Solarboom – Gemeinden hängen rot-grüne Städte ab

Am meisten Potenzial, am wenigsten Anlagen: Zürich und Winterthur bleiben im Schatten der Landgemeinden.

Ein häufiger Anblick auf dem Land: Anlagen auf Einfamilienhäusern nehmen stark zu. Foto: Urs Jaudas

Ein häufiger Anblick auf dem Land: Anlagen auf Einfamilienhäusern nehmen stark zu. Foto: Urs Jaudas

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Das Wachstum ist beeindruckend: Seit dem Jahr 2012 hat sich die Zahl der Solaranlagen im Gebiet der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) von 989 auf 3873 vervierfacht. Zurückzuführen ist der Boom unter anderem auf die stark gefallenen Preise. In den letzten zehn Jahren sind die Kosten für eine Anlage um 80 Prozent gesunken.

«Strom vom eigenen Dach ist keine Sache mehr nur für Idealisten», sagt EKZ-Sprecher Noël Graber. Man sei heute stolz darauf, den eigenen Strom zu produzieren. Vor allem Junge setzten vermehrt auf Solarstrom. Die Solaranlage übernimmt gemäss EKZ auch die Funktion eines Statussymbols. Graber sagt: «Wenn der Nachbar eine hat, will man auch eine.»

Umland überholt Städte

Doch der Solarboom zieht an Zürich und Winterthur vorbei: Während in ländlichen Gemeinden, etwa in Dättlikon, ein Sonnenkraftwerk auf 37 Personen kommt, und in Waltalingen eines auf 38, so sind es in Winterthur 271 Stadtbewohner, in Zürich 586, die sich eine Anlage teilen.

Fairerweise muss man aber auch erwähnen, dass Menschen in der Stadt dichter aufeinander leben: Mehr Menschen als auf dem Land teilen sich die geeigneten, nach Süden ausgerichteten Dachflächen.

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Doch auch wenn man dies berücksichtigt, wenn man also die Solaranlagen nicht auf die Einwohnerzahl, sondern auf die Siedlungsfläche bezieht, hat das Umland seit 2012 die grossen­ Städte überholt: In den Grenzen der Stadt Zürich befanden sich Ende des letzten Jahres 695 Anlagen, im Umland waren es mit 3873 Anlagen überproportional mehr. Auch beim relativen Wachstum fallen die Städte ab: Haben sich auf EKZ-Gebiet die Anlagen in den vergangenen 5 Jahren vervierfacht, so schafften es die Städte Zürich und Winterthur in der gleichen Zeit gerade einmal, ihre Anlagen zu verdoppeln.

Harry Graf, Sprecher des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ), mag über die Gründe nur spekulieren: «In der Stadt haben wir viele ältere Gebäude mit komplexeren Dachkonstruktionen, die für Anlagen nicht geeignet sind.» Zudem lohne es sich bei älteren Flachdächern, von denen es in Zürich viele gebe, aus wirtschaftlichen Gründen nicht, eine Anlage zu realisieren.

Mehr Überzeugungsarbeit

Maddalena Pellegrino von Stadtwerk Winterthur vermutet als weiteren Grund für das Schwächeln der Städte die Siedlungsstruktur: «Der Anteil Einfamilienhäuser ist im Verhältnis zur Einwohnerzahl in Städten signifikant tiefer als in ländlichen Gegenden.» Wünschen sich Mieter in der Stadt eine Solaranlage, müssen sie erst den Hauseigentümer überzeugen. Auch bei Stockwerkeigentum reden mehrere Parteien mit, sind die Entscheidungswege länger, die Aussicht auf Erfolg ist also geringer.

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Der Weg, bis eine Anlage auf dem Dach installiert und administrativ abgewickelt ist, sei generell lang, sagt Pellegrino. Auch brauche es einiges an Wissen, um bestimmen zu können, wie gross die Anlage für die eigene Situation idealerweise sei. «Die richtige Anlage für ein Mehrfamilienhaus zu finden, ist komplexer als für ein Einfamilienhaus.»

Diese Erklärung wird auch von Zahlen gestützt: So haben 2017 die Anlagen auf Einfamilienhäusern um 30 Prozent zugenommen, bei Mehrfamilienhäuser um 14 Prozent.

Damit auch Mieter ohne grosse Umwege zum «eigenen» Solarstrom kommen, hat das Stadtzürcher EWZ 2015 die erste Solaranlage mit Bürgerbeteiligung auf dem Dach des Schulhauses Buchlern in Altstetten gebaut. Beim «Solarzüri» genannten Produkt erhalten Kunden für einmalig 250 Franken pro Quadratmeter 20 Jahre lang jährlich 80 Kilowattstunden Strom. Bereits sind weitere Anlagen realisiert, doch nun muss die Stadt aus Mangel an weiteren geeigneten Dachflächen eine Pause einlegen. Erst im Herbst kann es mit neuen Anlagen weitergehen.

Stadtwerk Winterthur setzt vermehrt auf die Finanzierung kleinerer Anlagen, um seinem Auftrag nachzukommen. Das Potenzial für Grossanlagen sei in Winterthur beschränkt, und heute seien wegen der gesunkenen Preise auch kleinere Anlagen wirtschaftlich, sagt Sprecherin Pellegrino. Das Winterthurer Stimmvolk hat 2012 einen 90-Millionen-Kredit für Investitionen in erneuerbaren Strom bewilligt. Unter anderem muss Stadtwerk damit in wirtschaftliche Anlagen im Raum Winterthur investieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 21:32 Uhr

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