Spartakus lebt, sogar in Zürich

Die Geschichte ist lange und kompliziert. Und jeden Tag kommt mehr Stoff dazu.

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In der S-Bahn sass ich neben zwei Jugendlichen, etwa im Alter, wo man die Matura macht. Ich glaube, sie kamen gerade aus einer Geschichtsstunde und fanden es eine Zumutung, dass sie so viele Namen und Einzelheiten lernen müssen, Ereignisse, die weit weg sind und schwer zu verstehen. «Ich habe den Faden verloren», sagte die junge Frau, «all diese Morde und Verschwörungen, dann dieser Aufstand.» «Spartakusaufstand», sagte der junge Mann.

Ihr Thema war offenbar Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, vor hundert Jahren, als das Kaiserreich zusammenbrach. Die Gesellschaft war aus den Fugen, die Arbeiter träumten vom kommunistischen Paradies und wollten die Macht übernehmen. Sie hatten sich organisiert im Spartakusbund, benannt nach dem Anführer des römischen Sklavenaufstands. Und wie Spartakus sind die Arbeiter gescheitert.

«All die Attentate», sagte die junge Frau, «Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg. Später der Rathenau? Ein Name nach dem anderen, drei Seiten nur Namen.» «Ein Satz im Geschichtsbuch genügte», sagte der junge Mann. «Sie könnten schreiben: Es gab zahlreiche Morde, von links und von rechts.»

Es ist schwierig, sich in die Zukunft oder die Vergangenheit zu versetzen.

Wahrscheinlich hat der Junge recht. Man muss sich aufs Wesentliche konzentrieren. Die grossen Zusammenhänge. «Big History», sagen heute die Gelehrten. Geht nichts anders, die Geschichte geht immer weiter, der Stoff wächst und wächst. Was allein schon seit meiner Schulzeit passiert ist: Der Fall der Mauer, der Krieg auf dem Balkan, die islamische Revolution. Für uns sind es Ereignisse, die wir irgendwie miterlebt haben. Für die Schülerinnen von heute sind es zusätzliche Namen und Jahreszahlen.

Es ist schwer, sich in andere Zeiten zu versetzen. Meine Buben sind mit dem Sonderzug der Fans an einen Match des FC Zürich gefahren. «Seid ihr auch an Auswärtsspiele gereist, als du jung warst?», fragten sie. «Ab und zu», sagte ich, «mit Autostopp.» Können sich die Buben einen Sonntagvormittag an der Ausfallstrasse beim Hardturm vorstellen? Die Leute, Jugendliche und auch Ältere, hielten Kartons mit ihren Reisezielen hoch, Marseille, Paris, Basel. Aber wir hätten uns auch nicht vorstellen können, dass die Fans einst gemeinsam an Spiele fahren, in einem Trainer, auf dem «Südkurve Zürich» steht.

Einmal hörte ich im Tram unterwegs zum Letzigrund, wie zwei Fans über ihre Lieblingsfilme sprachen, «Spartakus», sagte einer, «schlägt für mich alles.» Ein Name genügt. Big History.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 17.11.2019, 16:48 Uhr

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