Stadt der Satten

Zürich kriegt nicht genug vom Essen. Dabei hat gar niemand richtig Hunger.

Mit der Food-Verliebtheit liegt Zürich im globalen Mainstream: Streetfood-Festival «Guter Garten» beim Güterbahnhof (2016). Foto: Keystone

Mit der Food-Verliebtheit liegt Zürich im globalen Mainstream: Streetfood-Festival «Guter Garten» beim Güterbahnhof (2016). Foto: Keystone

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Es gab Zeiten, da stritt sich halb Zürich über den Intendanten des Schauspielhauses. Heute weiss kaum jemand, wie dieser (oder diese) heisst. Dafür kennen alle den Namen des neuen Kochs in der Bauernschänke.

Es gab Zeiten, da fragte man sich, in welchem Keller die illegale Party des Abends steigt. Heute gehört dazu, wer weiss, in welchem Keller das neuste Pop-up-Restaurant aufmacht.

Die Gastronomie ist zur dominierenden kulturellen Sparte der Stadt aufgestiegen. Das zeigt sich eindrücklich diesen Mai. Gleich vier Anlässe widmen sich der Nahrungsaufnahme. Die Food Zürich bietet über 140 Veranstaltungen (ja, alle zum Thema Essen). Stars kochen in Zürich. Wer weniger zahlen will, kaut mit am Burger- oder am Streetfood-Festival.

Auf jeden Fall spiegelt die Essbegeisterung die Stadtentwicklung.

Mit dieser Food-Verliebtheit liegt Zürich im globalen Mainstream. Die neuen urbanen Mittelklassen haben die Ernährung zum Statussymbol erklärt. Genügend Kalorien kann sich heute jeder beschaffen. Um sich sozial abzuheben, muss man diese in ausgeklügelter Form geniessen – und die Welt via Instagram daran teilhaben lassen. Dabei wird gerne betont, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Essen um mehr gehe als um einen vollen Bauch. Ernährung sei Politik, umgesetzt mit Messer und Gabel. Wer regional, saisonal und bio speise, tue mit jedem Bissen Gutes.

Man kann diese Food-Fixiertheit als Entkopfung des Kulturlebens bedauern. Oder sie preisen als Überwindung aller ideologischen Verkrampfungen. Endlich kann man sich auch in Zwingli-City ohne schlechtes Gewissen der kulinarischen Verfeinerung widmen.

Auf jeden Fall spiegelt die Essbegeisterung die Stadtentwicklung. Bis in die 90er-Jahre war Zürich auch eine Stadt der Hungrigen, der unzufriedenen Menschen, die nach Veränderung drängten. Nun hat die Stadt einen 20-jährigen Boom hinter sich. Dieser hat die Zürcherinnen satt gemacht. Wer sich heute ein Leben im Zentrum leisten kann, dem geht es gut. Sein Hunger beschränkt sich auf den Teller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2019, 18:58 Uhr

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