«Spielplätze sind höchstens für kleine Kinder interessant»

Kindheitsforscherin Christiane Richard-Elsner glaubt, dass Zürcher Kindern die Bewegung im Freien fehlt. Verdichtung, Freizeitstress und Ganztagesbetreuung verstärkten den Trend.

«Es ist erwiesen, dass sich Kinder, die sich viel bewegen, besser konzentrieren können», sagt Forscherin Christiane Richard-Elsner. Foto: Getty Images

«Es ist erwiesen, dass sich Kinder, die sich viel bewegen, besser konzentrieren können», sagt Forscherin Christiane Richard-Elsner. Foto: Getty Images

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Sie kommen nach Zürich und ­erklären, warum die Hälfte unserer Kindergartenkinder keinen ­Purzelbaum mehr machen kann. Was ist denn los mit unseren ­Kindern?
Kinder bewegen sich heute viel zu wenig. Drei Stunden pro Tag wären ideal – für ältere Kinder eineinhalb Stunden. Drei Viertel der Kinder erreichen aber nicht einmal eine Stunde mässige bis intensive Bewegung pro Tag, die Mindestanforderung der WHO. Das zeigen Untersuchungen aus Deutschland und anderen westlichen Ländern, aber sie sind auf Zürich übertragbar.

Aber die Kinder haben heute dreimal die Woche schulischen Sportunterricht und besuchen dazu in ihrer Freizeit Sportkurse. Genügt das nicht?
Nein. Es fehlt die Alltagsbewegung in Form des Draussenspiels ohne Anleitung und eine eigenständige Mobilität. Kinder spielen immer weniger selbstständig im Freien, der Kinderlärm im Quartier hat deutlich abgenommen.

Warum diese Entwicklung?
Die Gesellschaft hat sich verändert. Wir wohnen nicht mehr da, wo wir arbeiten und wo wir unsere Freizeit verbringen. Die Wege sind länger geworden, Kinder sind bei der Mobilität auf die Begleitung der Erwachsenen angewiesen. Viele Erwachsene trauen Kindern nicht mehr zu, kurze Wege selbstständig zu gehen. Das führt bei ihnen zu einer Verinselung, sie halten sich eher im Innenraum auf, konsumieren Medien. Kommt dazu: Kein Wissenschaftszweig hat das Draussenspiel gründlich erforscht.

Welches ist Ihr Appell an die Eltern?
Verplant die Freizeit eurer Kinder weniger, gebt ihnen Zeit und lasst sie draussen spielen. Es gibt mehr Möglichkeiten, als man zunächst denkt. Und Kindern kann man durchaus mehr zutrauen, als Erwachsene gemeinhin denken. Wenn Kinder Risiken eingehen, dann tun sie das überlegt. Einige Erfahrungen müssen sie aber machen. Fallen lernen sie nur durch Fallen.

In Zürich gibt es das Angebot ­«Purzelbaum», um die Bewegung von Kindern zu fördern. Ihre ­Meinung?
Das ist zweifelsohne ein gutes Angebot, denn es setzt darauf, die Innen- und Aussenräume der Kindergärten bewegungsfreundlicher zu machen. Mit mehr Draussenspiel lernt ein Kind den Purzelbaum irgendwann von alleine, weil es durch die Umgebung dazu angeregt wird und andere Kinder nachahmt. Das Draussenspiel ist nicht einfach ein niedliches, wertloses Dahinspielen, sondern enorm wichtig für die kognitive, psychische und körperliche Entwicklung von Kindern. Es minimiert auch Rückenschäden oder die Kurz­sichtigkeit.

Welche Faktoren regen die Kinder an, sich zu bewegen?
Kinder haben grundsätzlich einen grossen Bewegungsdrang. Draussen haben sie den Raum dazu. Die Natur bietet viele Reize, sich zu bewegen und die Umgebung selbstständig zu erforschen. Das Tun draussen ist schon Bewegung genug. Dazu kommt die Interaktion mit Gleichaltrigen. Sie lösen bei den Kindern Gefühle aus, wodurch Kinder wiederum wertvolle, körperliche Erfahrungen machen.

Inwiefern wirkt sich Bewegung auf die schulischen Leistungen aus?
Es ist erwiesen, dass sich Kinder, die sich viel bewegen, besser konzentrieren können. Zudem lösen sich beim Draussenspiel viele Konflikte unter Kindern.

