Seltsame Sprachkosmetik an der Zürcher Haltestelle

Die VBZ-Haltestelle Kehrichtverbrennung heisst neu Genossenschaftsstrasse. Vor der sprachlichen Gentrifizierung durch die Stadt ist nichts mehr sicher. Eine Betrachtung.

Die Bushaltestelle hat einen neuen Namen, die daneben stehende Kehrichtverbrennungsanlage KVA Hagenholz ebenfalls. Foto: Reto Oeschger

Die Bushaltestelle hat einen neuen Namen, die daneben stehende Kehrichtverbrennungsanlage KVA Hagenholz ebenfalls. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Genossenschaftssiedlung «Mehr als Wohnen» befindet sich 250 Meter neben der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz. Sie hat damit einen ziemlich grobschlächtigen Nachbarn, doch war dieser zuerst da. Jetzt ist die Wohngenossenschaft ihren dauerqualmenden Nachbarn zumindest sprachlich losgeworden: Seit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember heisst die Bushaltestelle nicht mehr Kehrichtverbrennung, sondern Genossenschaftsstrasse – gleich wie die Erschliessungsstrasse auf dem Hunziker-Areal, auf dem die 400 Wohnungen von «Mehr als Wohnen» stehen.

Die Haltestelle ist zwar immer noch gleich zugig, doch tönt sie nicht mehr nach faulig riechenden Züri-Säcken, sondern nach Solidarität und günstiger Miete. Auch erhält die Heimfahrt im Bus eine entspanntere Note, wenn sie in Worten nicht den Müll zum Ziel hat, sondern die Gemeinschaft. Der neue Name ist somit Teil der Aufwertung des Leutschenbachquartiers von einer Industrie- und Gewerbezone zum durchmischten Wohnquartier, dessen Wahrzeichen das exzentrische Schulhaus Leutschenbach mit der Turnhalle auf dem Dach ist.

Der Wunsch der Baugenossenschaft nach einer wohnlich tönenden Haltestelle vor der Haustür ist verständlich. Aber was ist mit den Menschen, die im Einzugsbereich der Haltestellen Krematorium Nordheim und Krematorium Sihlfeld wohnen? Hätten sie nicht auch einen gemütlicheren Stationsnamen verdient? Doch die Verkehrsbetriebe Zürich erwarten, dass die Anwohner diese Namen aushalten, gleich wie all die anderen Haltestellen mit Friedhofsbezug, Friedhof Eichbühl, Friedhof Uetliberg oder Friedhof Schwandenholz beispielsweise.

Stationen toter Firmen

Die VBZ sind eigentlich zurückhaltend mit Umbenennungen, einerseits wegen der Umtriebe und Kosten beim Ändern der Tafeln und Fahrpläne, anderseits sollen die Haltestellen länger Bestand haben als die Firmen und Institutionen, nach denen sie benannt sind. Sonst hiessen die Bushaltestellen in der Enge nicht mehr Rentenanstalt und Schweizer Rück, sondern Swiss Life und Swiss Re. Der öffentliche Verkehr soll nicht abhängig werden von privaten Marketingstrategien, die meist englisch tönen. Auch haben die Haltestellennamen eine identitätsfördernde Funktion: Güterbahnhof, Bircher Benner oder Elektrowatt verweisen auf einst wichtige Organisationen und haben damit einen denkmalpflegerischen Wert.

Es braucht den Segen aus Bern

Komplizierend kommt hinzu, dass das Benennen und Umbenennen einer Station des öffentlichen Verkehrs keine ­lokale Angelegenheit ist, sondern vom Bundesamt für Verkehr (BAV) bewilligt werden muss. So will es die eidgenös­sische «Verordnung über die geogra­fischen Namen». Tatsächlich geniesst die neue Haltestelle Genossenschafts-strasse den Segen aus Bern. Dieser wurde erteilt, weil die Genossenschafts-strasse eine neue Strasse ist und damit Teil einer Siedlungsentwicklung. Laut BAV passt sich die Haltestelle mit dem neuen Namen den neuen Verhältnissen an. Für die VBZ wiederum war auch wichtig, dass in der Wohnsiedlung «Mehr als Wohnen» über 1000 Menschen leben, weit mehr als täglich die Kehrichtverbrennung aufsuchen.

Doch geht es hier um mehr als nur um das Entwicklungsgebiet Leutschenbach. Die Entsorgung der Haltestelle Kehrichtverbrennung ist Teil einer sprachlichen Aufwertung der Stadt, an der die Verwaltung emsig arbeitet – eine Gentrifizierung mit Worten, die vor nichts halt macht. So ist es dem links­alternativen Polizeivorsteher Richard Wolff jüngst mithilfe des Stimmvolks gelungen, sich selber zum «Sicherheitsvorsteher» zu befördern, was weniger nach Parkbussen und Tränengas tönt.

Auch die Gasversorgung hat sich vom belasteten Wort Gas – Gaskammer, Giftgas – getrennt und nennt sich neu Energie 360°. Das Abfuhrwesen wurde zu Entsorgung + Recycling Zürich gesäubert und die Kehrichtverbrennungsanlage KVA Hagenholz zum Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz. Damit wird betont, dass aus Abfall Fernwärme entsteht, wodurch der Schlot vom Hagenholz einen gemeinnützigen, gar pädagogischen ­Anstrich erhält. Gewiss sind schon Überlegungen im Gang, wie man auch den «Kehricht» im Namen loswerden kann. «Olfaktorisch herausfordernder Wertstoff» wäre ideal, aber leider viel zu lang.

Erstellt: 21.12.2015, 22:46 Uhr

Artikel zum Thema

«Einen talentierten Inder von der ETH senden wir zurück»

Interview Ein Google-Ingenieur hat den Standort Zürich harsch kritisiert. Ständerat und IT-Unternehmer Ruedi Noser sagt, womit sich seine Branche arrangiert – und wo Verbesserungen nötig wären. Mehr...

Sandor Rozsas’ Zürich

Fotoblog Der freundliche Ungar liefert täglich kontrastreiche Bilder aus der Limmatstadt. Zum Blog

Google-Schelte an Zürich – Kanton wehrt sich

«Absurd»: Diesen Vorwurf muss sich Zürich für Arbeitsregeln aus Kalifornien gefallen lassen. Das lässt man an der Limmat nicht auf sich sitzen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...