Spiel der Provokateure

Im irrwitzigen Spiel um die Islamkonferenz des IZRS gewinnen die Provokateure. Verlieren tun wir.

IZRS-Generalsekretärin Ferah Ulucay und Nicolas Blancho inszenieren sich auf der Pressekonferenz.

IZRS-Generalsekretärin Ferah Ulucay und Nicolas Blancho inszenieren sich auf der Pressekonferenz.

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Ein witziges Bild: Ein knappes Dutzend Journalisten, bewaffnet mit Block und Kameras, gruppiert sich wie zum Start einer Schulreise an der Zürcher Tramhaltestelle Bahnhofquai. Mittendrin ein bärtiger Muslim. Fünf Minuten später zotteln ihm die Medienvertreter wie einem Klassenlehrer hinterher an den bis dahin noch immer geheimen Ort, an dem die Pressekonferenz des Islamischen Zentralrats stattfinden soll.

Lächerlich eigentlich, lustig ist es aber trotzdem nicht. Wenn ein Verein, der eine Veranstaltung durchführen will, durch eine ganze Stadt und schliesslich aus ihr hinausgejagt wird, ist das zum Heulen. Auch wenn es ein fundamental-religiöser Verein ist. Die Sau ist aus dem Dorf, doch gesiegt haben die Provokateure. Verloren hat die Zivilgesellschaft. Ein Irrweg in fünf Akten.

1. Auftritt Zentralrat

Der Islamische Zentralrat (IZRS) wählt für seine Friedenskonferenz einen prominenten Ort mit provokativem Namen: Das World Trade Center in Zürich-Oerlikon, modernes Gebäude. Er schmeisst die Werbemaschinerie an: Pathetisches Video, einladende Homepage, Flyeraktionen. Nichts am lautstarken Auftritt des IZRS lässt vermuten, dass der Rat eigentlich einen verschwindend kleinen Teil der Muslime in der Schweiz vertritt und seine fundamentalistischen Ansichten keineswegs mit denen der Mehrheit der Muslime übereinstimmen.

2. Die Boulevard-Pauke

Der «SonntagsBlick» wird auf die Konferenz aufmerksam. Provokation ist im Boulevard Programm: «Sie treffen sich im World Trade Center!», titelt die Zeitung am Sonntag, «radikale Muslime aus der ganzen Welt». Solche Headlines verkaufen sich gut. Die Faktenlage des Artikels ist aber eher dünn. Einer der zwölf Referenten soll «einen radikalen Islam» predigen und «mit Verherrlichern des Heiligen Krieges» verkehren – was auch immer das heissen mag. Auch die IZRS-Vorstandsmitglieder Nicolas Blancho und Naim Cherni sind als Redner eingeplant. Gegen sie ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Terrorverdacht aufgrund eines Interviews. Verurteilt ist aber niemand.

3. Der Sicherheitsdirektor

Noch am Sonntagabend schreitet der Zürcher Sicherheitsdirektor ein. Anstatt zu beruhigen, haut SP-Regierungsrat Mario Fehr auf die Law-and-Order-Pauke. Er appelliert an die «Zivilgesellschaft» und alle Privaten, man solle «solchen Leuten» keinen Raum zur Verfügung stellen. Wenn ein Sicherheitsdirektor so etwas sagt, kommt es einem Verbot nahe. Vielleicht hat sich Fehr damit für die nächsten Regierungsratswahlen ein paar Punkte gesammelt.

4. Die Verfolgungsjagd

Die Liegenschaft mit dem World Trade Center gehört ausgerechnet der Beamtenkasse BVK. Sie kuscht sofort und lädt die heiklen Gäste aus. Und gibt dem IZRS damit gleichzeitig Futter. Der Rat inszeniert sich als Opfer, verurteilt den Entscheid der BVK als inakzeptablen Eingriff in die Versammlungs-, Meinungsäusserungs- und Religionsfreiheit. Auf einer Pressekonferenz im Zürcher Hotel St. Gotthard an der Bahnhofstrasse will er über den neuen Veranstaltungsort informieren. Als der «Blick» dort anruft, wird auch hier die Direktion aufgeschreckt. Innert Stunden lädt das Hotel den IZRS für die Pressekonferenz wieder aus.

5. Der katastrophale Schlussakt

Doch der IZRS lässt sich einen Auftritt nicht nehmen. Um eine erneute Ausladung zu umgehen, wird der neue Austragungsort der Pressekonferenz nicht kommuniziert. Man besammelt sich am Bahnhof. Im Hotel Continental betreten schliesslich IZRS-Präsident Nicolas Blancho, Generalsekretärin Ferah Ulucay und Sprecherin Janina Rashidi die Bühne. Ihre Münder sind zugeklebt. «Versammlungsfreiheit», «Meinungsäusserungsfreiheit», «Religionsfreiheit», steht auf den Papierstreifen. Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Nicht die Radikalisierung der Muslime, sondern die Radikalisierung der Islamophobie sei das Problem, poltert Blancho nach der Performance. Er tönt auch bedrohlich: «Wir können nur alle hoffen, dass wir den Hass, den wir säen, nicht bald ernten.» Er gibt den neuen Austragungsort bekannt: Istanbul. Die Türkei als Vorbild für die Freiheit und freie Meinungsäusserung.

Die Freiheit hochhalten

Die Zeugen Jehovas füllen jedes Jahr das Hallenstadion. Die Freikirche ICF hat sich in Stettbach einen Tempel gebaut. Die Scientologen haben in Albisrieden ihr Plätzchen gefunden. In einer freien Gesellschaft haben fundamentale Ansichten Platz, solange die Gruppierungen mit ihrem Tun nicht Schweizer Recht verletzen. Die Aufregung um die Konferenz des IZRS steht in keinem Verhältnis dazu, was tatsächlich passiert ist.

Niemand darf zulassen, dass Provokateure, auch die in der Politik und in den Medien, zu ihrem eigenen Vorteil an den Grundfesten der freien Gesellschaft rütteln. Fundamentalismus bekämpft man am besten mit Werten wie Freiheit, freier Meinungsäusserung und Gleichberechtigung. Die hochzuhalten, liegt in der Verantwortung aller. Sicherheit zu gewährleisten, liegt in der Verantwortung der Strafverfolgungsbehörden. Diese müssen extreme Gruppierungen und deren Vertreter überwachen und eingreifen, wenn Tatbestände erfüllt werden. Reiner Verdacht genügt dafür nicht. Verbote bewirken das Gegenteil.

Oder um es mit Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten, zu sagen: «Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.»

Erstellt: 28.04.2017, 17:27 Uhr

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