Bis in 15 Jahren wird in Zürich überall die Tagesschule eingeführt. Damit wird das freie Spiel draussen noch mehr zurückgehen.
Nicht, wenn bei der Gestaltung der Ganztagesbetreuung Zeit für eigenständiges Spiel und selbstständige Bewegung eingeplant wird. Es braucht zudem zwingend ungestaltete Räume auf dem Schulareal, wo die Kinder das Draussenspiel üben können. Etwa mit Büschen, Sand, Wasser und Steinen.

Die Pausenhöfe in der Stadt werden aber immer kleiner, sind verstellt mit Schulpavillons.
Das ist ein Problem. Wenn sich immer mehr Kinder die Freiflächen teilen müssen, fehlen auch Orte, wo sich die einzelnen Gruppen zurückziehen können und unbeobachtet spielen können. Eine Möglichkeit ist, Freiflächen in der Umgebung der Schule mitzunutzen.

Konsequenterweise müsste man mit Kindern aufs Land ziehen.
Nicht zwingend, denn in der Stadt gibt es auf engem Raum mehr Kinder. Die ­Voraussetzungen für ein Spiel in altersdurchmischten Gruppen wären ideal.

Und es gibt viele Spielplätze.
Die sind höchstens für kleine Kinder interessant. Die Grösseren finden Spielplätze langweilig. Ihnen fehlt da die ­Anregung.

Zürich wird ständig verdichtet. Ist das der Tod für das freie Spiel draussen?
Die moderne Stadtplanung birgt aus Kindersicht tatsächlich Probleme. Es fehlen nicht nur ungestaltete Räume, in hohen Häusern nimmt die Anonymität zu, und Kinder werden weniger unbeaufsichtigt ins Freie geschickt. Aber man kann dem entgegenwirken.

Wie?
Nur schon mit der Bauweise kann man die Anonymität geringer halten. Die Wege müssen überschaubar sein, die Höfe anregungsreiche Räume bieten. Und: Man kann nicht unendlich verdichten, Kinder brauchen urbane Brachen. Und Zürich hat natürlich auch Freiflächen, Grünflächen und Plätze. Man muss nur mitdenken, dass auch Kinder ihre Nutzungsansprüche an diese Flächen haben. Zudem können temporäre Spielstrassen die Sensibilität im Stadtquartier für das Draussenspiel fördern. Denn: Kinderlärm bedeutet Zukunftsmusik.

Lesung «Draussenspiel»: Donnerstag, 28. September, von 18.15 Uhr bis 20 Uhr. Zürcher Stadtgärtnerei, Sackzelg 27. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 21:25 Uhr

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Geschichte des Kinderspiels

Einst Ganztagsbeschäftigung

Nomadisierende Sammler und Jäger: Spielen (im Freien) ist die Hauptbeschäftigung der Kinder.

Vor der Industrialisierung: In Ackerbaukulturen werden Kindern erste Aufgaben zugewiesen, die sie im Spiel bewältigen.Immer mehr Kinder besuchen die Schule.Das Spiel wird aber als Zeitverschwendung verstanden.

Industrialisierung: Kinder arbeiten in Fabriken, Arbeit wird als Ausbildung in Disziplin verstanden. Die Zeit für Spiel wird rar, durch die Verstädterung schwindet der nötige Freiraum. Nur Arbeiterkinder (vor allem Knaben) spielen noch in den Gassen der Städte. Bewegung fehlt, zahlreiche Kinder haben Haltungsschäden. Sport unter pädagogischer Anleitung soll helfen. In Jugendgruppen gehen Kinder wandern. Daraus entsteht beispielsweise die Pfadfinderbewegung.

20. und 21. Jahrhundert: Die Motorisierung schränkt den Freiraum für Kinder ein. Spezielle Orte werden geschaffen, in Städten entstehen Abenteuerspielplätze sowie Kinder- und Jugendarbeit. Die Freizeit der Kinder wird strukturierter, und die Lebenswelt der Kinder verlagert sich in Innenräume. Spontanes Spielen im Freien in altersdurchmischten Gruppen wird immer rarer. (ema)


Christiane Richard-Elsner

Die 55-Jährige forscht zum Thema Kindheit im historischen und sozialwissenschaftlichen Kontext. Richard-Elsner lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf.

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