Soll in ganz Zürich bald Tempo 30 gelten?

Das Bundesgericht erlaubt der Stadt Zürich Dutzende neue Tempo-30-Zonen, auch auf Hauptstrassen.

Sind 30er-Zonen ruhiger und ungefährlicher oder ein Zeichen für gebremste Dynamik? Foto: Samuel Schalch

Sind 30er-Zonen ruhiger und ungefährlicher oder ein Zeichen für gebremste Dynamik? Foto: Samuel Schalch

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Ja

Sie sind die Herrscher der Stadt, bestimmen über Leben und Tod, dominieren den öffentlichen Raum, trennen Quartiere, verdrecken die Luft, vertonen ihre Macht mit Lärm – Autos.

Das kann sich sonst keiner erlauben. Eine Bar, die nur halb so viel Krach machte wie die Rosengartenstrasse, würde sofort geschlossen. Jede ähnlich gefährliche Tätigkeit – im Stadtzürcher Verkehr starben letztes Jahr fünf Menschen, 241 verletzten sich schwer – würde die Politik stark einschränken. Aber die blecherne Macht schrumpft. Das Bundesgericht hat in Zürich Dutzende neue Tempo-30-Abschnitte erlaubt, auch auf Hauptstrassen. Grund dafür ist der Lärmschutz.

«Für Anwohner erklären sich die Vorteile der Verlangsamung von selber: weniger Lärm und weniger Gefahr».

Autoverbände, die gegen die Pläne geklagt hatten, halten das für einen Vorwand. Es gehe den Linken um mehr: um die flächendeckende Verlangsamung. Damit haben die Rechten recht, viele Linke wollen die Tempo-30-Stadt. Und das ist gut so.

Es gibt kein Menschenrecht, mit 53 Kilometer pro Stunde durch stark bewohntes Gebiet zu brettern. Das ist eine veraltete Vorstellung aus der Tempomoderne – jener Denkrichtung, welche die Innenstädte zu Büro- und Shoppingwüsten veröden wollte. Diese Pläne scheiterten, nur die vielen Autos sind davon übrig geblieben. Für Anwohner erklären sich die Vorteile der Verlangsamung von selber: weniger Lärm und weniger Gefahr – die Todesquote von Fussgängern, die von einem Auto gerammt werden, liegt bei 30 km/h sechsmal tiefer als bei 50 km/h. Dafür gibts mehr zugänglichen Raum. 30er-Strassen sind keine Todeszonen mehr, sie wachsen ein wenig mit der urbanen Umgebung zusammen.

Selbst für die Autofahrer bringt die Entschleunigung Vorteile. Das ständige Gasgeben und Abbremsen fällt weg, der Verkehr fliesst langsamer, aber gleichmässiger. Und überhaupt: Ist es wirklich ein Problem, wenn man sieben Minuten länger braucht, um Zürich per Auto zu durchqueren? Wer das findet, kann immer noch das Tram nehmen. Der ÖV soll sein Tempoprivileg behalten – Belohnung für seine Effizienz.

Auch in der Tempo-30-Stadt bleibt das Auto König. Seine Herrschaft würde nur eingeschränkt und erträglicher gemacht. Wobei das gleich zum nächsten Problem führt: Die meisten Menschen wollen an Orten leben, wo Autos gemächlicher fahren. Die Folge: Die Wohnpreise in den befreiten Zonen steigen rasant.

Die Tempo-30-Stadt reicht auch deshalb nicht. Es braucht die Tempo-30-Agglo.

Nein

Tschlin im Unterengadin ist der ruhigste Ort der Schweiz. Wenn das Dorftelefon auf dem Hauptplatz mal läutet, erschrecken die Tschliner. Das beschreibt die Bündner Tourismuswerbung so sympathisch, dass wir ihr das gerne glauben.

Zürich dagegen ist lärmig. So lärmig, dass mehr als ein Viertel der Zürcherinnen und Zürcher vom Verkehr lauter beschallt wird, als es die Lärmschutzverordnung dekretiert. Aber warum leidet dann Tschlin unter Landflucht? Während Zürich wächst und wächst und wächst, von 350'000 Personen 1990 auf heute 420'000? Die Antwort ist natürlich einfach. Tschlin hat einen Dorfladen, eine Brauerei und ein paar Bauernhöfe.

«Das Problem ist das sture Festhalten an einer Massnahme, von der nicht einmal sicher ist, ob sie den gewünschten Effekt hat».

Zürich dagegen hat ... Sie wissen schon. Man kann gar nicht alles aufzählen, was das Leben in der Stadt so lebenswert macht. Darum ziehen immer mehr Leute hierher.

Aber wenn man schon mal hier ist, fällt es nur zu leicht, zusätzlich zu allen urbanen Vorteilen auch noch ländliche Idylle einzufordern. Ein Leben ohne Lärm dürfe nicht das Privileg der Landbevölkerung sein, sagt die zuständige Stadträtin. Den motorisierten Verkehr abzuwürgen, ist darum offizielle Politik. Das geht bis zur Forderung nach der autofreien Stadt, einer gesetzeswidrigen Fantasie, der das Stadtparlament kürzlich grünes Licht gegeben hat.

Umso gesetzestreuer gibt man sich dafür bei Tempo 30. Die Lärmschutzverordnung und das Bundesgericht würden keine andere Wahl lassen als die flächendeckende Ausdehnung des Temporegimes, heisst es. Das Problem ist dabei nicht die hehre Absicht des Lärmabbaus, sondern das sture Festhalten an einer Massnahme, von der nicht einmal sicher ist, ob sie den gewünschten Effekt hat.

So wie viele Zuzüger in der Flughafenregion vergessen, dass es die lärmigen Jets sind, denen sie Arbeit und Wohlstand verdanken, vergessen viele Städter, dass es die Autos sind, die ihre Stadt gross gemacht haben und dynamisch erhalten. Dass man dank luxuriös ausgebautem öffentlichem Verkehr aufs eigene Auto verzichten kann, ist ja ebenfalls ein urbanes Privileg. Aber alle, die für ihre Arbeit oder ihr Gewerbe dennoch aufs Auto angewiesen sind, brauchen vernünftige Verkehrsverbindungen auf Strassen, die man vernünftig befahren kann.

Den Tschlinern braucht man das nicht lange zu erklären. In Tschlin fährt stündlich ein Postauto, das letzte um 18.39 Uhr.

Erstellt: 22.04.2018, 18:16 Uhr

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