Leo Staub erklärt das generelle Vorgehen.

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Wie nimmt ein Verhandlungsführer der Polizei Kontakt auf mit einem Täter?
Die genauen und konkreten Umstände, die die Polizei in Zürich vor Ort angetroffen hat, kenne ich nicht. Darum kann ich die Frage nur allgemein beantworten. Ein Verhandlungsführer versucht, den Geiselnehmer direkt anzusprechen. Wenn ihm das tatsächlich gelingt, hat er schon viel erreicht – er hat ein Gespräch eröffnet. Dann muss er in Erfahrung bringen, was der Geiselnehmer genau will, was seine Motive und Probleme sind. Bei einer Geiselnahme nach einem verpatzten Raubüberfall ist die Verhandlungssituation ganz anders, als wenn jemand nach einem persönlichen Drama Geiseln nimmt. Beim Fall des Raubüberfalls reagiert der Täter möglicherweise rationaler.

Wie gross ist der Druck auf den Verhandlungsführer in diesem Moment?
Der ist enorm, er hat eine riesige Verantwortung. Einerseits sieht er die Bedrohungslage, die nach einer möglichst schnellen und für die Geiseln günstigen Lösung verlangt, andererseits muss er das Vertrauen des Geiselnehmers gewinnen. Er muss mit ihm im Gespräch bleiben. Denn solange er mit ihm verhandelt, ist eine Lösung denkbar.

Das heisst, er muss mit dem Geiselnehmer ununterbrochen im Kontakt sein?
Ja, das ist enorm wichtig. Der Kontakt soll aber nicht nur kontinuierlich sein, sondern sich auch weiterentwickeln. Der Verhandlungsführer ist das Gesicht und das Sprachrohr für das Verhandlungsteam. Von seiner Gesprächsführung hängt es ab, ob das Verhandlungsteam Zeit und Optionen für Entscheidungen erhält. Der Verhandler ist ja nicht der, der entscheidet, wie es weitergeht. Das Verhandlungsteam im Hintergrund analysiert die Situation laufend und gibt dem Einsatzleiter der Polizei Empfehlungen zum weiteren Vorgehen ab. Dieser entscheidet dann zum Beispiel, ob interveniert oder noch zugewartet wird.

Wie wird ein Verhandlungsführer auf eine solche Situation hin geschult?
Verhandler werden intensiv geschult, theoretisch und praktisch. Es werden Kenntnisse unterschiedlicher Verhandlungsmethoden vermittelt, die je nach Situation zum Zug kommen. Ein erfahrener Verhandler weiss, welche Methoden er in welchem Fall und wann während des Verhandlungsprozesses einsetzen muss.

Können Sie Beispiele nennen?
Es gibt Methoden, etwa jene nach Harvard, die ein Win-win-Ergebnis anstrebt, und die vor allem nützlich zur Strukturierung des Verhandlungsprozesses ist. Dann gibt es den organisationspsychologischen Ansatz des systemischen Verhandelns. Diese Methode hat ihre Stärke, wenn es darum geht, die Interaktion zwischen Verhandler und Geiselnehmer so zu gestalten, dass der Geiselnehmer ein gewisses Vertrauen in den Verhandler fasst. Der Geiselnehmer soll einen Ausweg aus seiner Situation erkennen können. Eine nach Matthias Schranner benannte Methode wiederum ist vor allem nützlich, wenn in Extremsituationen wie eben einer Geiselnahme nach strategischen und taktischen Möglichkeiten gesucht werden muss, die aus scheinbar ausweglosen Situationen herausführen.

Welche Voraussetzungen muss ein Verhandlungsführer mitbringen?
Es braucht eine gut ausbalancierte, abgerundete Persönlichkeit, die ihre Emotionen gut im Griff hat. Die Person muss methodisch geschult sowie analytisch stark sein und unter enormem Druck und grossem Stress überlegt handeln können. Und ihr muss es gelingen, das Vertrauen des Gegenübers zu gewinnen, sie muss also über eine hohe soziale und emotionale Intelligenz verfügen.

Oftmals verlaufen die Verhandlungen erfolgreich, heute war das leider nicht der Fall. Werden Verhandlerinnen und Verhandler danach speziell betreut?
Die Verhandlungsperson und das ganze Verhandlungsteam sind einer extremen emotionalen Belastung ausgesetzt. Beim Debriefing ist es wichtig, dass die Beteiligten die Verhandlungssituation im Beisein von Fachleuten, oft Psychologen, von Anfang bis Schluss durchspielen, sich bei jeder Teilsituation überlegen, ob sie die richtigen Entscheidungen getroffen haben, und welche Alternativen es in einzelnen Situationen gegeben hätte. Wenn das Debriefing ergibt, dass alles korrekt und nach den Regeln der Kunst abgelaufen ist, dann ist das Erlebnis wenigstens verarbeitbar. Belastend bleibt es trotzdem. Schliesslich kommt es sehr auf die Persönlichkeit an, wie der Einzelne damit umgeht.

Erstellt: 31.05.2019, 17:58 Uhr

Zur Person

Leo Staub ist Rechtsanwalt und Professor an der Universität St. Gallen. Er unterrichtet unter
anderem im Weiterbildungslehrgang Certified Global Negotiator (CGN) der HSG.

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